Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 623 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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623 sagte eben „Kapitel 41, erster Vers", dabei erwartungsvoll zu seinem Lehrer aufblickend. Doch da dieser sich nicht rührte, blieb ihm nichts übrig, als weiter zu übersetzen. Es giebt Momente, in denen der Mensch träumt, ohne zu schlasen. Eine Art Dusel, ein Halbschlaf, herbeigeführt durch geistige oder körperliche Ueberanstrengung. In solch einem Zustande befand sich Reb Kochmann. Undeutlich hörte er die Stimme des Uebersetzenden, während er fortwährend an die Löcher im Koffer dachte. „Kapitel 42, Vers 1." Der Kleine hielt inne. Die 57 vorhergehenden Verse waren ein Stück Arbeit gewesen. Doch der Lehrer rührt sich nicht. Mißmuthig setzte der Kleine fort: „vvazar und er sah-" „Wozu sind die Löcher im Koffer da? Soll ich fragen?" „Vers 2 — vvgjomur und er sprach " „Ja, ich werde fragen." Koch mann wandte sich an die Männer. „Entschuldigen Sie, Mister, aber die Löcher sind doch nicht durch Zufall hier hinein gekommen. Warum haben Sie die reingemacht?" Vorne ging die Ladenklingel. Erschrocken fuhr Reb Kochmann aus seinem Dusel empor. „^Veniebzöh — damit wir leben - , rvelo nomuth — und nicht sterben", übersetzte eintönig der Schüler. Kochmann dachte gar nicht daran, daß die Klingel des Ladens ihn geweckt, daß folglich vorn ein Kunde warten müsse. Er starrte nur seinen Schüler an, der diese Worte da eben ausgesprochen. War das nicht eine direkte Erwiderung ans die Frage, die er den Männern im Traum gestellt? „Eehts gesunderheit nach Haus, Kinder." Dann ging er in den Laden und reparirte ein Paar Schuhe in zwanzig Minuten. „Was soll doch werden, Schmul?" „Gott wird schon Helsen, Rahel. Ich muß sortgehen, vielleicht komm ich erst spät wieder, ängstig Dich nicht. Und bet' zu Gott, daß er mir beisteh'. Glaub mir, er wird schon helfen, Rahel." Dabei blitzten Kochmanns Augen, seine Wangen hatten sich roth gefärbt, der Druck war von ihm gewichen;! wie ein anderer Mensch sah er aus. Verwundert schaute seine Gattin zu ihm empor, als er einen heißen Kuß auf ihren Mund drückte; dann verließ er elastischen Schrittes die Stube. „Was ist mit Schmul?" murmelte Rachel „er wird doch nicht — Gott soll hüten!" Der bloße Gedanke hatte sie sehr erschreckt. Jedoch Schmul war ganz und gar nicht verrückt — im Gegentheil. Im Herrenzimmer eines der wunderbaren Marmorpaläste, welche die fünfte Avenue Newhorks zu einer der feinsten Straßen der Welt machen, saß ein ältlicher Herr im Schlafrock. ihm gegenüber — Reb Kochmann. „Also," jbegann der Erstere, „Sie wünschen?" „Ich nehme an, es mnß von allergrößter Wichtigkeit sein, was sie um zwölf Uhr Nachts zu mir einsührt und Sie sogar veranlaßt, mich wecken zu lassen. Vor allen Dingen: wer sind Sie, wie heißen Sie?" „Habe ich die Ehre, Mister Tiffany persönlich vor mir zu sehen?" fragte Jener. „Mein Name ist Tiffany." „Also, Mister Tiffany, ich heiße Kochmann und bin ein Schuster aus Allenstreet. Sie haben fünftausend Dollars Belohnung ausgesetzt für Denjenigen, welcher Ihnen hilft, die Diebe-" der Herr unterbrach ihn erregt: »Ja, ja — und? — wissen Sie was?" „lies, Mister — aber —" „Was — aber? Was wissen Sie? Kennen Sie die Diebe? So reden Sie doch, Mann!" Kochmann wollte ja gern reden, war aber so verwirrt von der ihn umgebenden Pracht, von den stürmischen Fragen des Herrn, von der ganzen außerordentlichen Situation, daß er nicht recht wußte, wie anzufangen. „Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich bin hierher gekommen und nicht zur Polizei." „Schön, schön," dann die Verwirrung des Mannes bemerkend — „ich bin zu stürmisch. Sagen Sie mir Alles, was Sie zu sagen haben, Sie brauchen sich nicht beeilen." Dann lehnte er sich in seinem Stuhle zurück und blickte Kochmann fest an. Dieser legte nun in gebrochenem Englisch los: „Also, Mister, es ist so : Wer die Diebe sind, weiß ich nicht, aber wie sie aussehen, das weiß ich genau und wie sie den Diebstahl vollbracht haben, das weiß ich auch genau." Und nun erzählte der Schuster dem aufhorchenden Millionär seine Geschichte, in deren Lauf Letzterer immer verwunderter dreinschaute und als Kochmann geendet, sprang sein Gegenüber auf und ergriff seine beide» Hände. „Mann," sagte er, „Sie sind Schuster? Und haben da eben ein Räthsel gelöst, so einfach, daß man sich schämen möchte, nicht daran gedacht zu haben nnd an dem die Weisheit unserer besten Detektivs abgeprallt ist? Sie ein Schuster? Chef der Kriminalpolizei sollten Sie sein! Doch jetzt sagen Sie Warum kommen Sie zu mir, anstatt zur Polizei zu gehen?" „Mister," antwortete Kochmann einfach. „Sie kennen doch Tammany. Ich bin ein armer Mann, diese Belohnung wird mich aus ärgster Noth erlösen. Und von unserer Taminanh-Polizei? - Geld nehmen — ja! Aber geben? — Die hätten das schon gedreht." Wieder ein Beweis, daß Reb Kochmann durchaus nicht verrückt war. Sv dachte auch Mr. Tiffany. Eine Halbe Stunde später saßen Mr. Tiffany, Reb Kochmann und der Chef des New ä'oric Doteetivo Asrvie« im Bureau des Letzteren. Vor Kochmann lag ein riesiges Phvtvgraphiealbuin - die Verbrechergallerie —, er selbst prüfte sorgfältig edes Bild. Plötzlich hielt er iuue. „Dies ist jener." „Bestimmt?" „Ganz bestimmt!" „Es kann stimmen," sagte der Chef halblaut. „Und dieses ist der Zweite!" - - sagte Kochmann bald darauf bestimmt. Nun wurden Telegramme geschrieben, Befehle ertheilt, Reporte empfange», telephouirt. Das ganze Hauptquartier war allarmirt- Als Mr. Tiffany und Reb Kochmann sich empfehlen wollten, hielt sie der Chef noch zurück „Ich Hütte eine sehr große Bitte," begann er. „Sie, Mr. Kochmann, werden die Belohnung empfangen, denn ich bin überzeugt, dank Ihrer Information erwischen wir die Diebe. Aber die näheren Ilmstünde braucht doch nicht Jedermann zu wissen. Ich möchte die Herren sehr bitten, die Sache absolut geheim zu hatten und etwaige Zeitungsberichte nicht zu dementireu schon im Interesse deS Ansehens der Newyorkrr Polizei."