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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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7 jener Zeit haben sehr viele die Meinung ausgesprochen, daß, wenn die Juden nicht freigesprochen werden, zu befürchten sei, daß anderen Tags Tausende erschlagen würden. — Eine solche Aeußerung konnte möglicherweise auch Graf Andrassy gethan haben. Das ist aber etwas ganz anderes! Mit herzlichem Gruße Ihr getreuer Budapest, 12. Oktober 1002. Karl von Eötvös. Der einstige Oberstaatsanwalts-Substitut und gegenwärtige Richter an der königlichen Kurie, Eduard Szeyffert, erklärt Folgendes: „Ich wurde zum Tisza-Eßlarer Prozesse als Staatsanwalt mit dem bestimmten Austrage entsendet, alles, was in meinen Kräften steht. auszubieten, damit die reine und volle Wahrheit an den Tag komme. Ich habe nie einen anderen Auftrag erhalten. Mit aller Bestimmtheit erkläre ich, daß niemals, weder offiziell noch privatim, weder von Seite der Negierung noch einzelner Organe der Justizverwaltung, auch nur der Versuch unternommen wurde, die richterliche Ueberzeugung während der Dauer des Gerichtsverfahrens, geschweige denn vor Schöpfung des Endurtheiles, in einem vorgefaßten Sinne zu beeinflussen." Diese Zeugnisse werden für objektiv urtheilende Leser wohl ausreichen. L. Eine jüdische Hochschule. Von Dr. S. Rundstein. vang zum Studium, das sehnsuchtsvolle Verlangen nach geistiger Ausbildung sind wvhl die bedeutendsten Kennzeichen der seelischen Anlagen, die wir bei der jüdischen Bevölkerung zu bemerken oft Gelegenheit haben. Zur Zeit, wo die grausamsten unserer Feinde unser heiligstes Gut entehrt, geschändet, wo die römischen Legionen Jerusalem mit eisernen Ketten umringten, trat ein blasser Greis zitternd vor das Antlitz des Feldherr«. Rabbi Jochanan den Zakkai war es, der, umgeben von nur wenigen seiner Schüler, in diesen Tagen den Mnth besah, für sein Volk zu bitten, in dessen Namen dem gestrengen Feldherrn den Wunsch seiner leidenden Brüder vorznlegen. „Herr," sprach er zaghaft, „las; mich in Jabne eine Schule gründen! Der Vertreter des Judenthums hegte in diesem entscheidenden Augenblick keinen anderen Wunsch, keine andere Bitte hatte er auszusprechen. Seine Worte enthielten weder die Bitte um Unabhängigkeit, noch um Leben flehte er den Feldherrn an. Seine Bitte enthielt seine und seiner Brüder Sehnsucht nach Wissenschaft. Möge man ihnen doch diese überlassen, sie wollen ja nur die Möglichkeit besitzen, sich in Ruhe ihren mühsamen Aufgaben zu widmen, und sie könnten dann auch die Entwickelungsarbeit in den veränderten Berhältnissen weiter fortsetzen. Dies war die Bitte eines Mannes, den man heute vielleicht als Fanatiker bezeichnen würde, allerdings als einen Fanatiker, der die Vortheile der wahren Erkenntniß viel höher stellt als alles Andere im Leben. Die Verhältnisse, in denen wir jetzt leben, sind gänzlich verändert. Das Sehnen »ach Wissen ist aber das gleiche geblieben. Die einseitige Vertiefung in die talmudische Kasuistik übte, wie wir leider einsehen müssen, keinen günstigen Einfluß auf das Schicksal der Juden aus. Immer krasser, immer stärker wurde die Abgeschlossenheit, die Absonderung des Judenthums. Der Fanatismus, der die frischen, erquickenden Quellen der Kultur stets verstopfte, trat als ihre unmittelbare Folge auf. Die Fahne, unter welcher wir jetzt unseren Kampf fortsetzen, trägt ganz andere Farben! Wir kämpfen unter der Fahne der Erkenntnis;, die allen Juden in Europa den Weg zur Kultur weisen soll, zu jener Kultur, die eine Gegnerin jedes fanatischen Separatismus ist und diesen entschieden verurtheilt. Wie schwer, wie unendlich schwer wird uns dieser Kampf werden, wir sehen es schon an der Gestaltung der gesammten jetzigen Verhältnisse! Die eigenen Erben der hohen Traditionen des Rabbi Jochanan stehen, allen Bestrebungen oft feindselig gesinnt, mit dem hartnäckigsten Eigensinn bewaffnet gegenüber. Welch sonderbare Schicksalsironte! Sie wollen keine neue, keine moderne Schule haben, sie verharren hartnäckig bei der alten, der überwundenen! Wie interessant ist dieser historische Prozeß, der sich vor unseren Augen vollzieht! Da tritt Wissenschaft gegen Wissenschaft auf. Beide Richtungen tragen einen Namen, der Inhalt ist aber verschieden. Die Wissenschaft als Ueberrest der Vergangenheit ist verklungen, das Helle Licht der Erkenntniß, der Vorbote der Zukunft, tritt dagegen deutlich hervor.... Wir erinnern uns unwillkürlich an all das Gesagte beim Lesen der jüngst erschienenen kleinen Broschüre : „Eine jüdische Hochschule." (Jüdischer Verlag. Berlin 1902.) Die Führer der sogenannten jüdischen Renaissance, die sich demokratische Fraktion zu nenne» pflegen, Planen die Begründung einer jüdischen technischen Hochschule. Sie treten mit diesem Plan vor die Oeffentlichkeit, wollen das gesammte Judenthum für ihre Idee begeistern und legen alle sie dazu bewegenden Gründe sowie sämmtliche dagegen sprechenden Hindernisse vor. An sich wäre ja der Plan bestechend, aber der Mangel an praktischem Sinn, an dem es leider der Jugend so oft fehlt, tritt auch hier in reichem Maße hervor. Die Begründer dieser Idee wollen von der Errichtung des Dachfirstes beginnen. Wie unpraktisch! Mus; man denn nicht zuerst an die Legung des Grundsteins denken, wenn man an ein ernstes Werk heranzntreten beabsichtigt. Auch die eifrigsten Anhänger der Hochschulidee müssen nach reifer Ueberlegung zugeben, daß man die Arbeit nicht in dieser Weise beginnen könne. Der Anfang der Kulturarbeit wäre ganz wo anders zu suchen. Sie müssen es gestehen, sie sind dazu beinahe gezwungen, daß man zuerst die sog. Elementarschulen des Ostens die den Namen „Chedarim" tragen, vorher gründlich räumen, müßte. Wie elend, wie mangelhaft sind ihre Einrichtungen, wie vieler Aenderungen bedarf die gesammte Organisation dieser Schulen! Sie müßten gänzlich umgestaltet werden, um ihren Aufgaben auch nur halbwegs Genüge zu leisten' Die Urheber dieser neuen Idee haben aber nicht den Muth, dies zu gestehen, sich offen hierzu bekennen zu wollen. Solch ein Geständniß könnte doch so leicht die mächtige Orthodoxie verletzen, vielleicht auch unmittelbare Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Hervorrufen. Nein, lieber schweigen! Die Urheber des Projekts kämpfen ja unter dem Zeichen der zionistischen Embleme. Und diese soeben angegebenen Gründe zwingen die Jung-Juden, das künstliche Gewebe des Sophismus zu suchen, um einigermaßen ihre Absichten zu erklären. Ihr Ziel lautet: schaffen wir „ein Cenirmn der jüdischen Wissenschaft", und erst dann wollen wir dem jüdischen Volke, den gesammten Volksmaffen, die Wissenschaft durch dieses Sieb zutheilen. Geometrisch genommen kann man zuerst das Centruin zeichnen, um dann den Kreis fertig zu bringen. Jawohl, aber in der Wirklichkeit ist dies undurchführbar. Die Sache verhält sich etwas anders!

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