Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- Seite 614 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228526--59332-3295847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«14 Ein erfreulicher Umschwung ist in der Lage der Juden in Frankreich eingetreten. Es ist nur zu wünschen, daß der neue Kurs sich noch lange halten möge. Wie sehr die Stimmung gegen die Juden von der Haltung der Regierung abhängt, das zeigt am besten die Lage in Algier, wo der Antisemitismus thatsächlich ausgespielt hat, während er früher unter der stillschweigenden Duldung oder gar Protektion der Gouverneure und Beamten, die man aus Paris geschickt hatte um den Aufruhr zu dämpfen, Augenblickserfolge erreichte, die das Schlimmste befürchten ließen. Hatte man sich doch sogar dahin verstiegen, das Cremieux - Dekret betreffs der Emanzipation der Juden in Algier ausheben zu wollen. Auch die Versuche, den Antisemitismus in England einzuschmuggeln, scheinen glücklicherweise mißlungen zu sein. Dort hatte sich die Bewegung unter der Maske einer Idee eingeschlichen, von der zu vermuthen war, daß sich weite Kreise, auch selbst solche, die denJuden Wohlwollen, damit befreunden könnten, nämlich unter dem Vorwand, daß die russischen Einwanderer den Wohlstand Englands gefährden. Die parlamentarische Untersuchungskoinmission, die zum Zweck des Studiums dieser Frage eingesetzt war, hat aber bis jetzt eher ein gegentheiliges Resultat zu Tage gefördert, so daß im Augenblick die Liga der britischen Brüder, von denen diese Agitation ansging, sich in voller Auflösung befindet. Das einzige Land, welches noch immer von jeder antisemitischen Strömung befreit ist, bleibt Italien. Die Ernennung eines jüdischen Kriegsministers, des Generals Ottolenghi, bildet einen wirksamen Gegensatz zur Behandlung der Juden in anderen Ländern des Dreibunds. In den Ländern des Ostens ist die Lage der Juden leider eine unveränderte, ja in Rumänien hat sie sich noch wesentlich verschlechtert. Das Handwerkergesetz, durch welches den Juden als Fremden die Ausübung des Handwerks so gut wie unmöglich gemacht werden sollte, war der Anlaß zu einem Sturm, der sich gegen das Land der Bojaren erhob und der sich auch heute noch nicht gelegt hat, obwohl die rumänische Regierung alle Versuche macht, eine Krisis abzuleugnen. Die Auswanderung aus dein unglücklichen Lande dauert fort; einen Wendepunkt in dieser Situation wird ohne Zweifel die Note des amerikanischenIStaatssekretärs Hay herbeiführen, obwohl man bis jetzt noch nicht weiß, welchen Eindruck dieselbe an den europäischen Höfen hervorgerufen hat. Aber wie dein auch sei, die Stimme der Humanität ist auch im Getriebe des öffentlichen Lebens wieder einmal vernommen worden, und das ist ein nicht hoch genug anzuschlagender Erfolg, auf den Amerika stolz sein darf. In Rußt a n d dauert der Zickzackkurs immer noch fort. Zwar hat es neueren Nachrichten zufolge den Anschein, als ob der Einfluß des Oberprokurators Pobjedonoszew wirklich zurückgegangen sei, aber was will das sagen gegenüber den vielen kleinen Pobjedonvszews, die in dem weiten Zarenreiche ihr Müthchen an den wehrlosen Juden kühlen! Der neue Minister des Innern, der die treibende Kraft der Gesetzgebungsmaschine ist, Herr von Plehwe, soll ein kluger und Praktischer Mann sein. Er hat selbst an der Gesetzgebung gegen die Juden mitgewirkt, aber wenn nicht Alles trügt, hat er nun auch eingesehen, welche traurigen Früchte diese Gesetzgebung der letzten zehn Jahre getragen hat, und er soll sich mit der Idee beschäftigen, den Juden einige Erleichterungen zu gewähren. Namentlich soll ihnen, wie es heißt, gestattet werden, kleine Parzellen Land zu erwerben, um dort Ackerbau zu treiben. Auch die Absperrung in den Schulen wird nicht mehr so streng gehandhabt. Die Studentenunruhen in Moskau, Kiew, Petersburg und anderen Orten, die Judenkrawalle in Czenstochau rc. haben wohl der Regierung die Augen geöffnet und ihr den Abgrund gezeigt, dem sie bei der gegenwärtigen Politik zusteuert. Inden außereuropäischen Ländern ist die Lage der Juden eine unveränderte, im guten wie im schlechten Sinne. In Persien und Marokko haben sies noch immer viele Verfolgungen zu erdulden und sind den wechselnden Launen der Beamten preisgegeben. Etwas erfreulicher ist der Rückblick auf die innere Lage. Man kommt immer mehr zur Erkenntuiß, daß nur die Konsolidirnug aller Kräfte in unserer Mitte uns Heil und Rettung bringen kann. Das Wirken des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat durch den neunten Gemeindetag eine weitere Kräftigung erfahren. Auch in England ist ein Gemeindebund begründet worden und in Frankreich hat man die Abwehrbewegung durch ein Schutzkomitee gegen antisemitische Angriffes organisirt. Außerdem ist in Deutschland eine Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums und in England ein Verband der Litteraturvereine entstanden. Der Hilfsverein der deutschen Juden wirkt mit den Allianzen in Frankreich, England und Oesterreich und vor Allem mit der 3ervisti Loloinsation ^88ociation im Interesse unserer unglücklichen Glaubensbrüder im Osten in wahrhaft gedeihlicher und fruchttragender Weise zusammen. So dürfen wir mit tröstlichen Aussichten den Rückblick auf das alte Jahr abschließen. Wir feiern in diesen Tagen das Chanukahfest. Es lehrt uns, daß der Kampf gegen Ucberinacht von unsrer Seite kein erfolgloser zu sein braucht, wen« wir ihn mit Muth und Ausdauer führen. Mögen die Lehren nnd die Lichter des Festes unsere Seelen nud Herzen erleuchten! Nie Woche. Berlin, 24. Dezember. ^Axine große Schaar edler, durch Frömmigkeit, Bildung und Wohlthätigkeitssinn ausgezeichneter Männer, die für das Judenthum und für die Menschheit gedeihlich gewirkt haben, führt den Zug des Todes im abgelaufenen bürgerlichen Jahre an. Wir nennen nach alter Sitte zuerst die Rabbiner nnd Lehrer in Israel: Landrabbiner Dr. Salzer-Stadtlengsfeld, Rev. SpierS-London, Prediger Blumenfeld-Essen, Rev. A. Moses-Louisville, Abr. Abinun- Sarajewo, Dr. B. Friedmann-Grätz, Abr. Joffe-Rossigny, Dr. Jonathan Wolf und D. Löwh-Wien, Dr. S. Rosenzweig- Kojetein, Schneor Salomon-Jerusalem, Dr. Bär-Graudenz, Jakob Joseph-Newyork, Dr. B. Szold-Baltimore, Dr. P. Neustadt und Dr. Sal. Cohn-Breslau, Dr. I. Rülf-Bonn, Dr. B. Pomeranz-Odessa. Von hervorragenden Gelehrten erwähnen wir: Geheimrath Professor Jul. Wolfs-Berlin, Professor C. Conegliani-Modena, Professor Julius Bruck-Breslau, Professor I. Stokvis-Amsterdam, Professor A. Friedenwald-Baltimore, ferner die Schriftsteller HieronymusLorm-Brünn, Dr. Jul. Basch- Berlin, Jenny Hirsch-Berlin, Isidore Cahen-Paris, Asher I. Myers-London, Adolf Landau-Petersburg, Sigmund Engländer-