Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-26 · Heft 52 (26.12.1902) · p. Seite 616

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 52 (26.12.1902)
Date
1902-12-26
Page
Seite 616 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228526--59334-3295849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

616 heit. So schreibt Sir Henry Carnpbell-Barinermann, der Führer der liberalen Partei: „Ich erfahre mit Freuden, daß Sie bemüht sind, die Frage der rumänischen Juden bei dem Publikum wach zu erhalten. Die Behandlung dieser Leute ist so hart, ja grausam gewesen, daß alle Freunde der Freiheit und Humanität sie verurtheilen müssen. Unsere Hoffnung must die bleiben, daß die allgemeine europäische Meinung die rumänische Regierung veranlassen wird, ihre jetzige Politik aufzugeben." Sir William Harcourt sagt: „Ich habe mit großem Bedauern und mit Mißbilligung über die Behandlung der Juden in Rumänien gelesen, und ich bin überzeugt, daß der Unwillen, den diese Behandlung bei Leuten jeden Glaubens und jeder Richtuug hervorruft, dazu dienen wird, dieser Verfolgung ein Ende zu machen." Ein Schreiben des Mr. Asquilh hat folgenden Wortlaut: „Ich stimme voll Herzen in den Protest ein, der fast in jedem Theil der Welt gegen die Behandlung der Juden in Rumänien erhoben wird. Die Regierung Rumäniens hat sich durch ihr Verhalten gegen ihre jüdischen Unterthanen die Sympathie und die Achtung aller derer verscherzt, denen Freiheit und Gerechtigkeit theuer ist." Für das Lrhrlingsheim in Pankow. Berlin, l8. Dezember. en meisten unserer hiesigen ivie auch der auswärtigen Leser dürfte wohl das Lehrlingsheim in Pankow bekannt > sein, jener Verein, dessen Zweck es ist, Handwerkslehrlinge jüdischen Glaubens während der Lehrzeit, durch Gewährung von Wohnung, Bekleidung und Beköstigung zu unterstützen und ihr sittliches Betragen sowie den regelmäßigen Besuch von Fach- und Fortbildungsschulen und des Religionsunterrichts zu überwachen, der mit anderen Worten einen tüchtigen, im Keru gesunden Handwerkerstand heranzubilden bestrebt ist. Erst vor wenigen Wochen waren in einem Artikel unseres Blattes die ethischen Momente hervorgehoben, die in der Förderung des Lehrlingsheims liegen. Sie beruhen zunächst daraus, die jüdische Jugend vor den Gefahren, die ihr während der Lehrjahre drohen, zu schützen, dann die aufgenommenen Lehrlinge, meist verwaiste Kinder oder Kinder unbemittelter Eltern, für das Leben heranzubilden. Und endlich trägt die Förderung eines solchen Instituts dazu bei, die judenfeindliche Verleumdung von der Scheu vor Handwerk und Arbeit energisch zu bekämpfen. Uns liegen einige Jahresberichte des Vereins vor, aus denen klar zn ersehen ist, daß die Erfolge der Institution von Jahr zu Jahr gestiegen und außerordentlich erfreuliche sind. In jedem Berichte kann von der Vereinsleitung mit Genugtuung hervorgehoben werde», daß die Lehrlinge bei Beendigung ihrer Lehrzeit von ihren Meistern mit guten, zum Theil vorzüglichen Zeugnissen über ihre Leistungen und ihr Betragen entlassen worden sind, daß sie das erwählte Handwerk lieben gelernt haben und ihm treu geblieben sind. Trotz einer Reihe glänzender Ersolge, die der Verein mit seinen Lehrlingen erzielen konnte, trotz des hohen Zweckes, dem er seine Kräfte gewidmet hat, ist es ihm aber bisher in den sechs Jahren seines Bestehens doch »och nicht ein einziges Mal möglich gewesen, das Institut voll zu belegen. Allein im letzten Jahre gingen 45 Aufnahmegesuche ein, sechs mehr als im Vorjahre, und von diesen 45 Gesuchen konnten nur 18 genehmigt werden, also 60 Prozent mußten abgelehnt werden — und zwar aus Mangel an Mitteln! Auf sechs bezw. sieben im Laufe eines Jahres frei werdende Stellen kamen im Jahre 1900/1901 39, im Jahre 1901/1902 gar 45 neue Gesuche. Welch eine traurige Perspektive! Obwohl die?Zahl de<Mitglieder des Vereins in jedem Jahre eine stetige Vermehrung erfahren hat, so stehen leider doch noch immer die an das Heim gestellten Ansprüche in auffälligem Mißverhältniß zu den vorhandenen Mitteln, und es bleibt die'ernste Sorge um die Zukunft dieses wahrhaft Humanitären Instituts bestehen. Aus diesem Grunde hat sich die Vereinsleitung wiederholt an den Vorstand der hiesigen Gemeinde mit einer Petition um eine größere jährliche Beihülse gewandt; dieses Gesuch ist von der Subventionskommiffiou leider ab ge lehnt worden. Ob neuerdings wieder aufgenommene Schritte z» einem Resultat führen werden, steht auch noch in Frage. Der hauptsächlichste Grund, welcher die Gemeinde zur Ablehnung dieses Gesuches geführt hat, ist der. daß die Unterbringung von Lehrlingen in einem Internat nicht in das Arbeitsgebiet der jüdischen Gemeinde falle, daß fernerhin aus der Bewilligung dieser Petition sämmtliche übrigen Humanitären Vereine die Berechtigung herleiten könnten, auch ihrerseits mit der gleichen Bitte an die Verwaltung heranzutreten, und hierdurch der Gemeindeetat eine enorme Belastung erleiden würde. Es fällt nun nichts leichter, als diese Eiuwände zn widerlegen. Der Zweck des Vereins, „junge Leute, deren Vorfahren jahrhundertelang nur Handel betrieben haben, zu tüchtigen Handwerkern heranzubilden, d. h. zu Berufszweigen zurückzuführen, welche unter den Juden in der frühesten Geschichte der Kinder Israels in höchster Blüthe gestanden und in den Familien Wohlstand und Zufriedenheit gezeitigt haben," ist eine hohe soziale und ernste kulturelle Ausgabe die durchaus in den Pflichtenkreis einer jüdischen Großgemeinde fällt. Diese Aufgabe ist unseres Erachtens viel verdienstlicher als etwa die Förderung vonkleinen Gemeinden, die, aus einer geringen Zahl vonMitgliedern bestehend, sich angeblich zu religiösen Zwecken zusammenthun und mit großer Mühe die vorgeschriebene Anzahl von Shuagogeubesuchern zur Verrichtung der täglichen Gebete zusammenzubringen vermögen, die aber auch gelegentlich durch die Art und Weise ihres Vorgehens wiederholt schon einen Lliillul Ilaseliem hervorgerufen haben. Sie ist auch für unsere Zeit noch notwendiger als die Sorge für Kranke und Sieche, für die ja übrigens von gemeindlicher wie von privater Seite in reichstem Maße bisher große Aufwendungen gemacht worden sind und noch immer in dankenswerther Weise gemacht werden. Für die Notwendigkeit der Förderung und Erhaltung des Lehrlingsheims vermögen wir kein besseres Zeugniß anzuführen als den im vorigen Jahre an eine Anzahl von Handwerkerkorporationen ergangenen Ministerialerlaß, in welchem der Preußische Handelsminister besonders dem in den Großstädten wohnhaften Handwerkerstande die Begründung von Anstalten zur dauernden Pflege und Beaufsichtigung von Haudwerkslehrlingen dringend empfahl. Vornehmlich in solchen im Auslande bereits bestehenden Instituten, so heißt es in dem Erlaß, werde sich eine sittliche Festigung und fachliche Ausbildung sowie ein wirksamer Schutz gegen Versuchung und Verführung des Lehrlings erreichen lassen, und keine Staatshilfe sei so geeignet, die Heranbildung eines tüchtigen Handwerkerstandes zu fördern, wie die Unterbringung von Lehrlingen in ausschließlich für die Zwecke ihrer Beaufsichtigung und Verpflegung aus privaten Mitteln errichteten Anstalten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.