Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 624 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228526--59342-3295857- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
624 Mr. Tiffanh lächelte fei», Reb Kochmann aber dachte sich: So ist gewiß gut, ist mir gerade Recht, Und beide gaben das Versprechen. Draußen sagte Mr. Tiffanh noch: „Mr. Kochmann, Sie wissen gar nicht, wie klug Sie gehandelt, daß Sie direkt zu mir gekommen." — Kochmann lächelte, wußte er es nicht? — „Hoffen wir in beiderseitigem Interesse, daß die Diebe bald abgefaßt werden." Und mit warmem Händedruck oerabschiedet sich der Millionär von dem Schuster. Als Neb Kochmann um 3 Uhr am Morgen nach Hause kam, tonte ihm schon in der Werkstelle das Schnarchen seiner Ratzel entgegen. „Extrablatt! — Extra—a—a—ü — Jüdischer Herold!! World!! Sun!! Ausführlicher Bericht!! Die Diebe der Tiffanh'schen Diamanten verhaftet!! Jüdischer Herold. — Ein Cent!!" Lächelnd stand Reb Kochmauu vor seiner Thür und sah dein bunten Treiben zu. Neben ihm stand Ratzel, seine Frau. Auch sie blickte recht zusrieden drein. Hatte Gott doch geholfen. Schmul hat Recht gehabt. Heute hätten sie exmittirt werden sollen, gerade heute, Erew-Chanuka. Aber Schmul war gar nicht ängstlich, als sie des Morgens gefragt: „Was soll doch werden, Schmul?" Und richtig, gerade beim Mittagessen kommt der Briefträger und bringt, sage und schreibe vierhundert Dollars. Von wem? Das wußte Niemand. Schmal meinte, vielleicht aus Dankbarkeit vvn Jemand, dem er mal ä Gefallen gethan hat. Natürlich wußte schon ganz Allenstr. davon und das Gratnliren und Spekuliren nahm kein Ende. Auch Rahel hatte sich schließlich mit einem: „Nu, Gott sei Dank! Gott's Gewuhre ist groß!" zufrieden gegeben. „Mister, wollen Se ä Extra — Jüdischer Herold — ein Cent." Kochmann reichte dem zerlumpten Kerlchen süns Cent, womit dieser schleunigst verschwand, holte seine Augengläser und las seiner Frau laut vor: „Unserer vorzügliche«! Geheimpolizei ist es in verhältnißmäßig kurzer Zeit gelungen, die Mysterien, welche den Diebstahl der Tiffany-Juwelen umgaben, aufznklären — und nicht nur das Räthsel zu lösen, sondern auch der Diebe habhaft zu werden und die Brillanten unversehrt, ja sogar in der Originalverpackung zurückzuerlangen. Der Diebstahl war sehr rasfinirt angelegt und lange voraus vorbereitet. Die Diebe hatten auf irgend eine Weise in Erfahrung gebracht, daß und wann die Tiffany-Sendung erfolgen würde, und hatten es so eingerichtet, daß zwei Koffer als höchst werthvolle Sendungen im selben Wagen mitexpedirt wurden. Einer dieser Koffer «var leer, im zweiten aber befand sich — einer der Diebe. Der Koffer war sehr geschickt konstruirt, voller Lustlöcher, aber mit Leder so überzogen, daß die Löcher dadurch zwar unsichtbar, die Luft aber nicht abgesperrt wurde. Er war durch eine Trikvorrichtuug von innen verschließbar. Das klebrige war leicht. Kaum hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt, als der Koffer aussprang, der Mann Herausstieg, den leeren Koffer öffnete, den Tiffanh- Koffer hineinstellte, den Koffer wieder verschloß und er selbst in seine enge Behausung zurückkehrte. Die beiden Koffer waren nach Philadelphia — also gleich die erste Station — adressirt, wo sie der zweite Dieb — es waren ihrer zwei — in Empfang nahm. Die Männer werden von der Polizei als zwei alte Verbrecher geschildert, deren Bilder schon lange dem Verbrecheralbum einverleibt sind. Die Verhaftung erfolgte so prompt, daß die sich in Sicherheit wiegenden Diebe es noch nicht für nöthig gehalten hatten, den Juwelenkoffer zu öffnen, oder die andern zu zerstreuen. Wie die Polizei alle Einzelheiten ausfindig gemacht hat, als da sind: die Beschreibung des Koffers, der Männer — die Adresse war wohl leichter, da dieselben bei Werthsendungen immer von der Bahnbehörde eingetragen werden —, das bleibt ihr Geheimniß —, dafür ist es ja die Geheimpolizei. Aber stolz dürfen »vir Bürger Newyorks angesichts dieser hervorragenden Leistung sein —und sind es auch! Die 5000 Dollars Belohnung sind bereits den dazu berechtigten Empfängern ausgehändigt worden." „Nur Einem," fügte Neb Kochmann halblaut hinzu. „Was sagst Du?" fragte Rahel. „Ae feine Polizei," erwiederte lächelnd Reb Schmul. In der Allenstreet-Schul hatte Reb Kochmann das erste Chanuka-Licht angezündet. Und als er jetzt sein „Ao-uis-ILurckesduuwi" anstimmte, da klang seine Stimme so hell und klar und voll, daß seine Zuhörer ihren Ohren kaum trauten und nur verwundert dreinblicken konnten. Und kein Wunder. Denn dieses ,Morm8-2urd68eIiuo8i", welches Reb Kochmann heute sang, das war nicht nur das „lKokms-Aur-ckeselwvsi" des Chanukafestes; nein — es war Reb Kochmanns Glaubensbekenntnis;, welches immer mit ihm war, Chanuka oder kein Chanuka — es war sein felsenfestes Gottesvertrauen, welches da herausklang, seine unumstößliche Ueberzeugung, daß Gott, nur Gott sein „Uoan8-2ur-.s6selmosi" —, sein Hort, sein Fels, sein Beistand war. -i- -t- >r- Später einmal werde ich mir erlauben, dem lieben Leser zu erzählen, wie es Reb Kochmann, dein Schuhmachermeister aus Allenstreet, Newyork und Rebbe der Allenstreet-Schul, noch weiter erging. Fittrrarische MrttheUungen. Jacob Auerbach: Biblische Erzählungen für die israelitische Jugend. Berlin 1902. M. Poppelauer. — Dies Werk, ein vielbewährtes Schulbuch, dessen Vorzüge^von den hervorragendsten Päda» gogen anerkannt wurden, erscheint jetzt in einer durch das Bedürfniß gebotenen kürzeren Ausgabe, da es kaum mehr möglich ist, den ganzen, in zwei Bänden der alten Ausgabe enthalteneil Stoff in der Schule durchzuarbeiten. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner" zu Berlin betraute mit der schwierigen Aufgabe drei tüchtige Pädagogen, die Herren Lehrer Auerbach. Rektor Dr. I. Gutmann und Lehrer Hanfs. Man kann sagen, daß die Herren ihre Aufgabe vorzüglich gelöst haben. Sowohl in dem. was sie gestrichen, wie in dem, was sie hinzugefügt haben. Die ganze Anlage des Buches, dem auch eine neue Palästinakarte beigegeben, ist eine solche, die allen Anforderungen der Schule vollauf genügen kann. Das Buch ist jetzt in dieser neuen Gestalt, für die auch der Verleger durch eine hübsche und zweckmäßige Ausstattung alles Mögliche gethan, das werthvollste Hilfsmittel für den jüdischen Religionsunterricht und wird es wohl noch lange bleiben. Die Herausgeber haben auch die Absicht, den gesammten „Lernstoff", der hier nicht mitverarbeitet ist, in einem besonderen Heft zusammenzustellen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.