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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-26 · Heft 52 (26.12.1902) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
Seite 617 (sequence 7)
Language
German
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617 Wahrlich, es konnte keine größer» Genugthuung für das Lehrlingsheim als diesen behördlichen Erlaß geben, keine bessere Rechtfertigung für den Gedanken, welcher vor sechs Jahren die Errichtung der Anstalt veranlaßt hat. Die jüdische Gemeinde sollte doch ernstliche Bedenken tragen, sich dieser wohlbegründeten Ansicht zu'verschließen; sie sollte nicht das Odium auf sich nehmen, als rückständig bezeichnet zu werden, wenn sie der Förderung der nothwendigsten Interessen der Gegenwart auf sozialem Gebiete die erbetene Unterstützung verweigert. Aber auch noch eine Reihe weiterer Gründe spricht sehr für die Bewilligung dieser Petition. Die Gemeinde entlastet sich durch die Unterstützung derartiger privater Bestrebungen selbstverständlich von jedweder eigenen Verantwortnng; auch die Stadt Berlin unterstützt in reichem Maaße private Wohlfahrtsbestrebungen, um sich der Verantwortung zu entledigen, und es hieße den Raum dieses Blattes allzusehr in Anspruch nehmen, wollten wir alle Institutionen aufführen, jdie seitens der Stadt durch angemessene Subventionen rege Förderung erfahren. Wir erwähnen nur den Arbeitsnachweis, der seitens der Stadt mit großer Liberalität gefördert, aber sicher niemals in eigene Verwaltung genommen werden wird. Und gerade dadurch ist diese Institution rasch zu großer Blüthe gelaugt. Die Gemeinde mindert ferner auch, falls sie das Heim der Verwaltung des Vereins überläßt, die Begehrlichkeit derjenigen herab, welche eine derartige Stiftung in Anspruch nehmen wollen. Der Privaten Wohlthätigkeit wird trotz einer jährlichen Gemeindesubvention sicher noch immer ein weiter Spielraum verbleiben; in kräftigster Weise werden auch fernerhin noch die Mitglieder und Freunde des Vereins, welche für eine gedeihliche Entwickelung und Hebung des Handwerkerstandes unter unseren Glaubensgenossen ein warmes Herz haben, für die Vermehrung der Mittel und für die Theilnahme an diesen eminent zeitgemäßen Bestrebungen thätig sein müssen. Denn nur durch einige hochherzige Gönner, die auch in diesem Jahre bereitwilligst das Defizit gedeckt haben, hat sich der Verein auf der bisherigen, in weiten Kreisen anerkannten Höhe zu halten vermocht; doch kann er aus den gegenwärtigen Jahresbeiträgen und den Zinsen der Fonds allein seine Bedürfnisse nicht decken. Das ist ein unhaltbarer Zustand, und hier muß im allgemeinen Interesse entschieden Abhülfe geschaffen werden! Liest man den Etat unserer Gemeinde aufmerksam durch und prüft man die einzelnen Positionen desselben auf ihre Bedeutung für das sogenannte „praktische Judenthum" und namentlich für die soziale Hebung der unteren Klassen, so erscheint es fast unbegreiflich, daß das Lehrlingsheim in Pankow nicht der besonderen Fürsorge der Verwaltung sich zu erfreuen hat, die ihm gebührt und deren es zur Erreichung seiner Ziele bedarf. Aber auch die private Wohlthätigkeit sollte hier viel mehr eingreifen, als dies bisher geschehen. Es giebt in der That hier eine Reihe von Instituten, die bei den Spender»! sozusagen populär sind und deshalb mit besonders reichen Zuwendungen bedacht werden. Das Lehrlingsheim gehört noch nicht zu diesen Instituten, aber »vir zweifeln nicht daran, daß bei dein regen Interesse für die soziale Fürsorge, welches gerade in unseren Kreisen vorherrscht, auch dieses Institut in die Reihe der populären einrücken und durch Stiftungen und Legate gefördert werden würde, wenn diejenigen, deren vornehmste Aufgabe es ist, den edlen Sinn aller Wohlthäter auf die wichtigsten und der Förderung würdigsten Institutionen zu lenken, dabei auch des Lehrlingsheims in Pankow gedenken wollten. Gar oft schon ist die Nothwendigkeit betont worden, unsere Wohlthätigkeit aus den alten Bahnen in neue praktische und systematische zu lenken. Jean Paul hat Recht, wenn er sagt: „Die Gefühle der Menschenliebe helfen nichts ohne Grundsätze, und Grundsätze nichts ohne Gefühle." Ist nun aber der Grundsatz, unserer Jugend den Weg zu Handwerk und Ackerbau so viel als möglich zu ebnen, als allgemeines^Prinzip anerkannt worden, so muß andererseits ein Institut wie das Lehrlingsheim zu Pankmv die Gefühle aller Wohlthäter für sich gewinnen, wenn ein warmherziger Appell diese zu thatkräftiger Hilfe aufruft. Wir würden uns freuen, wenn diese Zeilen hierzu willkommene Anregung geboten hätten! Sonderbare Nechlsanscharmngen. «. Stuttgart, im Dezember. MwR^ls ich jüngst in Paris weilte — es war gerade das Urtheil jüber den Maler Syndon, den Mörder des 0^ Monsieur David, gefällt worden — gerieth ich eines Abends in eitler Gesellschaft von Juristen in eine Kontroverse über deutsche und französische Rechtsanschauungen. Es hatte nämlich nicht geringes Aufsehen erregt, daß der Vertheidiger des Malers in den» Plaidoher die in dem Munde eines Rechtsanwalts recht eigenthümlich klingenden Worte: „Und dann war es ja nur ein Jude, den der Angeklagte niedergeschossen hat" zur Vertheidigung der unglückseligen That gebraucht hatte. Von vielen Blättern wurde der ins Treffen geführte frappirende Milderungsgrund — »vie anzunehmen ist aus Schau» — verschwiegen; andere wollten darin einen zwar unangebrachten Witz finden, obgleich weder Zeit noch Ort zu solchen Witzen Veranlassung gab. Wieder andere, darunter der „Natin", »nachten gar kein Hehl aus der geistreichen Ausführung des Vertheidigers. Auch in einer vor nicht langer Zeit in Paris verhandelten Betrugs- und Unterschlagungs- Affäre, in welcher ein Jude der Geschädigte war, fielen die Worte vom Vertheidigertisch : „Und dann war es ja nur ein Jude, der geschädigt wurde." Hier aber sprang der Gerichtsvorsitzende entrüstet von seinem Stuhl auf und verwies den» Redner derartige Ausdrücke. Unsere Gesellschaft, die zumeist aus Franzosen bestand, bedauerte lebhaft diese Vorkommnisse und wollte sie nicht als allgemeine Decadence des Rechtsbewußtseins, sondern als traurige Einzelerscheinungen bezeichnet wissen, die als nationalistische Nachwirkungen der durch die Dreyfllß-Affäre künstlich geschaffenen Rechtsverwirrung zu betrachten seien. Kirchliche und politische Zelotenbrauchten solche Schlagwörter, um ihre Schau» vor der elementar hervorbrechenden Erkenntniß zu bedecken. Ich ließ die Bemerkung einfließen: „Na, so etwas kommt bei uns in Deutschland denn doch nicht vor." Hieran knüpfte ich meinerseits eine Darlegung der deutschen Rechtsal»schallungen bei Richtern und Rechtsanwälten, indem ich aus die unbeugsame deutsche Rechtsprechung, auf die streng objektive Haltung unserer Gerichte hinwies. Ja, ich verflieg mich zu der Behauptung, daß »vir Deutsche gerade deshalb eine aufstrebende Nation seien, weil bei uns Recht und Ge-

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