Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Jahrgang. Ar. 52. Berlin, 26. Dezember 1902 Der Gernerndeliote. Weikage zur „Akkgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Arntschland. 8. Berlin, 22. Dezember. Bei den am vorigen Sonntag von der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde in geheimer Sitzung vollzogenen Wahlen für die turnusmäßig ausscheidenden drei Vorstands-Mitglieder und zwei Stellvertreter sind zu Vorstehern die Herren Julius Jacoby und Heinrich Eis ner wieder-, Herr Dr. Julius Stern (an Stelle des Herrn Lndw. Mecklenburg, der eine Wiederwahl abgelehnt hatte) neu-, zu Stellvertretern Herr Landgerichtsrath Pleßner wieder- und Herr Julius Oliven neugewählt worden. Berlin, 21. Dezember. Wie alljährlich, veranstaltet auch in diesem Winter das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Die Vorlesungen, welche im Saale der.Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9, Abends 8 Uhr gehalten werden, sind folgende: 1. Am 5. Januar: Herr Dr. Ludwig Fulda „Aus meinen Schriften". 2. Am 19. Januar: Herr- Professor Dr. Ludwig Geiger Michael Beer, ein deutscher Dichter jüdischen Glaubens." 3. Am 2. Februar: Herr Privatdozent Dr. Hugo Winckler „Palästina in vorisraelitischer Zeit." 4. Am 16. Februar: Herr Rabbiner Dr. Werner München) „Weltschmerz und Judenthum." 5. Am 2. März: Herr Dozent Dr. Elbogen „Die Theilnahme der Juden Italiens an den Bestrebungen der Renaissance." 6. Am 9. März: Herr Rabbiner Dr. Hochfeld (Frankfurt a. O.) „Das innere Wachsthum des Judenthums im 19. Jahrhundert." Einlaßkarten ü 5 Mark für den ganzen Cyklus ä 1 Mark für eine Vorlesung sind zu haben bei Herren Gebr. Friedländer, Unter den Linden 28 und beim Eingang in den Saal. Berlin, 21. Dezember. Am 19. d. Mts. starb hier der Geheime Sanitätsrath D r. Ehren Haus, der sowohl durch wissenschaftliche Arbeiten, als auch durch sein Interesse an allen Angelegenheiten des Judenthums in den weitesten Berliner Kreisen bekannt geworden ist. Salomon Ehrenhaus, 1835 geboren, kam aus seiner schlesischen Heimath (er stammt aus Friedrichswille in Oberschlesien) als Student nach Berlin und fand hier, nachdem er 1861 seine medizinischen Studien mit der Staatsprüfung abgeschlossen hatte, ein ergiebiges Feld sür seine ärztliche Thätigkeit. Er begann frühzeitig in der Gemeindeverwaltung und in gemeinnützigen Vereinen werkthätig mitzuwirken. In seinem Bezirke bekleidete er eine ganze Reihe kommunaler Ehrenämter. Ganz besonders ließ er sich die Förderung der Waisenpflege angelegen sein. Das hängt zu einem Theile mit der Richtung seiner wissenschaftlichen Arbeit zusammen. In seinen wissenschaftlichen Anfangsjahren beschäftigte sich Ehrenhaus mit Studien zur Experimentalphysiologie. Insbesondere lieferte er Arbeiten zur allgemeinen Physiologie der Muskeln und Nerven. Später wandte er sich der Kinderheilkunde zu. Er war geraume Zeit hindurch, nachdem Eduard Henoch die Leitung der Chariteektinik für Kinderkrankheiten übernommen hatte, Assistent ander Poliklinik sür kranke Kinder, welche Henoch damals von Grund aus umgesormt hatte. Aus der Thätigkeit an der Kinderklinik erhielt Ehrenhaus die Anregung, sich auch wissenschaftlich auf diesem Sondergebiete zu belhätigen. Zeitweilig beschäftigte sich Ehrenhaus viel mit der Orthopädie; er unterhielt eine eigene private orthopädische Anstalt. Nach seinem Ausscheiden aus der Chariteeklinik rief Ehrenhaus mit Unterstützung des Vereins sür häusliche Gesundheitspflege sür den Norden Berlins eine Poliklinik sür kranke Kinder ins Leben, die viel Zuspruch fand. Im Verbände des Dozentenvereins für Ferienkurse ertheilte Ehrenhaus hier auch Unterricht für Aerzte und ältere Studirende. Im Feldzuge 1870/71 erwarb sich Ehrenhaus das eiserne Kreuz. In sehr vielen jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen wirkte Ehrenhaus seit Jahrzehnten mit großem Eifer. Auch am Gemeindeleben nahm er regen Antheil. Sein Andenken wird gesegnet bleiben! §2 Berlin, 19. Dezember. Der Sanitätsrath D r. Simon Moses ist nach schweren Leiden am16. d. M. im 62. Lebensjahre hier gestorben. Dr. Moses übte seit 1864 hier die ärztliche Praxis aus. Er war viele Jahre im Zentrum der Stadt angesessen. Während verletzten Jahre wohnte er im Nordwesten. Eine Lähmung zwang ihn, vor einigen Monaten seinen Berus einzustellen. Geraume Zeit hindurch wirkte Dr. Moses als Arzt an städtischen Anstalten. So war er Arzt am Obdach, am Waisendepot und am Friedrich Wilhelmhospital. Ueber seine Beobachtungen an diesen Anstalten machte er fortlaufend in den jährlichen Rechenschaftsberichten und gelegentlich in Fachvereinignngen, so in der Deutschen Gesellschaft sür öffentliche- Gesundsheitspflege Mitteilung. In früherer Zeit nahm Dr. Moses lebhaften Antheil an den Standesbestrebungen der Aerzte. Er verfocht die Anschauung, daß die Aerzte ohne staatliches Zuthun ganz aus eigenem für die Besserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse sorgen sollten. u. Berlin, 20. Dezember. Am 16. v. M. hielten der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands und nachher die Bodenkultur-Gesellschaft m. b. H. ihre Hauptversammlungen ab, in welchem Bericht über die Thätigkeit im verflossenen Jahre erstattet und dem Vorstand des Vereins resp. dem Anfsichtsrath und dem Geschäftsführer der Gesellschaft Entlastung erteilt wurde. Die Verhältnisse des Vereins haben sich wesentlich gebessert; er zählt jetzt 47 Ortsgrupoen mit 1400 Mitgliedern und hat ein Einkommen von 6800 Mark (gegen 3700 Mark i. V.). Das wichtigste Ereigniß des Vereinslebens im verflossenen Jahre war die Gründung der Bodenkulturgesellschaft m. b. H., die ihrerseits das Gut Muhof erworben hat. Die Gesellschaft ist das Organ des Vereins, durch welches er seine Bestrebungen ins Praktische umsetzen will. Sie wurde mit einem Stammkapital von 20 000 Mark begründet und weitere 50 000 Mark wurden ihr von einem Vorstandsmitgliede des Vereins vorgestreckt. Am Sonntag wurde das Stammkapital aus 40 002 Mark erhöht. Sowohl den Vereinsmitgliedern wie den Gesellschaftern wurden von dem Vorsitzenden Herrn Oberamtmann Cohn und dem Geschäftsführer der Gesellschaft Herrn Mühlenbesitzer Rosenthal eingehende Mittheilungen über das Gut Neuhof und seine Einrichtungen gegeben. Das Gut hat zwar leichten Boden, ist aber doch in verschiedener Hinsicht sehr geeignet als Lehr- und Lerngut. Die Ernte war eine befriedigende und hat erwiesen, daß Neuhos die erwartete Rentabilität aufweisen wird. Es sind Bauten für die Eleven errichtet und die Aufnahme wird vom 1. Januar 1903 ab erfolgen können. Ansnahmegesuche sind an Herrn Dr. Ernst Tuch, Charlottenburg, Herderstraße 6 zu richten, von dem auch die Bedingungen zu erfahren sind. Die Eleven werden unter der Leitung eines tüchtigen Fachmannes praktisch die Landwirthschaft von Grund aus erlernen und im Winter theoretischen Unterricht von Lehrern der Ackerbauschule in Samter erhalten. Zwischen dem Verein und der Gesellschaft wurde ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem sich der Verein auf sechs Jahre verpflichtet, im Umfange seiner verfügbaren Mittel die Bodenkultur-Gesellschaft m. b. H. bis zur Höhe von 3000 Mark jährlich zu subventionireu, wogegen sich die Gesellschaft verpflichtet, für je 750 Mark der Subvention einen der von dem Verein ihr empfohlenen und voll ihr für tauglich befundenen Eleven unentgeltlich in Pension zu nehmen und auszubilden. Besondere Anerkennung fand die außerordentlich verdienstvolle Thätigkeit des Herrn Rosenthal, der als Geschäftsführer im Ehrenamt seine ganze Kraft und Begeisterung in den Dienst der Sache gestellt hat. Ueberhanpt wurde die umsichtige Leitung des Unternehmens hervorgehoben, die mit äußerster Vorsicht gehandhabt wird und so für eine ruhige und sichere Entwickelung die Gewähr bietet Der Geschäftsantheil der Gesellschaft beträgt 600 Mark, der Mindestjahresbeitrag des Vereins 3 Mark. Auskunft ertheilt das Bureau Gr. Hamburgerstraße 13/14, Berlin — Berlin, 18. Dezember. In Weißensee wurde am 16. v. M. eine Turnhalle eingeweiht, welche Herr Rentier Siegmund Jacobi,