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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-26 · Heft 52 (26.12.1902) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
Seite 621 (sequence 11)
Language
German
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621 Oniaden, die als Priester und Feldherren ihre Glaubensgenossen im Lande des Nils führten, deren Andenken jedoch durch die glänzenderen Erfolge der Makkabäer in den Schatten gestellt worden ist. Gerlsart Aauptmann: Der arme Heinrich. Von A. Halberthal. er arme Heinrich! Arm? An Gütern? An äußerem Lebensglück? Wüßte man nicht, woher das Hauptmotiv der Handlung herrührt, fast wäre man auf den ersten Blick — dem Namen nach — versucht zu glauben, man habe es hiermit dem Weber-Dichter zu thun. Man könnte den klaffenden Gegensatz zwischen Arm und Reich erwarten. Doch nein! Heinrich von der Aue ist nicht arm. Erwähnte „in Marmor-Hallen, wo die Brnnnen klangen, wo die goldenen Fische in den Becken flössen, und wenn er schweifen ließ den trunkenen Blick, war es dorthin, woher der Weihrauch quillt — war in die Zaubergärten Azzasus." Heinrich von der Aue ist nicht arm. Er ist reich, sehr reich. Nur elend ist er, elend und einsam und krank und siech... Hier setzt die Handlung ein und hier schon beginnt unser besonders Interesse — das jüdische Interesse. Ein moderner- Hiob ist es — modern damals, noch viel moderner aus Hauptmanns kraft-genialer Hand hervorgegangen - - .- Ein feiner, tiefer, zartbesaiteter Mensch, der leidet, unsäglich leidet, im Welträthsel und Weltschmerz wühlt. Die Leiden sind eine Krankheit, die bei den Israeliten häufig vorkam, ein Nebel, dem hier gesetzlich mit aller Energie entgegeugetreten wurde, zur Verhütung einer Weiterverbreitung. Hauptmann lehnt sich stark an diese Thatsache. „Unrein! Unrein!" ruft Heinrich aus, da malt sich ihn begrüßend nähern will — ähnlich dem Gesetze Israels. Ausschließung aus der menschlichen Gesellschaft war damals das einzig anzuwendende Mittel. Auch „der arme Heinrich" nimmt diese Buße auf sich — freiwillig. Allerdings nicht ohne Ueberwindnug gesteht er diese furchtbare Thatsache seiner Umgebung zu. Und es ist eine jammervolle, schrill-wehe, in ihrem Wuchtausdruck kraftvolle Szene, wie er es thut. * * * Das Drama spielt in den: 12. Jahrhundert. Und ist es auch — wie gesagt — ein modernes Gefühlsleben, das in den feinsten Fasern zerlegt wird, so muß dies immer vor Augen gehalten werden, um die Wirkung dieser zersetzenden Krankheit, die ganze Furchtbarkeit dieses Siechthums zu verstehen, zu begreifen und mitzufühlen. Damals war kein Hebra und kein Virchow, die erklären konnten „von Ansteckung sei hier keine Rede, selbst für die mit den Kranken in Verkehr stehenden, intimsten Kreise." Man war damals von der verheerenden Wirkung überzeugt; schon der Name erweckte Grauen und Entsetzen. Und wenn der Diener Ottokar — dieser „getreue Ungetreue", wie ihn Heinrich selbst zum Schluffe nennt - das Weite sucht mit der Begründung: „Die Welt ist schlimm und voller Teufel," können wir den Verruf dieser Krankheit erkennen. Wir heute - im Zeitalter eben dieses Virchow und Hebra — hören den Namen: Miselsucht nicht gern und ein leises Grauen, oft ein Ekel bemächtigt sich unser. Und es ist Hauptmann als ein Hauptverdienst anzurechnen (oder besser seinem ausgeprägt-feinen, lhrisch-harmonischen Empfinden), daß er nie kraß in der Schilderung, nie „naturalistisch" wird. Allerdings mußte ihm hier die Bibel herhalten; und wäre die Voraussetzung des Allgemeinverständnisses nicht, er hätte einen schweren Stand gehabt, deu Kraftausdruck des Ekels zu umgehen. Doch, wie gesagt: Hier ist die Bibel das erlösende Mittel. Schon gleich am Ansange, im ersten Akte macht er davon Gebrauch, wo „vom mosaischen Gesetze" gesprochen wird, „wonach man kranke Häusermaklern wäscht, um sie von Gift und Aussatz rein zu machen." Und auch wenn er in seinen eigenartigen und in ihrer Art einzigen Regiebemerkungen Heinrich auf die Bühne kommen läßt „verwahrlost, verwildert, mit ungeschorenem Haupthaar", so erinnert er stark, fast wörtlich au das diesbezügliche Gesetz der alten Israeliten. * * Ueberhaupt sind der biblischen Anklänge hier merkwürdig viele. Benediktus sagt Pathetisch: „Gott verläßt nicht die, die ihn suchen." Oder an einer Stelle deutlicher: „Der Levitikus sagt: Blut ist die Versicherung (?) des Lebens." Heinrich tröstet sich in seinem grimmigen Schmerze: „Aus Moder warst du — mußt zu Moder werden," und Aehnliches mehr. Das soll kein Vorwurf sür den Verfasser sein. Im Gegentheil. Es ist nur allzu verständlich, wenn er jenen Männern voll Fanatismus und wühlendem Weh diese Sprüche in den Mund legt. Es ist der Zeit angemessen. Aber nicht nur Worte, Sätze, Aussprüche — nein! auch tiefgründige Gedanken gehören der biblischen Welt au. „Hat Isaak gewußt — damals als ihn Abraham opfern wollte —" fragt Ottegebe. Ja, in gewissem Sinne handelt sie in ihrer naiv-exstatischen Art aus diesem Gedanken und aus diesem Gefühle der aufopfernden Hingebung heraus, wenn sie ihr Leben nnd ihr Blut hingeben will. Nicht aus opferbereiter Liebe? Ja — auch... Hier herrscht ein Schwanken, eine Ungewißheit, ja eine Unklarheit. Aus Liebe — gewiß. Diese Käthchen-Natur ist vom heiligen Strahl der Liebe berührt worden. Die angeborene Herzensgüte und das tiefe Mitgefühl sür Anderer Leid und Schmerz thun das ihrige dazu, um diese Liebe zu entflammen. Und wenn sie in Gedanken versunken von der Opferung Isaaks spricht, klingt es eben so groß und rührend und schön — wie es andererseits merkwürdig und naiv anmuthet, wenn die Mutter ein sicheres „Nein" zur Antwort giebt. Also Liebe —! Gewiß. Doch ist es nicht Liebe allein, die hier vorherrscht, die ihren Entschluß reift. Sie schwärmt auch — in fanatischer Geißelung; das muthet merkwürdig und ungleichmäßig an. Nur wenn man den wuchtigen Eindruck „von Isaaks Opferung" mit in Betracht zieht und ihn ins Mittelalterliche übersetzt, kommt einiges Gleichgewicht in Ottegebes Charakter. rjc * *

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