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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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8 Die Jugend aber glaubt fest daran, ihr fehlt das rechte Maß für das Mögliche, Ausführbare, sie denkt nicht an das Praktische. Di« Jugend schwebt in höheren, unerreichbaren Regionen und glaubt an die schaffende Kraft der allmächtigen Geister. Ja, die Jugend lebt nicht in der Wirklichkeit, sie giebt sich gern holden Täuschungen hin und denkt, man könne Gipfel erreichen, ohne die Stufen in den Felsen ansgehauen zu haben. Auch wir sind zu unserem lebhaften Bedauern gezwungen einzusehen, daß der größte Theil der jüdischen Intelligenz im Osten von seinen natürlichen Bahnen, was die technische Ausbildung anbelangt, thatsächlich abgehalten wird. Immer schwieriger gestaltet sich der Zugang zu den deutschen und schweizerischen technischen Hochschulen für die aus Rußland reich zuströmende Jugend. Beinahe unmöglich wird ihnen jetzt dieser Weg. Wie viele unserer jungen Glaubensgenossen kommen zu diesem Zwecke vergeblich nach Deutschland! Diese überaus peinliche Sachlage, dies Hinderniß, das der wissensdurstigen Jugend auf den Weg gelegt wird, zwingt uns an die Beseitigung des Uebels, an das Schaffen einer Abhilfe zu denken. Freilich, was sollen wir thun? Wir müssen energisch ans Werk gehen, zwingen uns doch die Verhältnisse hierzu! Die bis nun gastfreundlichen Pforten der technischen Hochschulen schließen sich den zuströmenden Studirenden bereits zur Hälfte. Die einzige, einfache und konsequente Lösung dieser Frage wäre nun nach der Ansicht jener Herren diese: „Gründen wir hier im Westen, wo unseren ausländischen Glaubensgenossen so wenig Gastfreundlichkeit entgegengebracht wird, eine eigene technische Hochschule!" Wie einfach das klingt! Der Gedanke, eine solche Anstalt in Palästina zu begründen, erscheint den Herren auch nicht einmal unmöglich. Dieser Gedanke begegnet sogar beim natioualistischeu Eros der Partei sehr vielen Sympathien. Aber es sind Wohl doch nur Anstandsgründe, die die Herren veranlassen, diesen Vorschlag zu machen. Sollte z. B. der Plan der Begründung der technischen Hochschule in Palästina an irgend einem Hinderniß scheitern, so bleibt ihnen doch immer noch Europas Boden als „Reserve". Man müßte sich dann eben zu trösten suchen: solch ein Institut könnte ja mit der Zeit nach Palästina verlegt werden! Man muß den Plan aber zunächst ans ausführbare Wege lenken. Di» Begründer der jüdischen Hochschule sind dementsprechend bereit, ihre Anstalt in der Schweiz oder in England zu errichten. Eine elegischer Ton erschallt aus ihren Auseinandersetzungen, aus den zahlreich vvrgebrachten Einwänden: Es wär' zu schön gewesen, Es halt' nicht sollen sein! — Welch unermeßliche Vortheile böte eine derartige Hochschule dem gesummten Judenthum, welch kostbares Geschenk könnte sie der Jugend werden, meinen sie. Die Resultate einer solchen Schule müssen bedeutende werden, sie sollen die Entwickelung der jüdischen Industrie fördern, den Triumph des Nationalgeistes bringen; die Hochschule soll den Wissensbedürftigen und den jüdischen Gelehrten, die bis nun vergebens heimathlos in der weiten Welt herumwandern, eine Heimstätte für ihr Wirken und Schaffen bieten. Unzählige Wohlthaten sollen aus diesen Hochschulen dem Judenthum ersprießen. Ja, das alles klingt so schön, so verheißungsvoll, aber hören wir doch auf die Stimme der Wirklichkeit und — wie viele Enttäuschungen wird uns diese bringen! Diese Stimmen werden uns die Unmöglichkeit, ja die Unausführbarkeit eines solchen Plans zeigen. Wir müssen zunächst an die Folgen der Ausführung dieser Idee denken. Kaum wäre sie begründet, so würden alle ausländischen technischen Hochschulen über einen treffenden Absperrungsgrund verfügen, und ihre bis nun halbgeöffneten Pforten würden sich selbstverständlich den jüdischen Studirenden gänzlich verschließen. Die Begründer des Hochschulgedankens meinen, daß man sich darüber leicht wird hinwegsetzen können, »veil man doch selbst eine technische Hochschule besitzen wird. Ja, setzen wir sogar voraus, daß es ihnen gelingen könnte, durch »vohlthätige Spenden, Geldsammlnngen u. s. »v. sowie durch Unterstützung der Organisation die geplante Hochschule zu eröffnen. Was dann? Wird sie den Anforderungen der Neuzeit wirklich entsprechen, wird sie die Höhe erreichen können, die irgend ein europäisches Polytechnikum inne hat? Haben die Begründer dieses ihnen so leicht ausführbar erscheinenden Plans an die Schwierigkeiten gedacht, entsprechende Lehrkräfte dem Institute zu gewinnen? Und dann die materiellen Mittel! Sie verlangen ja nur eine so geringe Kleinigkeit: nicht inehr als sechs Millionen Mark »vollen sie haben! Nehmen wir an, daß auch dieser Betrog den Begründern zur Verfügung stehe»» sollte, woher aber werden sie die Mittel zur Fortführung aufbringen? Die jüdische Hochschule wird über das Einkommen der anderen Anstalten, wie Schulgeld, Dozentenhouorare u. s. w„ die von jeden» Schüler bezahlt werden, nicht verfügen können. Das lernende Proletariat ist leider arm an Geldmitteln. Die reiche studirends Jugend aber wird auch ohnedies den Weg zu den ausländischen technischen Hochschulen finden. Die Begründer der jüdischen Hochschule nehmen an, daß sie jährlich ungefähr 635 000 Mark Defizit habe»» würden; wer wird ihnen das Geld zur Deckung dieses Defizits zu geben bereit sein? Die Herrei» treten nun an das gesammte Judenthum mit der warmen Bitte uin lebhaftes Mitwirken an dieser Arbeit heran; die große Idee spornt sie au, keine Mühe zu scheuen, keine Mittel zu sparen. Gilt es doch, »nit der Errichtung einer jüdischen Hochschule „der Jugend das kostbarste Geschenk zu geben!" Sie gehen sogar so »veit in ihren» Enthusiasmus, die Betheiligung an der Sache eine „nationale Pflicht" zu nennen, sie »vollen auch keine Durchführungsuninöglichkeiten anerkennen, selbstredend, was die Nothwendigkeit der Schule anbelangt. Sie sehe»» in einer derartig ins Leben gerufenen Hochschule das Heil der studirenden Jugend jüdischen Glaubens. Wer wird aber nun im Stande sein, einDefizit von 635,000 Mark jährlich zu decken, wer »vird geneigt sein, diese Last zu übernehmen? Würde doch eine jüdische technische Hochschule (»vir nehmen an, daß eine solche in eine der europäischen Städte begründet »vird) nicht berechtigt sein, auch nur die geringsten Ansprüche und Fordenrungen an den englischen oder schweizerischen Staatsschatz zu stellen. Zweifelsohne, die ^enisii llolonisatioi» -lsi-oeistion hätte wohl die Möglichkeit, eine derartige Hochschule zu errichten. Sie verfügt über die dazu nöthigen Geldkapitalien. Aber wir möchten auch in diesen» Falle starke Zweifel hegen, ob denn die neubegründete Lehranstalt nicht trotzdem ein Institut zweiten Ranges werden würde, unfähig, einen Vergleich mit den gegenwärtigen Hochschulen technischer Wissenschaft ausnshmen oder aushalten zu können. Die Anhänger des Projekts einer technischen Hochschule werden auf diesen unseren

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