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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-26 · Heft 52 (26.12.1902) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
Seite 618 (sequence 8)
Language
German
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S18 rechtigkeit gehandhabt werde wie nirgends in der Welt. Jeder Deutsche sei von der Wahrheit des Wortes überzeugt: „kmt justitis, pereat nwmUis!" und da wir nicht den Untergang, sondern den Fortschritt, die Weiterentwickelung unserer Kultur erstreben, lassen wir uns nicht in unserer Rechtsprechung von Strömungen beeinflussen die den trübsten Instinkten entspringen, die aber stets in den Zeiten des Niedergangs einer Nation unter fadenscheinigen religiösen oder nationalen Deckmüntelchen zur Geltung gelangen. Natürlich fehlt die sogenannte „wissenschaftliche Beweisführung" niemals und eine gute Sophistik kann auch dem gescheitesten Menschen den Giftbecher in die Hand drücken. Wir in Deutschland sind Gott sei Dank gefeit gegen dieses Gift. Unsere in die Tiefen des Geistes gedrungene Bildung hat uns immun gemacht gegen die Schliche der finsteren Mächte u. s. w. Ich hätte gern das Thema noch weiter ausgesponnen; aber ich sah. daß einige der Herren etwas verlegen auf ihre Theetassen sahen und die Verherrlichung unseres Rechtsgedankens ihnen unbequem geworden war. Ich lenkte die Unterhaltung auf ein anderes, völlig neutrales Gebiet und in später Stunde trennten wir uns in der heitersten Stimmung. . . . Da bekomme ich heute von einem der Herren mit einem artigen Schreiben einige Ausschnitte aus deutschen Blättern mit vielen roth unterstrichenen Stellen; Ausrnfungs-, Fragezeichen in Menge forderten die besondere Aufmerksamkeit heraus. Ich las sie unter steigendem Interesse. Und jetzt war es an mir, die Augen verlegen zu Boden zu schlagen. Aber dieser gab mir keine Antwort. Und so wende ich mich in meiner Noth an die Leser dieses Blattes. Vielleicht findet sich da ein Jurist, um die richtige Antwort zu geben. In einem der besagten Zeitungsausschnitte war nämlich die auffällig milde Bestrafung des Grafen Pückler für seine unerhörten Beschimpsungen eines Gerichtshofs in öffentlicher Versammlung mit blutig rothen Linien unterstrichen, in einem anderen die noch mildere Bestrafung eines deutschen Studenten, der unter erschwerenden Umständen kürzlich einen schwächlichen jungen Mann, einen Juden, zu Boden schlug*) . . . Darunter standen die höhnischen Worte: „Bei uns in Deutschland komme so etwas doch nicht vor". Ich bin durchaus davon überzeugt, daß die Gerichte in den beiden in Frage stehenden Fällen nach ihrem rechtlichen Empfinden den Buchstaben des Strafgesetzbuchs anzuwenden sich bestrebt haben, daß sie also subjektiv nach „Recht und Fug" das Urtheil sprachen. Eine andere Frage ist es freilich, ob an der Hand der objektiven Thalsachen aus der ungewöhnlich milden Beurtheilung der Reale nicht jener Gedanke unausgesprochen hervorschimmert, dem die iranzösischen nationalistischen Advokaten offenen Ausdruck verliehen haben. Ich verneine bis aus Weiteres die Frage, wenn ich auch leider zugeben muß, daß der zu Zeiten der Hochfluih des Antisemitismus aus den Hochschulen eingesogene Giftstoff latent geworden ist und bei Manchem bewußt oder unbewußt nach Jahren in Aktion tritt. Letzteres läßt sich aber sicherlich nicht von den beiden Gerichtshöfen sagen, die die oben angeführten Urtheile gefällt haben. Ich befinde mich deshalb in großer Verlegenheit, was ich dem französischen Juristen antworten soll. Vielleicht Hilst mir ein mitleidiger deutsch er Kollege dazu. I.. ») S. Franks. Ztg. Nr. 388, IV. Morg. Bl. Der Oniasleinpel und die jüdischen Miiitärkolonien in Aegypten. Von Ernst Buchheim. ine der dunkelsten Episoden der jüdischen Geschichte ist die Gründung des Oniastempels in Leontopolis. Solange das Heiligthum in Jerusalem bestand, ist nur dies einzigemal der Fall eingetreten, daß sich ein zweiter Tempel neben dem großen erhob, mit dem Anspruch, allen Glaubensgenossen als Stätte der Gottesverehrung zu dienen. Einer solchen Tempelgründung, die fast an die Schismen der katholischen Kirche erinnert, müssen Ursachen tiefernster Natur vorangegangen sein; nur in einer Zeit schwerster innerer und äußerer Kämpfe können sich gläubige Juden zu einem Schritt von so schwerwiegender Bedeutung entschlossen haben. Es war in der That ein furchtbares Zeitalter, erfüllt von Wirren und Elend, das der Gründung des Oniastempels vorauslag. Aehnlich wie viele Jahrhunderte vorher die Juden inmitten von zwei mächtigen Staatswesen, dem Reich der Pharaonen und Assyrien, nur mit äußerster Anspannung aller Kräfte und findigster Geschmeidigkeit ihre nationale Existenz hatten vertheidigen können, so waren sie damals, in der Mitte zwischen zwei rivalisirenden hellenistischen Reichen, bei den unausgesetzten Konflikten beider jederzeit die Nächst betroffenen. Lange Jahre hindurch kämpften Ptolemäer und Seleuciden ans dem Boden und um den Besitz Palästinas, in dem eitlen Bestreben, das innerlich haltlosen Dynastien eigen ist, ihre Macht auszubreiten statt zu konsolidiren. Kurz vor dem Jahre 170 hatte wieder einmal einer der vielen Kriege zwischen Syrien und Aegypten sein Ende gefunden. König Antiochos IV. Epiphanes war in Aegypten eingefallen, hatte das Land besetzt und sich die Doppelkroue Aegyptens aufs Haupt gesetzt. Von Selbstgefühl erhoben über den glücklichen Ausgang des Feldzuges, zog er nach Syrien heim, fest entschlossen, seine neu gestärkte Macht auch die eigenen Unterthanen fühlen zu lassen. Es war Judäa, das sich seinem Ehrgeiz als Nächstliegendes Objekt darbvt. Das starre Festhalten eines großen Theiles der Juden an ihrem Glaubenihre Abschließuug von den Hellenen war dem König schon lange ein Dorn im Auge und störte seine Politik, welche sich die von den ersten Seleuciden angebahnte Hellenisirung Vorderasiens zum Leitstern nahm. Aber während seine Vorfahren ihren Plan mit vorsichtiger Klugheit durchzuführen gesucht hatten, wendete Antiochos IV., ein exzentrischer Despot, überall brutale Gewalt an. In Judäa bot sich ihm leicht Anlaß zum Einschreiten. Auch unter den Juden hatte der Geist des Hellenismus viele Anhänger geworben, in unversöhnlicher Feindschaft standen sich Hellenisten und Orthodoxe gegenüber. Es kam zu schweren inneren Unruhen, über welche wir durch das zweite Makkabäerbuch und den in vielen Dingen abweichenden Bericht des Josephus (^ntiqu. XII. 5) unterrichtet sind. Der Hohepriester Onias m.,aus dem Hause der Aroniden, wurde von seinem Bruder Jason verdrängt und zur Flucht genöthigt. Aber auch gegen Jason erhob sich ein Nebenbuhler, Menelaos, ein Führer der Hellenisten. Dieser Mann, der nicht einmal aus priesterlichem Geschlechts stammte, verdrängte Jason und bestieg den Stuhl des Hohenpriesters. Den gläubig gesinnten Juden mußte diese Usurpation zu höchstem Aergerniß gereichen. Ihre gerechte Erbitterung stieg noch mehr, als Menelaos das Tempelgut an-

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