Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1903)
- Date
- 1903-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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2 ihnen die Abbilder des Urbildes des Jndenthums erkennt, der da nicht fest durchdrungen wäre von der Erkenntniß, daß jene beiden Religionen die Werkzeuge der göttlichen Vorsehung sind, um die Menschheit der reinen Gotteserkenntniß näher zu bringen. Mehr sollte man aber von uns nicht verlangen; wir bleiben fest und unerschütterlich von dem Glauben an die weltgeschichtliche Bedeutung des Jndenthums als Religion der Zukunft durchdrungen: das eben seine Kinder hinansgesandt hat, uni die Menschen für seine rechte Würdigung vorzubereiten. Wenn es eine Zeit gegeben hat, wo der Stifter der christlichen Religion im Kreise der Juden einer unfreundlichen Bewerthnng ausgesetzt war, so vergesse inan nicht, daß in diesem Name» die giftigsten Pfeile gegen die Bekenner des Judenthums geschleudert wurden, daß sein Tod dazu herhalten mußte, um Haß und Hader allenthalben gegen uns anzustiften. Wir stehen nicht an zu erklären, daß aus dem Munde Christi Worte geflossen sind, die zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was die Menschen kennen. Diese sind eben ein Erbstück des Judenthums, aus dem er hervorgegangen. Das gestehen wir gern zu, und in diesem Sinne sympathisiren wir gewiß umsomehr mit jenen Lehren, wie sie die Bergpredigt enthält, da sie auch ans dem Geiste des Judenthums hervorgegangen ist. Zerstreut sind diese Lehren alle auch im rabbinischen Schriftthum enthalten, und das prophetische Judenthum hat lange vorher die Anerkennung solcher Sittlichkeit in hohem Maße gefordert und auch erreicht. Wozu wir uns aber nie bekennen werden, das sind nicht blos die Grunddogmen des Christenthums, die auch von vielen seinerBekenner geleugnet werden, sondern auch die Anerkennung, daß „der Glaube selig macht". Hier gehen die Wege aus einander; es giebt aber so vieles, das uns eint, daß es weit verdienstlicher wäre, dies vor allem in den Vordergrund zu stellen. Dazu fordern wir, wie so oft schon, so auch im neuen bürgerlichen Jahre wieder Alle auf, die sür unser „Seelenheil" so ängstlich besorgt sind, — wir folgen damit nur der Spur jenes Mannes, der die neue Zeit unter den deutschen Juden angebahnt hat. Aie Woche. Berlin, 1. Januar. ist jetzt wieder viel die Rede von einer großen liberalen Partei in Deutschland. Mommsen und Liszt haben in großen Zügen das Bild dieser Partei entworfen, die nach der Ueberzeugung des gefeierten Nechtslehrersauch vor allem „gegen den öden und unfruchtbaren Rassenantisemitismus" Front machen soll. Die Gegner haben natürlich diesen Satz sofort herausgegriffen, um die Idee von vornherein in den Augen ihrer Anhänger zu diskreditiren. Und die liebe „Kreuzzeitung" erklärt feierlich: „Jüdisch darf der Liberalismus der Zukunft nicht sein, oder er wird sozialdemokratisch sein." Das Ideal der „Kreuzzeitung" scheint ein Liberalismus zu sein, der an Rassenhaß mit dem Antisemitismus und an Klaffenhaß mit dem Agrarierthum erfolgreich mn die Palme ringt. Derselben Ansicht scheinen auch die Führer der Berliner konservativen Bewegung zu sein. Einer dieser Herren, ein Bildner der Jugend, Lehrer Schröder, hat kürzlich die Parole: „Kampf gegen die Sozialdemokraten" ergänzt wissen wollen durch den Zusatz: „und gegen das Judenthum." Und dieser Wunsch fand allgemeine Zustimmung. In diesem einen Punkte sind Konservative und Agrarier in rührender Übereinstimmung, wie heftig sie sich auch sonst befehden und beschimpfen. In Braunschweig hat Dr. Hahn sogar von Leuten gesprochen, die wohl die Uniform des Bundes tragen, aber von der Fahne weichen, wenn sie ihr Treue beweisen sotten; nur die deutsch-soziale Partei habe sich als echt erwiesen, in der konservativen Partei dagegen gebe es Männer, die sich wohl konservativ nennen, aber es nicht seien. Die Antisemiten haben nämlich alle gegen den Zolltarif gestimmt — die „Juden und Judengenossen" sind aber von ihren Blättern deshalb angegriffen worden. Wie sagt doch Börne in seiner Nenjahrsbetrachtung: „O närrische Leute, o kölnische Welt!" v Der Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien hat kürzlich in Wien seine Generalversammlung abgehalten. Wir erhalten den folgenden Bericht über die Hilfsaktion des Vereins und den gegenwärtigen Stand seiner Organisation: In 75 Orten, die meist zu den ärmsten Galiziens gehören, wurden Haarnetzlehrkurse veranstaltet und ca. 6000 Frauen und Mädchen in dieser Heimarbeit unterrichtet. Der Arbeitslohn, den der erste Unternehmer im Monat November dort auszahlte, betrug 16 524,33 Kronen. Ungefähr das Doppelte dieses Betrages dürften seine neun großen und zahlreichen kleinen dortigen Konkurrenten an Lohn im Monat November ausgezahlt haben. Die meisten Arbeiterinnen sind noch Anfängerinnen. Bei zunehmender Fertigkeit wird naturgemäß auch der Lohn zunehmen. Mit der Erzeugung von Holz- und Spielwaaren für ein Wiener Exporthaus ist ein Anfang gemacht worden. Diese für Männer bestimmte Arbeit, die eine lange Schulung erheischt, kann sich nur langsam ausbreiten. Auch mit der Erzeugung von Kravatten in Galizien hat ein Wiener Exporthaus einen entwickeluugsfähigen Anfang gemacht. Die Einführung einiger anderer Heimarbeiten, deren Erzeugnisse ausschließlich für den Export bestimmt sind, ist vorbereitet. Gegenwärtig zählt der Hilfsverein in 33 Ortsgruppen 3500 Mitglieder, die ea. 30 000 Kronen all Jahresbeiträgen leisten. An Spenden sind dem Verein 51 000 Kronen zugekommen. Dieser Bericht wurde, ganz besonders wegen der großen Erfolge der Hilfsaktion, mit allgemeiner Befriedigung zur Kenntniß genommell. Es wurde jedoch auch der Wunsch ausgesprochen, daß die Agitation zur Gewinnung neuer Mitglieder und Organifirung neuer Ortsgruppen nunmehr eifriger betrieben werde, damit der Verein die zur energischen Fortführung seiner Hilfsaktion nöthigen Mittel gewinne. Dies dürste jetzt nicht schwer sein, da der Verein durch die bedeutenden Erfolge, die er in der kurzen Zeit seines Bestandes erzielte, sich das allgemeine Vertrauen erworben hat. Nachdem die Arbeitswilligkeit und die Ausbildungsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung in Galizien unzweifelhaft erwiesen wurde, mögen jüdische Industrielle und Exporteure sich der galizischen Arbeitskräfte zur Erzeugung ihrer Exportartikel bedienen. * Im rumänischen Senat gab es in der vorigen Woche wieder einmal eine Debatte über Judenfrage. Ein Senator brachte bei der Berathung des Ansuchens eines Israeliten um Naturalisirung den Antrag ein, daß die gesetzgebenden Körperschaften Rumäniens angesichts der von den Juden im Anslande gegen Rumänien verbreiteten „Verleumdungen" eine gewisse Zeit hindurch Juden das Heimathsrecht nicht verleihen mögen. Senator Gradistealo bekämpfte diesen Antrag, Unterrichtsminister Haret erklärte Namens der Regierung, es gehe nicht an, einen Unterschied in der Behandlung der Ausländer (!) zu machen; man müsse die Gesetze gegen Jedermann mit Gerechtigkeit und Gleichheit in Anwendung brillgell. Was die gegen Rumänien in so reichem Maße verbreiteten Verleumdungen (?) betreffe, so wolle sie der Minister nicht näher beleuchten; die Wahrheit werde an den Tag kommen, und man werde ein-