Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228529--59360-3295871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. Mar Hirsch. einen siebzigsten Geburtstag beging am 30. Dezember Dr. Max Hirsch, der bekannte Politiker, der als Gründer und Anwalt der deutschen Geiverkvereine der sozialen Entwickelung Deutschlands eine entscheidende Richtung gegeben hat und mit dem geistigen Leben besonders Berlins aufs Engste verknüpft ist durch die Organisation und langjährige Leitung des Wissenschaftlichen Centralvereins und seiner Volkshochschule, der Humboldt-Akademie. Dr. Max Hirsch wurde am 30. Dezember 1832 in Halberstadt geboren, als Sohn des Handschuhmachers Alexis Hirsch und seiner Gattin Brünette geb. Jlberg; die Eltern siedelten gegen Ende der dreißiger Jahre nach Magdeburg über, um dort bald ein eigenes Geschäft für Spiritus und Landesprodukte einzurichten, dessen glücklicher Erfolg sie in den Stand setzte, ihren Kindern die sorgfältigste Erziehung augedeihen zu lassen. Von der Halberstädter Bürgerschule kam daher der junge Max auf die Vorbereitungsschule zu Magdeburg und dann aus das dortige Domghinnasium; als Siebzehnjähriger siedelte er schon zur Universität über und studirte von 1850 bis 1855 in Tübingen, Heidelberg und Berlin Naturwissenschaft, Philosophie, sremde Sprachen, Rechts- und Staatswissenschast, mit besonderem Eifer aber Nationalökonomie, der er sich zunächst als akademischer Lehrer zu widmen gedachte. Nach glänzend bestandenem Doktorexamen unternahm er 1856 eine Studienreise durch Frankreich und Nordafrika, um in einem Centrum der Kultur und dann auf noch völlig unbebautem Boden die Probe auf seine Doktorthesen und die Theorien der Kathederwissenschast zu machen. Die Eindrücke dieser Reise fixirte er in dem 1862 erschienenen sehr interessanten Werke „Reise in das Innere von Algerien". Das Bedürfnis;, dem Praktischen Leben seine Krast7 zu widmen, entzog ihn während mehrjähriger weiterer Studien in Güttingen und Breslau immer mehr dem ursprünglichen Plane einer akademischen Laufbahn und führte ihn zunächst in den Buchhandel, der ihn; die eigentlichste Verbindung zwischen Wissenschaft und Leben schien. Mehrere Jahre erwarb er sich in Leipzig und Berlin als Volontär die nöthigen praktischen Kenntnisse und übernahm dann 1861 eine Verlagsbuchhandlung, die er von Frankfurt a. M. nach Berlin überführte. Nunmehr begann er sich dem politischen Leben auch aktiv zu widmen; er schloß sich zunächst der deutschen Fortschrittspartei an und kämpfte auch für ihre Ziele in einer Wochenschrift „Der Fortschritt", die ihm mit ihren zahlreichen schriftstellerischen und Persönlichen Beziehungen bald auch die innersten Kammern des politischen Lebens erschloß. In Handwerker¬ und Bezirksvereinen, deren Vorsitzender er vielfach war, entwickelte sich Hirsch zum politischen Redner, dessen Wort gehört wurde in weiten Kreisen. Da rief ihn der 1862 erfolgende Tod seines Vaters nach Hause zurück und drohte den ganzen Entwurf seines Lebens über den Haufen zu stürzen. Die Erwerbsquelle der Familie, das Magdeburger väterliche Geschäft, verlangte eine rüstige Kraft, und Max Hirsch fügte sich in diesen Wechsel seiner Thätigkeit. Versöhnen mußte ihn mit dem Magdeburger Leben der junge Ehebund, den er 1863 mit Agathe Finkelstein aus Leipzig schloß; seine Lebensgefährtin konnte heute im Kreise ihrer drei Kinder, zweier Söhne und einer Tochter, in rüstiger Gesundheit den Ehrentag ihres Gemahls mitbegehen. Aber auch in sozialer und politischer Beziehung gab es in Magdeburg allerlei zu schaffen, was unserm Max Hirsch in Verbindung hielt mit seiner geistigen Aufgabe; die Arbeiterbildungsvereine, die Konsum- und Vorschußvereine boten ein weites Feld für eine strebende Kraft und belohnten den Thätigen mit einer Summepraktischer Erfahrungen, die ihm trefflich zu statten kam, als Hirschs jüngerer Bruder ihm die Last des kaufmännischen Geschäftes abnahm und er wieder nach Berlin zurückkehren konnte, um sich nunmehr völlig dem öffentlichen Leben zu widmen, das zu Ende der sechziger Jahre kaum Kräfte genug finden konnte. Die 1867er Mißernte und die darauf folgende Hungersnoth in Ostpreußen verschaffte Hirsch eine erste große Mission. Die abwartende Nathlosigkeit der Regierungen aufzurütteln, reiste er hin auf das Schlachtfeld des Hungertyphus und rief durch seine erschütternden Schilderungen des Volkselends die Oeffentlichkeit zu thatkräftiger Hilfe auf. Dieser Erfolg löste bei Hirsch wohl erst das Problem der Selbsthilfe aus, das er von da ab für soziale Thätigkeit einführte, zu ihrem Prinzip machte. Es erwies sich als fruchtbringend im höchsten Grade und führte ihn zuletzt zur Gründung der deutschen Gewerkvereine, nachdem er diese Institution 1868 auf englischem Boden eingehend studirt hatte. Seine „Sozialen Briefe aus England" in der Berliner Volkszeitung sind die Anfänge dieser Bewegung, die mit ganz ungeheurer Wucht sich Bahn gebrochen haben im sozialen Leben Deutschlands. Die deutschen Gewerkvereine zählen heute gegen 2000 Ortsvereine in über 1000 Städten des Reiches mit über 100000 Mitgliedern und einem Vermögen von drei Millionen, nachdem sie Weihnachten 1868 mit sieben Ortsvereinen ins Leben getreten waren. Der erste war der heute 28000 Mitglieder zählende Gewerkverein der Deutschen Maschinenbau- und Metallarbeiter. Seit 32 Jahren ist Max Hirsch der Anwalt dieser Vereine, und neben seinem Gesinnungsgenossen Schulze-Delitzsch wird hier fein unvergänglichstes Denkmal sein. Damit ist aber Hirschs Lebensarbeit keineswegs erschöpft. Er gehörte 1869 bis 1871 dem letzten norddeutschen Reichstag an und wurde bis 1893 viermal in den deutschen Reichstag gewählt, wo er den sozialen Fragen seine wirksame Beredsamkeit widmete, und in Sachen der Arbeiterschutzgesetze, der Gewerbegerichte, der Eiuiguugsümter, der Arbeiterversicheruug, der freien Hilfskassen und der Arbeiterbernfungsorganisatiou hat er manche werthvolle Anregung gegeben, die auch später ins Leben trat. Das Programm der Freisinnigen Volkspartei ist mit seinem hervorragenden Antheil entstanden. 1898 wurde er vom 1. Berliner Wahlkreis in das preußische Abgeordnetenhaus gewühlt; sozialpolitische und agrarische Fragen sind hier das Hauptgebiet seiner Thätigkeit, unter anderem brachte er einen Antrag auf Anstellung weiblicher Gewerbeaufsichtsbeamten durch, der auch sofort zur Ausführung gelangte. Seit 1891 ist Hirsch ferner Schrift- und Geschäftsführer der deutschen Gruppe der „Interparlamentarischen Friedenskonferenz", und den Kongressen in Brüssel, Budapest, Christiania w. hat er aktiv beigewohnt, nicht weniger zahlreichen sozialen Kongressen, z. B. den Generalversammlungen des Vereins für Sozialpolitik rc. Hirsch war Mitbegründer der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz und Referent über „Verbot der Nachtarbeit" auf dein Pariser Kongreß 1900, ebenso der Deutschen Gesellschaft für soziale Reform und vieler ähnlicher Institutionen. Ein schriftstellerisches Resultat dieser seiner politisch-sozialer