Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-01-02 · Heft 1 (2.1.1903) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 1 (2.1.1903)
Date
1903-01-02
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228529--59359-3295870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 räumen müssen, daß Rumänien tolerant (?) und wohlmollend gegen Jedermann, selbst gegen seine Feinde, sei. Mail werde den Verleumdern keinen Vorwand geben. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das zur Verhandlung stehende Ansuchen wurde bewilligt. Der logische Fehler in der Argumentation des Ministers liegt nach dem „Berliner- Tageblatt" nur darin, daß Rumänien die Juden, soweit es sich um ihre Rechte handelt, als Ausländer, das heißt als politisch rechtlos betrachtet, dagegen sie, soweit Pflichten in Betracht kommen, als Inländer ansieht und die Juden nicht nur zur Steuerpflicht, sondern auch zur Wehrpflicht heranzieht, was gegenüber einem wirklichen Ausländer völkerrechtlich unzulässig wäre. 4 Daß die Juden auch die Schuld an den Wirren in Venezuela tragen, war allen Einsichtigen längst klar, und man mußte sich nur wundern, daß die hiesigen Antisemitenblätter, von der „Krenzzeitung" angefangen, so schlecht iufvrmirt sind, daß sie das noch nicht enthüllt haben. Aber diesmal war ihnen ein bayerisches Blättchen gleichen Kalibers in der Fixigkeit über. Der „Regensburger Anzeiger" stellte kühn die Frage auf: „Wer führt Krieg und schließt Frieden?" und beantwortet sie selbst: „Die Londoner „Daily Mail" berichtet aus Washington, es verlaute, daß die jüdische Bankfirma Seligmann in London Gelder ausbringe sür die Regelung der venezolanischen Schulden durch eine neue Bondsausgabe. Diese Meldung findet zum Theil ihre Bestätigung; es seien aber auch noch andere Finanzleute in dieser Angelegenheit thätig. Also die Juden bestimmen über den Friedensschluß!" Das ist wirklich entsetzlich. Aber nun wissen wir auch, warum die Berliner Antisemitenblätter diese hochwichtige Nachricht nicht gebracht haben. Die Juden als Friedensstifter passen ihnen nicht in ihren traurigen Kram. Natürlich sind die Juden auch an den Unruhen in Marokko schuld. Die marokkanische Frage beschäftigt ja wieder aufs Lebhafteste alle Gemüther. Eine Fülle von wahren und falschen Nachrichten kommt aus diesem noch selbständigen muselmännischen Staate, der nur durch die Eifersucht der europäischen Mächte sein eigenartiges Leben fristet. Fast scheint es, als nahe seine Stuilde heran. Da erscheint es einem Korrespondenten der „Münchener Neuesten Nachrichten" doppelt geboten, die kommenden Ereignisse vom deutschen Standpunkte aus eingehender zu prüfen. Was den Norden betrifft, so seien die Unruhen lokaler Natur gewesen und gewaltig übertrieben worden. Die Hauptunruhestifter säßen in Paris und Madrid. Außerdem werden alle Nachrichten in Marokko, da sie sich gewöhnlich nur von Mund zu Mund fortpflanzen, stark übertrieben und finden auch leicht geneigtes Gehör. Vielfach sei aber auch an diesen Uebertreibungen, so sagt er, die jüdische Bevölkerung schuld, da sie am heißesten eine Okkupirnng Marokkos ersehne. Wenn man die Allianzberichte aus Marokko liest, die fast allmonatlich von einem Morde, an wehrlosen Juden verübt, von Beraubungen und Gewaltstreichen gegen solche in Marokko zu berichten haben, so gewinnt diese Behauptung eine eigenthümliche Beleuchtung. Man kann es den dortigen Juden dann wahrhaftig nicht verargen, wenn sie am heißesten die Okkupation ersehnen in einem Lande, in dem die von Alters her eingewurzelte administrative Anarchie, der krasse Fanatismus, eine schier unglaubliche Indolenz des ganzen Volkes, die Systemlosigkeit der Verwaltung, absoluter Mailgel an geschriebenen Gesetzen (mit Ausnahme des Korans), das gesammte soziale Leben und Treiben in diesem wüsten Staatsgebilde jede Möglichkeit der Durchführung irgend einer vernünftige»! Regierungsmaßregel von vornherein ausschließt. * Wie einst Spanien, so hat noch jetzt Persien eine große Anzahl „Marannen", die aber selbstverständlich nicht „Marannen", d. h. Neuchristen, sondern „Dshediden", d. h. „Neubekehrte" heißen. Die neue Bekehrung ist bereits Mitte des 18. Jahrhunderts, und zwar an einem unglücksvollen Purimtage, erfolgt. Dieser Festtag, an dem die Juden Persiens vor nunmehr 24 Jahrhunderten die persischen Hamaniten, die man heutzutage Antisemiten nennen würde, besiegt haben, ist allinülig für sie aus einem Freudentage ein Tag des Schreckens geworden. Zwar wissen die Perser, deren beglaubigte Geschichte erst mit den Sassaniden beginnt, ebensowenig etwas von Haman, wie sie von Cyrus, Darms und vvn dem ganzen glanzvollen und glorreichsten Abschnitt ihrer Vergangenheit, von Persiens goldenem Zeitalter der Achmäniden, etwas wissen. Allein die Thatsache, daß die Juden Persiens am Purimfeste eine Puppe, welche Haman versinnbildlichen soll, ausstopfen dieselbe arg malträtiren und schließlich unter Hohngelächter zum Tode am Galgen vernrtheileu, war von jeher sehr geeignet, die fanatische Bevölkerung gegen sie aufzubringen. Dieses beuteten die mohammedanischen Priester auch weidlich aus wie ihre andersgläubigen Standesgenossen im fernen Spanien das Blutmärchen am Paffahsest auszunutzen Pflegten. Sie redeten dem Volke vor, die Puppe soll den Jman Risa, den größten Heiligen der Schlitten, darstellen, den die Giaurs in dieser Weise lästern und entweihen. Durch solche Mittel gelang es den Mulleys endlich am Ausgang des 18. Jahrhunderts an einem Purimtage den Pöbel von Meschched und Chorassan derartig gegen die Juden zu fanatisiren, daß er unter ihnen ein furchtbares Blutbad anrichtete und die Ueberlebenden zwang, sich zum Mohammedanismus zu bekehren. Seitdem leben 5000 Juden in Meschched als „Dshediden". Sie heirathen aber nur unter einander und essen Fleisch nur aus eigener Schechitah. An» Sonnabend haben sie ihre Läden zwar offen, verkaufen aber in denselben nichts, vielmehr wird etwaigen kauflustigen Kunden, wenn sie den Laden betreten, von einem Knaben mitgetheilt, daß der Besitzer dringender Geschäfte wegen sich auf einige Zeit entfernen mußte. Während des großen mohammedanischen Fastens nehmen sie sich sehr in Acht in Gegenwart eines Muselmannes zu rauchen oder gar zu essen. Wie Kapitän Michailow im „Askhabad" mittheilt, wohnen zahlreiche Dshediden auch in Merw, wohin sie lange noch, bevor man da von den Russen etwas gehört hat, eingewandert sind. Während aber die wilden Turkmenen diese „Nenbekehrten" als Mohammedaner gelten ließen, beginnen die „Kulturträger nach dem Osten" sie als Juden zu behandeln resp. zu mißhandeln. Ihre Schule wurde schon längst geschlossen, und nun wird, wie eben derselbe „Askhabad" meldet, ihre Ausweisung geplant. Wo der russische Wolf hinkommt, da wird das jüdische Lamm erwürgt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.