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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 sei zu einem Dialekt von ethymologisch ausgezeichneter Feinheit. geworden, von einer Schmiegsamkeit und Biegsamkeit, wie sie kein anderer Dialekt erreicht hätte. An vielen treffenden Beispielen zeigte der Redner alsdann, wie unverkümmert der Jargon jene Vorzüge bis auf die heutige Zeit bewahrt hätte. Es sei kein Zujall und könne kein Zufall sein, daß unter den Vorbildern besten deutschen Stils so viele Juden seien, deren Eltern nur den Jargon gekannt, und die selbst in ihrer Jugend den Jargon gesprochen hätten. Nach Moses Mendelssohn hätten die Juden sich nicht mehr begnügt, diesen Dialekt, den Jargon, zu sprechen, sondern sie hätten die neuen Formen der alten, veränderten Sprache angenommen und seien die gelehrigen Zöglinge der neuesten Klassizität geworden. Der Jargon werde von mehr Menschen gesprochen als irgend ein anderer Dialekt, und die Zahl derselben dürste kaum hinter 7 Millionen Zurückbleiben- Noch hätte der Jargon seine Rolle nicht ausgespielt. Lebhafter, wiederholter Beifall folgte diesen Ausführungen. Der Vortrag bot in der That dem überwiegenden Theile der Versammlung völlig Neues. — Der Vorsitzende gab alsdann den üblichen Geschäftsbericht; er konnte die erfreuliche Thatsache konstatiren, daß seit dem 1. Oktober dem Centralverein 1000 neue Mitglieder beigetreten sind. Den auswärtigen Gruppen soll in der Organisation der Grnppenvorstände nunmehr eine festere Gestaltung gegeben werden, um im Sinne des Vereins eine regere Thätigkeit entfalten zu können. Er theilte der Versammlung mit, daß am 1. Februar ein Delegirtentag aller Gruppen des Vereins abgehalten und am 2. Februar in den Gesammträumen der Philharmonie das Fest des zehnjähriger: Bestehens des Vereins gefeiert wird. Berlin, 14. Dezember. Die Israelitische Taubstummenanstalt des Vereins „Freunde der Taubstummen-^edill 6 .11 mim" versendet den folgenden Ausruf, den wir in dieser Zeit der Spenden allgemeiner Theilnahme wärmstens empfehlen: „Sehr geehrter Herr! Der Unterzeichnete Vorstand beehrt sich hierdurch Ihnen das Bestehen der einzigen Israelitischen Taubstummenanstalt für Deutschland in Weißensee bei Berlin in Erinnerung zu bringen. Mit der im raschen Steigen begriffenen Bevölkerungszunnahme in Deutschland sind auch die Ansprüche gewachsen, welche an Wohlthätigkeitsanstalten gestellt werden, so daß die diesen zu Gebote stehenden Mittel in keiner Weise mehr ausreichen. Auch bei der von uns vertretenen Anstalt hat sich dies fühlbar gemacht. Wir wenden uns daher an die verehrliche Lehrerschaft, die es als die vornehmste Ausgabe ansieht, für alles Gute und Edle zu wirken und die Jugend für gottgefällige humane Werke zu erwärmen, mit der dringenden Bitte, ihre Schüler und Schülerinnen wie auch deren Eltern aus die bestehende Anstalt aufmerksam zu machen, damit sie ihre Theilnahme auch den Unglücklichsten der Unglücklichen, den Taubstummen, zuwenden. Als eine geeignete Zeit zum Sammeln kleiner Gaben haben wir das bevorstehende Chanukkafest ausersehen. Es wird Ihnen gewiß gelingen, viele Kinder zu veranlassen, mit Erlaubniß ihrer Eltern in die beiliegende Sammelliste ihre Namen und eine Chanukkagabe einzutragen. Jeder gebe nur nach seinen Verhältnissen; auch die kleinste Gabe wirb mit innigstem Danke angenommen. Zur Begründung unserer Bitte gestatten wir uns auf Folgendes hinzuweisen: Kein Gebrechen kann drückender und bitterer empfunden werden, als der Mangel des Gehörs und der Sprache, denn hierdurch ist das mächtigste Band zerrissen, welches die Menschen unter einander verbindet. Es fehle die fördersame Uebertragung und Mittheilung des Gedachten von einem denkenden Wesen zum anderen, und nur die Sprache als Offenbarung der ganzen menschlichen Individualität kann uns aus dem Zustande der Vereinzelung herausreißen. Deshalb ist für den Taubstummen der sprachliche Unterricht die dringendste Notwendigkeit. Ohne ihn bleibt der Taubstumme im hilflosesten Zustande dauernd verurtheilt, ein einsame- Leben zu führen; er gelangt nie zum vollen Bewußtsein der Menschenwürde, zur Erkenntniß der beseeligenden Lehre der Tugend und der Religion, und in trauriger Abgeschiedenheit muß er sein kärglich bemessenes Gnadenbrod verzehren. Dabei würde er noch den Seinigen oder der betreffenden Ge»neinde sein Lebelang eine schwere Last und Plage sein. Durch Unterricht und Erziehung befreien wir den Taubstummen von dem Elende und bilden ihn aus zum nützlichen Mitglieds der menschlichen Gesellschaft. Diese Wohlthat der Erziehung zu wcrkthätigen, Niemand zur Last fallenden Menschen ist von unserer Anstalt seit ihrem Bestehen zahlreichen jüdischen Taubstummen aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes zu Theil geworden. Die Anstalt bedarf Ihrer Hilfe, um diese Wirksamkeit auch in Zukunft und in erhöhtem Maße üben zu können. Versagen sie ihr darum Ihren Beistand nicht und erfülle:: Sie die Worte der Schrift: „Thne aus deinen Mund für die Stummen und für die Sache Derer, die verlassen sind." Der Vorstand: Dr. I. Boas, Geheimer Sanitätsrath. Vorsitzender; Ludwig Ginsbert, Fabrikbesitzer, stellvertretender Vorsitzender; M. Reich, Direktor; Adolph Salomon, Rentier, Schriftführer; I. Blumeuthal, Kaufmann, Kontroleur; W. Löweuthal, Hofspediteur, Rendant; M. Apelt, Bankier; Hrmu. Dessauer, Frankfurt a. M.; Joseph Fraenkel, Rentier; Ludwig Gumpertz, Kaufmann; M. Kirchdörfer, Kommerzienrath; G. Köhler, Bankier; Ferdinand Landsberger, Kaufmann; Dr. Maybaum. Rabbiner; Louis Ed. Sachs, Hoflieferant; Gustav Tuch, Rentier. Postsendungen gütigst an Herrn Adolph Salomon, Berlin 23, Flensburgerstraße 9. vv. Berlin, 15. Dezember. Die Indische Arbeiterkolonie in Weißensee. Wörthstraße 20, welche gegenwärtig 50 Kolonisten in den verschiedenen Berufszweigen beschäftigt, entwickelt sich in erfreulicher Weise. Die Verwaltung hat beschlossen, mit Rücksicht ans die große Zahl der um Arbeit Ansprechenden die Anzahl der Betten nunmehr auf 75 zu erhöhen. Bisher sind 8678 Verpflegungstage einschließlich der Feiertage zu verzeichnen. Für Menage sind 4122 Mark verausgabt; an Arbeitslöhnen habe:: die Unternehmer 3618 Mark gezahlt, und den Kolonisten wurden außerdem an Akkordüberschuß 1228 Mark gutgeschrieben. — Acht Kolonisten, welche in der Anstalt ein Handwerk erlernt haben, sind von der Verwaltung in Berliner Werkstätten mit auskömmlichem Einkommen untergebracht, während sechs Ausgelernte in die Heimath zurückgekehrt sind, um mit ihren Ersparnissen in den erlernten Handwerken sich selbstständig zu machen Auch die Arbeitgeber sind mit den Erfolgen ihrer Thätigkeit zufrieden, da sie bei den billigen Arbeitslöhnen von 70 Pfennig pro Arbeitstag bei rniethssreien Arbeitsräumen gut vorwärtskommen. Die Verwaltung hat noch mehrere schöne Werkstatträume an solide Unternehmer miethsfrei zu vergeben. Reflektanten erhalten bereitwilligst von den Vorsitzenden der Kolonie, Maurermeister Marcus Adler, Georgenstraße 46a, und Fabrikbesitzer Moritz Rosener, Ritterstraße 87, in Berlin nähere Auskunft. — Diejenigen aber, die der guten Sache nützen wollen, werden um gütige Zuwendung getragener Kleidungsstücke, Wäsche und Schuhzeug gebeten; nach erfolgter Mittheilung, läßt der Inspektor Behrendt von der Kolonie in Weißensee, Wörthstraße 20, die Sachen abholen. Breslau, 8. Dezember. Am 6. d. M. starb in den: Patriarchenalter von beinahe 90 Jahren einer der ehrwürdigsten und geachtetsten Bürger unserer Stadt, der Rentier Salomon Weigert. Mehrere Menschenalter hindurch hat sich der Verstorbene mit unermüdlicher Aufopferung dem Dienste der Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit gewidmet, den: bis in das höchste Greisenalter, das er fast ungebeugt durch die Last der Jahre erreichte, seine Fürsorge galt. Zahlreiche Ehrenämter, darunter auch solche im Dienste der hiesigen israelitischen Gemeinde, die den ausgezeichneten Mann zum Ehrenmitglied ihres Vorstandes ernannte, bewiesen das hohe Vertrauen, welches der Verstorbene in allen Kreisen genoß. Viele Jahrzehnte lang war der Dahingeschiedene in: kauftnännischen Leben als Inhaber einer bekannten Tuchhandlung rastlos thätig, bis ihn zunehmendes Alter zwang, sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen nnd sich nur noch seiner Familie und den Werken der Nächstenliebe zu widmen. Ein echter Jude, ein Mann von klarem Verstände und seltener Gemüthsbildung, der mit warmschlagendem Herzen innigsten Antheil nahm an den Schicksalen seiner Mitmenschen, und der bis in das hohe Greisenalter in den vordersten Reihen stand, wenn es galt, die Kräfte einznsetzen für das Gemeinwohl, glich er einen: Patriarchen, dessen Nächstenliebe und Lebensweisheit vorbildlich war für die Kreise, in denen er wirkte und mit denen er lebte. Die Leichenfeier fand am Dienstag Nachmittags 2 Uhr, in der Neuen Synagoge am Stadtgraben statt. Lange vor Beginn der Trauerfeierlichkeit war der monumentale Bau dicht gefüllt. Vor dem schmucklosen Sarg, um welchen Blattgewächse und umflorte Kandelaber aufgestellt waren, nahmen Vorstand, Repräsentantenversammlung. die Armenkommission, die Kommission der Neuen Synagoge, der Vorstand der israelitischen Waisenverpflegungsanstalt mit einer Delegation von zehn Mädchen und Knaben rc. Aufstellung. Zu Beginn der Feier stimmte der Synagogenchor unter de:: Klängen der Orgel das hebräische Lied an: „Alles Fleisch wie Gras", dann hielten die Gemeinderabbiner Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal tiefergreifende Gedächtnißreden, in welchen das Wirken des Verblichenen im Dienste

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