Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 619 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SIS griff und endlich bis zu dem Grade als gelehriger Adept hellenistischer Sitten sich zeigte, daß er den rechtmäßigen Hohepriester Onias III. meuchlings ermorden ließ. Der Sohn des Getödteten, Onias IV., der in Judäa nicht mehr Sicherheit sür sein Leben fand, entfloh nach Aegypten, wo ihn das Königspaar, Ptolomäus VI. Philometor und dessen Schwester und Gattin Kleopatra II., freundlich aufnahmen. Die Entwickelung der Verhältnisse in Judäa bot dem König Antiochos willkommenen Anlaß zum Einschreiten. Menelaos öffnete ihm die Thore Jerusalems und Antiochos hielt strenges Gericht, bei dem viele Fromme den Tod fanden; die Gelegenheit wurde benützt, um den Tempelschatz ausgiebig zu plündern. Doch es kam noch weit schlimmer. Antiochos fiel zwei Jahre nachher abermals in Aegypten ein und lagerte vor Alexandria. Diesmal erfuhr er jedoch von Rom die gebührende Zurückweisung. Er verließ Aegypten und kehrte nach Syrien heim, erbittert über das Mißlingen seiner stolzen Pläne, und gelaunt seinen Unwillen minder gefährliche Gegner sühlen zu lassen. Es waren wieder die Juden, die zunächst das Opser für den königlichen Zorn abgeben mußten. Unter den frommen Juden wurde abermals ein Blutbad veranstaltet; die diesem nicht zum Opfer fielen, mußten Jerusalem verlassen: ein großer Theil voll ihnen wird zu Onias nach Aegypten geflüchtet sein. Die Stadt erhielt eine syrische Besatzung. Der Hauptschlag wurde jedoch gegen den Glauben geführt: die jüdischen Satzungen wurden für aufgehoben erklärt, Sabbathfeier, Beschneidnng, das Lesen der Gesetzesbücher bei Todesstrafe verboten. Der Tempel, das religiöse Centrum des Judenthums, wurde dem Zeus Olympios geweiht; an der allen Juden heiligen Stätte brachte man Schweinsopfer dar. In diese Zeit gehört der Tempelbau in Levntopolis. Das Heiligthum in Zion war entweiht und geschändet, seine Priesterschaft vertrieben oder getödtet, Jerusalem war eine heidnische Stadt geworden. Die Existenz des Judenthums im heiligen Lande schien vernichtet. In der frommen jüdischen Welt mußte sich die Meinung bilden, daß Gott sein Angesicht vom Tempel Salomonis abgewendet habe. In dieser Lage, da jede Aussicht auf die Wiederherstellung des Tempels geschwunden schien, ist offenbar dem vertriebenen Hohenpriesterssohn Onias der Gedanke gekommen, seinen Glaubensgenossen wieder einen religiösen Mittelpunkt durch die Gründung eines neuen Tempels zu schaffen. Im Lande Gosen, von dem einst Israel ausgezogen war, sollte sich dieser erheben; wenn das heilige Land dem Judenthum verloren war, schien Gosen der richtige Ort, wohin sich der verfolgte Glaube retten konnte. Onias besaß die Gunst des Königs Ptolemäus Philometer, dem es erwünscht sein mußte, seinem Gegner Antiochos Verlegenheiten zu schaffen, und dem die Hilfe der ägyptischen Juden, wie wir noch sehen werden, werthvoll war. Er erwirkte demnach vom Könige, daß ihm dieser in Levntopolis, einer Ortschaft des Gaues von Heliopolis, einen Ort zum Tempelbau überließ; hier, wo einst ein Heiligthum der katzenköpfigen Göttin Bubastis gestanden hatte, baute Onias sein Gotteshaus. Es ist kein Zweifel, daß er — zunächst wenigstens — bei den ägyptischen Juden Anerkennung fand und daß diesen das neue Heiligthum die Stelle des alten vertrat. Aber für das ganze jüdische Volk hat der Tempel von Levntopolis nicht die Bedeutung erlangt, die sein Gründer für ihn erhofft hatte. Während nämlich Onias die Sache seiner Glaubensgenossen, die in der Heimath geblieben waren, hoffnungslos aufgab, hatte sich in Judäa eine Schaar begeisterter Kämpfer für Israel er" hoben, die, von einem Helden geführt, die Uebermacht der Syrer aus dem Lande schlug, Israel befreite und den Tempel wiederherstellte. Mit der Neueinweihung des Jerusalemer Tempels durch Juda Makkabi im Jahre 165, deren Andenken im Chanukafest alljährlich festlich begangen wird, hatte das Heiligthum in Levntopolis seine Bedeutung verloren. Es behielt den Charakter einer Kultstätte nur für die Anhänger des Onias in Aegypten, mochte dieser immerhin seine Abstammung von Aaron gegenüber den Emporkömmlingen, die jetzt in Jerusalem das Hohepriesteramt versahen, geltend machen Demnach genoß der Oniastempel fortan lediglich provinzielle Bedeutung. Erst als Titus das Gotteshaus in Jerusalem zerstörte, gewann er wieder erhöhtes Ansehen. Den Römern schien es jedoch bedenklich, dem jüdischen Volk diese Centralisationsstätte zu lassen; auf Befehl Vespasians wurde der Tempel im Jahre 75 geschlossen, nachdem er 243 Jahre bestanden hatte. DerTempel inLeontopolis war aber nicht die einzigeSchöpsung des Onias; mit demselben war eine andere merkwürdige Organisation verbunden. Es wird uns berichtet, daß Onias das Heiligthum befestigte und es dadurch gleichzeitig zu einem Kastell umschuf (^oseplms bellum VII., 10); noch in dem römischen Amtskalender aus dem 4. Jahrhundert, der Xotitia OiAnitatum, wird in dieser Gegend ein „Judenlager" (castrr, ^uckaeorum) erwähnt und bis heute sollen in einemTell elJahudijeh an der Bahn Kairo-Jsmailia, vielleicht dem alten Levntopolis, Spuren einer antiken Festung bemerkbar sein. Der Besestigung des Heiligthums entsprach gleichzeitig die Waffenbereitschaft der jüdischen Bewohner des Ortes. Das ägyptische Reich bot damals das Bild trostlosen Verfalles. Die Angehörigen der gänzlich degenerirten Fürstenfamilie ließen durch ihre unaufhörlichen Zwistigkeiten das Land niemals zur Ruhe kommen. Brüder und Schwestern, die zugleich die Gattinnen ihrer Brüder waren, Mütter und Söhne regierten zeitweilig gemeinsam, um sich dann wieder mit tödtlichem Hasse zu bekämpfen. So tobte auch zur Zeit des Onias ein erbitterter Kampf zwischen dem regierenden König Ptolomäus VI. Philometor, seiner Schwester und Gattin Kleopatra II. und seinem Bruder Ptolomäus VIII. Euergetes, der unter dem respektlosen Beinamen Physkon (Schmerbauch) bekannt ist. Physkon hatte sich der Hauptstadt Alexandria bemächtigt; da führte der Hohepriester von Levntopolis, Onias, der dem König zu Dank verpflichtet war, ein Heer gegen die Stadt (Apion bei Josephus contra Xpion. II., 5) und trug durch seine Entschlossenheit wesentlich dazu bei, daß sich die Geschwister zu einer Aussöhnung bereit fanden (um das Jahr 163). Wahrscheinlich hatte Onias schon damals die Stellung eines königlichen Feldhanptmannes inne, die ihm und seinem hervorragendsten Genossen Dositheos — wohl gleichfalls einem Priester von Levntopolis — von Philometor übertragen wurde (Josephus a. a. O ). In analoger militärischer Wirksamkeit treffen wir vier „Oniasjuden" ungefähr ein halbes Jahrhundert später. Um das Jahr 108 wüthete wieder einmal ein Thronkrieg in der königlichen Dynastie. Eine jener ptolemäischen Königinnen, die mit maßlosen Leidenschaften unersättliche Herrschgier verbanden, Kleopatra III. „die Rothe" (Kokke), hatte ihren Sohn und Mitregenten Ptolemäus X. (mit dem Beinamen Lathurus) vom Throne gestoßen und aus dem Lande