Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 622 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Zum Schlüsse noch ein allgemeines Wort; ich fasse es in eine Frage: Gehört das „Reichwerden" des „armen" Heinrich — der fünfte Akt also — zum genialen Kunstwerk Hauptmanns? Paßt es überhaupt in den Rahmen des Stückes? Es muthet — gelinde gesagt — operuhaft an: Wie der Mönch kommt — die Ritter als Staffage — es ist gewiß schön und gut, ist eigentlich auch die Ausführung des Gedankens, daß Liebe Alles besiegt — auch Rost und Seuche, aber wir möchten doch mit Heinrich ausrufen: „Still, kein Tumult-—!" „Sie gebar aufs Neue Liebe sich in die verstorbene, finster-drohende Welt —dieses Gebären hätte er uns schildern sollen. Wir wollen das Opfer Isaaks sehen! Das „urewige Liebeselement", den starken Opfermuth - diese sollte er uns zeigen. Und konnte er uns nicht „das zitternde Geschenk des Himmels" vorführen, so sollte er auch nicht das Operettenhafte mitbringen. Wenn wir sie allein träfen — in Liebesglück, das wäre still, schön, göttlich . . . Ritter und Knappen und Mönche und Diener stören aber, das sagt er selbst — und Glocken auch. — ^Noaus - 2ur - ^esckuosi. Von Oscar T. Schweriner. II. ^as soll doch werden, Schmul? Und gar, wenn Du jetzt noch im Bette liegst?" Betroffen, ganz in Schweiß gebadet fuhr Kochmann aus seinem Schlummer empor. Es war schon ganz hell, mußte also nahe acht Uhr sein. Wie hatte er nur so lange schlafen können. Daran war der Traum schuld. Der Traum! Richtig, er hatte geträumt. Was war es doch nur. — Ja, so. — Welch' ein eigenartiger Traum! — er stand in einem Eisenbahnwagen, ganz allein — und um ihn lagen Koffer — große und kleine, flache und tiefe In der Mitte aber stand ein kleines Kofferchen —, dieses Kofferchen hatte er zu bewahren. Er sollte es nicht aus den Augen lassen, denn es war sehr werthvoll, voller Brillanten und anderer Juwelen. Und wenn ihm das Kofferchen abhanden komme, dann müsse er sterben. Also stand er da und ließ seinen Blick nicht eine Sekunde lang von dem Koffer schweifen. Doch plötzlich — ganz plötzlich — öffnete sich die Decke des Waggons und jetzt erst bemerkte er, daß das Kofferchen Flügel hatte. Ehe er es noch verhindern konnte, war es zur Decke hinausgeflogen und dieselbe hatte sich wieder geschlossen. In Todesangst hatte er den jetzt leeren Fleck angestarrt, wo früher das Kofferchen gestanden, als er Kreidestriche auf dem dunklen Boden des Waggons wahrzunehmen glaubte. Kreuz- und Querstriche waren es, ohne Zusammenhang, aber er nahm stden einzelnen Strich und legte ihn bald so und bald wieder anders, recht-r und links, hoch und niedrig, und siehe da, es ergab einzelne Worte und Zahlen. Erst las er „Bereischis", nachher kam eine römische II, dann zz' — 19 —. Und wieder hatte sich die Szene verändert. Männer mit schwarzen Gesichtern waren gekommen, ihn zum Tode zu führen, einer hatte ihn beim Kragen gepackt, während der andere ihn anschrie: „Was soll doch werden, Schmul?" Seine Rahel hatte, ihn geweckt. Und jetzt saß er über seinen: „Chumisch" gebeugt. „Bereischis, II, N'-" Als er die betreffende Stelle gefunden, fuhr er wie elektrisirt empor, denn die Stelle lautete: „Wer sind die Männer, die zu dir gekommen sind in der Nacht?" Die Männer! Schon zum zweiten Male diese Männer! Zuerst hieß es: „Wenn die Männer dich rufen, so folge ihnen." Jetzt: „Wer sind die Männer?" „Sollten sie etwas mit dem Diebstahl-?" Reb Kochmanns Gottesvertrauen war wie ein Fels im Meer, er neigte aber auch, wie alle alten Juden, zum Mystischen und sogar zur Kabbala. Und deshalb war er jetzt in seinem innersten Herzen davon überzeugt, daß diese Männer mit dem Diebstahl in Verbindung standen —, vielleicht gar selbst die Diebe waren. Kochmann war kein dummer Mensch, was er schon dadurch bewies, daß er seiner schwatzsüchtigen Rahel kein Sterbenswörtchen von seinem Verdacht mittheilte. Vielmehr suchte er das Haus auf, in dem er den Koffer für die Beiden überzogen hatte; unter der Hand erkundigte er sich nach den Leuten, — aber, in Newyork! — kein Mensch konnte sich entsinnen, daß Männer, wie er sie beschrieb, je im Hause gelebt. Aber Kochmann ließ den Gedanken jetzt nicht mehrlos. Wenn die Männer mit dem Verbrechen in Verbindung standen, so stand auch der Koffer damit in Verbindung. Das war klar, denn: „So folge den Männern," hatte der erste Traum gerathen. Es war überhaupt etwas Eigenartiges mit dem Koffer. Er war ja noch ganz; ja sogar sehr standhaft gewesen, aber so voller Löcher. Wie waren die Löcher in den Koffer gekommen? Durch Zufall — niemals! Also — durch Absicht. Aber wozu? Und hier saß Reb Kochmann fest. Wozu Löcher in einen Koffer schlagen und erstere dann wieder verdecken? Und wie sehr er auch sein Hirn anstrengte, er konnte zu keinem zufriedenstellenden Resultat gelangen. Unter Nachdenken und Schuhe reparirend, verging der Nachmittag. Es entwickelte sich das alte Bild. Die Schüler kamen, die Lampe duftete, der Tisch ächzte jedesmal, wenn «in Buch darauf gelegt, ein Blatt gewendet wurde. Heute Abend umsomehr. denn der Lehrer hatte sein eigenes Buch zugeklappt —, kannte er doch die Thora auswendig — das Gesicht in den Händen vergraben, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt. Und der Tisch Protestirte. Reb Kochmann war wieder mal gar nicht bei der Sache. „Wozu waren die Löcher in dem Koffer? Guter Gott, wozu?" „Wo soll ich anfangen zu übersetzen, Rebbe?" „Wo hast Du gestern ausgehört?" „Bereischis, Kapitel 40." „Also dort weiter." „Erster Vers: Und es geschah, n-sjlli" Hub der Knabe an, dann zweiter Vers, dritter Vers, immer die Verse nennend, ehe er sie übersetzte. Reb Kochmann war so wenig bei der Sache, daß die Schüler ihn ganz erstaunt ansahen. Der Uebersetzer hatte schon den dreiundzwanzigsten Vers glücklich überwunden und