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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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9 Einwand wohl erwiedern, daß man anfangs auch mit Wenigem sich wird zufrieden geben müssen. Wi« nichtig ist aber dieser Trost! Und endlich, wie schwach, wie hinfällig sind die Grundlagen dieses großen Plans! Die Begründer denken in ihrer großen Begeisterung an den „Nationalgeist", sie sprechen vom „nationalen Antrieb", der nach Palästina dränge. Sie glauben und hoffen zuversichtlich, daß der zionistische Gedanke dort, in diesem Lande, wundervolle Früchte würde tragen können, denn dahin gehen ihre Hoffnungen, en ckernisre ansl^so, die technische Hochschule in früherer oder späterer Zukunft nach Palästina zu verlege«. Die Schule soll dann vom ungastlichen Boden Europas nach der Heimath, nach dem fernen Palästina verlegt werden. „Wenn Ihr aber wollt, so ist und bleibt das alles kein Märchen!" Die Urheber des Projekts errichteten bereits ein Bürean, dessen Zweck es seiir wird, die Propaganda zu betreiben und die Untersuchung der Angelegenheit zu beginnen. Der repräsentative Theil der Sache ist also erledigt: sahen wir doch auch dasselbe Verfahren bei der „jüdischen Statistik". Auch diese begann ihre Thätigkeit mit der Konstituirnng eines Komitees. Wie wir hier zu bemerken genügenden Anlaß haben, eigneten sich die Inden schnell die den Deutschen angeborene „Vereinsmeierei" an. Und rasch folgte auch die Reklame nach. Wir lesen in englischen und deutschen Blättern wörtlich folgende Notiz: „Die Begründung einer jüdischen Universität Planen, so berichtet ein Londoner Blatt, die Führer der Zionistenbewegung. Jüdische Geldleute sollen schon 1 000 000 Fr. für die Kosten des Plans, der im Ganzen etwa 12 000 000 Fr. erfordert garantirt haben. Gleichzeitig ist ein Plan im Gange, eine vollständige Geschichte des jüdischen Volkes vorzubereiten." Nun, wir warten. Wir wollen geduldig die Resultate der Vorbereitungsarbeiten abwarten und unser Urtheil nicht voreilig aussprechen, ja, wir beabsichtigen auch nicht einmal, demselben die Undurchführbarkeit zu prophezeien. Wir wollen aber nur noch eine Bemerkung unseren Betrachtungen hinzufügen. Die Arbeit, das Bestreben, das jüdische Schulwesen im Osten zu verbessern, zu reformiren, sollte von unten angefaugen und systematisch durchgeführt werden. Nicht vom Gipfel, von der Errichtung einer technischen Hochschule, sollte diese Kulturarbeit begonnen werden. Man müßte suchen, die nothwcndigen Aenderungen im gesammten Schulwesen Rußlands und Polens vorzunehmen. Wie viele solcher Schulen bestehen noch heute in Rußland und Galizien! Diese Chedarim sind wegen der geradezu schrecklichen Schulverhältnisse, wegen ihrer unerträglichen Einrichtungen mehr als bekannt. Dieses Schulwesen bedarf einer gründlichen Aenderung. Die Zionisten wollen eine technische Hochschule begründen, die zum Heil der jüdischen Bevölkerung werden soll; sie sollten aber in erster Linie an den wichtigsten Theil ihrer Kulturarbeit denken! Ein stürmischer Enthusiasmus durchdringt den Plan Jnng-Judas. Fast scheint es, als ob Diejenigen, die keinen Glauben haben, über einen desto größeren Vorrath an Hoffnung verfügen. Und doch würde etwas mehr Ueberlegung den meisten der Pläne Noth thun, die jetzt fast alltäglich und an allen Orten znm Heile Israels auftauchen. Gin italienischer Jude als Vermittler deutscher Geisteswerke. Von Prof. Ludwig Geiger. einem Briefe von F. L. W. Meyer, Meyer aus Bram- 4^» stedt, wie er zur Unterscheidung von seinen unzähligen Namensgenossen häufig genannt wird, einem Dichter und Kritiker, dem Biographen des Schauspielers Schröder, auf dessen merkwürdige Schicksale ich in meinem Buche: Therese Huber (Stuttgart 1901) aufmerksam gemacht habe, au Böttiger (Dresdener Bibliothek, Böttiger-Nachlaß Band 125) findet sich folgende Stelle: „Der italienische Jude den ich Ihrer Bekanntschaft zuführe, ist ein sehr feiner, gebildeter, überaus rechtschaffener Manu, dessen Liebe für deutsche Art und Kunst völlig uneigennützig ist, und keinen Anspruch auf einige Geldunterstützung macht. Argwohn, den seine höchst gemäßigten, freundlichen. Politischen Grundsätze wahrlich nicht verdienen, hat ihn von seinem Vaterlande entfernt: es mnß eine Zeit der Billigkeit kommen, die ihn dahin zurückführt, und alsdann sehe ich den Mann in ihm, der den verdientesten großen Meistern meines Vaterlandes im Auslände die Achtung erwerben kann, welche eine nichtswürdige Rotte bei unserem schwachsinnigen Publikum zu untergraben sucht. Um dieser mir theuren Hoffnung willen wünsche ich ihm den Lohn des Beifalls derer zu erwerben, die er bewundert, und sollten Sie unseren Wieland gestimmt finden, oder machen, ihm ein freundliches Wort, das als solches ausgelegt werden könnte, zuzuwenden, so fiele dadurch ein beseligender Sonnenblick aus den trüben, freudeleeren Pfad eines edlen Verbannten, dem nichts geblieben ist, als das Bewußtsein eines reinen Gewissens und tiefes Gefühl für die entzückende Stimme der Musen. Jetzt vergißt er sich selbst über Agathou; Miß Sara Sampson und Nathan der Weise sind in seiner Uebersetzung vollendet; so vertraut ist er mit dem Geist unserer Sprache, daß er keines hilfeleistenden Freundes zu seiner Dolmetschung bedurfte. Aber liegt Wielands Ausdruck den Lauten Hesperieus näher oder fand der Uebersetzer sich dem Agathon verwandter, gewiß bleibt es, daß er, nach meinem Gefühl, sich in der Uebertragung desselben selbst übertroffen hat. Lesen Sie und entscheiden. Es bedarf meiner Bemerkung nicht, daß Wieland mit einem solchen Uebersetzer deutsch reden darf, um von ihm verstanden zu werden: ebensowenig habe ich nöthig hinzuzusügeu, daß der Uebersetzer sich geehrt fühlen muß, wenn Sie es für gut finden, ihn in einer litterarischen Notiz dem deutschen Publikum bekannt zu machen. Beides aber ist nur mein Einfall, von dem der bescheidene Mann nichts weiß. Ihm genügt es, einige Blätter zu den Füßen des Altars voll Delphos zu legen, ohne zu erwarten, daß der Gott oder sein Priester ihm antworte." Der Brief ist leider nicht vollständig datirt. Es heißt nur: Berlin, 11. November, das Jahr ist weggerisfen. Aus der Erwähnung des „neuerlichen Aufenthalts in Weimar", die im Anfang des Briefes vorkommt, ist nicht viel zu machen, weil Meyer mehrfach feit 1786 in Weimar war; da der Brief indessen seiner ganzen Fassung nach einen ständigen Aufenthalt in Berlin voraussetzt, dieser aber von 1795—97 dauerte, -- ein anderer so langer^ist nicht nachweisbar, — so dürfte der Brief Ende 1795 oder 1796 gesetzt werden. Den Kennern Deutscher Litteratnr muß es sehr auffällig sein, daß oon den damaligen Weimarischen Großen weder Schiller noch Goethe genannt wird, um so auffälliger, als gerade in der genannten Zeit Meyer mit Schiller so gut stand, daß dieser ihm die Korrektur des ersten Musenalmanachs anvertraute und als er von Goethe außerordentlich geschätzt wurde. y Daß M. noch 1792 in Berlin war, freilich in ziemlich bescheidenen Verhältnissen, weiß ich aus eitlem Briefe G. Försters au Buchhändler Voß. Dies Datum würde zu des gleich zu nennenden Italieners Aufenthalt in Berlin (vergl. auch Zunz, Ges. Schriften I. 196 ^), besser passen. Es ist aber unmöglich, weil Böttiger erst Ende 1791 nach Weimar kam und erst nach Jahren die Mitredaktion des „Merkur" übernahm.

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