Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Jahrgang. Ar. 51. Gerlm, 19. Dezember 1902 Der Gemein-rbote. 'Meikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 10. Dezember. Am 30. v. M. fand in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums die feierliche Einführung des neuen Dozenten, Herrn Dr. El bogen, statt. Im Namen des Kuratoriums, dessen Mitglieder zahlreich erschienen waren, begrüßte dessen Vorsitzender, Herr Sanitätsrath Dr. Neumann, in kernigen, tiefempfundenen Worten den Dozenten. In seinen geistvollen Ausführungen gedachte der Redner besonders der Ausgabe der Lehranstalt, ein treuer Hort der Wissenschaft des Jndenthums zu sein. Seitens des Lehrerkollegiums sprach Herr Dr. Baueth herzliche Worte der Bewillkommnung. Dann ergriff Herr Dr. Elbogen selbst das Wort und dankte, sichtlich bewegt, dem Kuratorium und Lehrerkollegium für die ehrenvolle Berufung, die er mit allen Kräften rechtfertigen zu wollen versprach. Die Hörer versicherte der neue Dozent stets seiner brüderlichen Theiluahme und treuen Unterstützung. So hinterließ die würdige Feier bei den Herren Kuratoren. Dozenten, Hörern nnd Gästen einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. — Im Anschluß hieran sand am Donnerstag, den 4. Dezember, in der „Achawa", dem Verein der Hörer an der Lehranstalt, eine Festsitzung zu Ehren des Herrn Dr. Elbogen statt. An Stelle des durch Krankheit verhinderten Herrn Pelz, begrüßte Herr Dr. Cohen den Ehrengast. Herr Dr. Elbogen dankte und sprach feine Freude darüber aus, in der „Achawa" weilen zu können; den Verein versicherte er seines Wohlwollens. Daraus feierte Herr Dr. Galliner das Kuratorium in seinem Vertreter, Herrn Professor Dr. Philippsou, der in herzlichen Worten dmckte. Namens des Lehrerkollegiums gedachte Herr Dr. Baneth der wissenschaftlicheil Bestrebungen der „Achawa" und ermahnte die Mitglieder auch ferner zu gedeihlicher Mitarbeit au den erhabeneil Zielen der Anstalt. Von beiden Seiten der Milglieder feierten Herr enuct. Schenrel die Dozenten, Herr eaull. Davidsohu die Gäste; Herr stuä. Salomonski erfreute die Festtheilnehmer durch ein wohlgelungenes Dozentenlied. Seitens der zahlreich erschienenen Gäste dankte Herr Dr. Neu mark. 8. Berlin, 10. Dezember. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt Herr D r. Berliner den zweiten seiner Vorträge, der die Lebensschicksale eines römischen Ghettojüuglings behandelte. Der gelehrte Redner ging zunächst historisch auf Papst Paul IV. zurück, der 1555 den Stuhl bestieg und in seinem fanatischen Haß gegen die Juden fünfzehn Thesen erließ, die daraus hinzielten, durch Bosheit und Gewalt Seele und Körper von Tausenden zu vernichten. Auf seine Anordnung wurde um den von Juden bewohnten Theil eine Mauer errichtet. Es beginnt nun das Ghettoleben, ein Leben voller Leiden, voller Entbehrungen und Verhöhnung, voller Versuchung und Verführung. Aber selbst unter unerträglichem Druck hat sich der Ghettojude eine Fülle von Tugenden bewahrt. Innerhalb dieser Mauer entwickelte sich ein Gemeindeleben, welches seine eigenen Finanzen, seine Beamten, seine Polizei, ja sogar sein eigenes Gefängniß für Disziplinarvergehen hatte. Trotz unerschwinglicher Steuerabgaben, mit welchen die päpstliche Regierung immer von Neuem an die Ghettobewohner herantrat, waren diese dennoch bemüht, Mittel zur Hebung und Verbesserung ihrer Lage zu ersinnen. Vor Allem galt ihre stete Fürsorge der Jugend sowie der Belehrung der Erwachsenen. In ausführlicher Weise gab der Vortragende alsdann den Lebensgang eines solchen Ghettojnngliugs Jehuda Gonzaga aus dem 17. Jahrbuch aus dessen eigenem Memoirenwerke wieder, der in der Talmud-Thora- Schule ausgewachsen und, von dem Drang beseelt, immer tiefer in die Schätze der Wissenschaft einzudringen, sich durch Vermittelung von Freunden und Gönnern den profanen Wissenschaften zuwandte und schließlich dem medizinischen Studium sich widmete. In sehr interessanter Weise legte der Redner die unendlichen Schwierigkeiten dar. die Conzaga nicht nur wegen seiner Armuth, sondern auch als Jude zu überwinden hatte, ehe es ihm gelang, eine angesehene Stellung in der Gemeinde zu erringen. Das Publikum folgte den Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit und gab seinen Dank durch lebhaften Beifall kund. — Aus den auswärtigen Litteratnrvereinen: In Forst i. L. sprach Prediger Putvermann über „Das erste Jahrhundert nach der Tempelzerstömng"; in Tilsit Dr. Beerman n-Jnstervurg über „Deutsches Ghettoleben im 13. Jahrhundert"; Dr. Ehrlich „Aus dem Sagenkreise des Talmuds"; in Danzig Dr. Fr eud en thal über „Talmud-Uebersetzungen"; in Jnowrazlaw Frl. Dr. Sam ter über „Die jüdische Gesellschaft in Berlin im vorigen Jahrhundert"; in Schroda Buchdruckereibesitzer Bernstein über „Shylock"; in Nord Hausen Dr. A. Ko Hut über „Alexander v. Humboldt und das Jndenthum"; in Gotha Dr. Königsbergs- Pleschen „Aus dem Jdeeukreise des Judenthums"; in Meiningen Prediger Me her-Eisenach „Ein jüdischer Herzog"; in Ko bürg Dr. Ascher über „Die Wissenschaft in der althebräischen Litteratur" in Köln Dr. Frank über „Jüdische Alterihümer"; in Siegburg Lehrer Goldschmidt-Köln über „Raschi"; in Mannheim D. Triesch über „Das heutige Palästina"; in Schweinsurt Rechtsanwalt Dr. Hommel über „Die Emanzipation der Juden"; in Glogau Professor Dr. Geiger über „Michael Sachs und Moritz Veit." Neue Litteraturvereine sind begründet: in Falkenburg in Bayern und in Sobernheim a. N., wo Dr. Haas, der erste Vorsitzende, einen Vortrag über „Lessing nnd das Judeuthum" hielt. 8. Berlin, 9. Dezember. In der heutigen, zahlreich besuchten Versammlung des Cenlralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens widmete vor Eintritt in die Tagesordnung der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, dem verstorbenen Abgeordneten Heinrich Rickert einen warmempfundenen Nachruf, jenem goldklaren und durchsichtigen Charakter, jenem Manne, dessen Liebe zum Vaterlande ihn auch zum Vertheidiger der Juden machte, der es als Schmach für Deutschland empfand, daß eine Bewegung wie der Antisemitismus entstehen, wachsen und groß werden konnte. Alsdann hielt Herr Redakteur Klausner einen sehr interessanten und fesselnden Vortrag über: „Die Sprache und die Nationalität". Der Redner geht davon ans. daß die theoretische Begriffsbestimmung der Nationalität unbestimmt und schwankend sei, daß der Wille oder Nichtwille für die nationale Zugehörigkeit innerhalb gewisser Grenzen entscheidend sei und bisher noch nicht als bedeutungsvoll ln Geltung gewesen. In den deutschen Juden sei der Wille der Zugehörigkeit zur deutschen Nation in einer Zeit schon lebendig gewesen, da die meisten Vorfahren der jetzigen Deutschen von einer Nation überhaupt nichts gewußt und von der deutschen Nation gewiß nichts hätten wissen mögen. Der Beweis hierfür liege in dem Verhalten der deutschen Juden der deutschen Sprache gegenüber, die freilich allein die Nationalität noch nicht ausmache, aber unstreitig zur Bildung des Nationalitätsgefühls in hervorragendem Maße beitragen können. Wenn nun die deutschen Juden nicht blos während ihres Aufenthalts in deutschen Landen die deutsche Sprache angenommen, sondern in anderssprachigen Landen sie sestgehalten, gepflegt und weiter gebildet hätten, so sei der Wille der Zugehörigkeit der deutschen Juden zur deutschen Nationalität jedem Zweifel entrückt. Der Jargon sei nicht nur ein vollberechtigter deutscher Dialekt, sondern ein verbreiteter, interessanter nnd ausgezeichneter Dialekt, zugleich ein Zeugniß sür die rührende und unvergleichliche Treue, die der deutsche Jude der deutschen Sprache bewahrt habe, fernerhin ein in viel tausend Zungen redendes Zeugniß der Dankbarkeit sür die Wohlthaten, die die Juden vor langen Jahrhunderten in Deutschland genossen, die sie aber durch fleißige Regsamkeit, durch fördernde Antheilnahrne au aller Kulturarbeit, deren ethische Grundlage erst durch die Juden der abendländischen Welt geschenkt worden sei. vergolten hätten. Der Redner bezeichnet^ es als selbstverständlich, daß die deutsche Sprache der vertriebenen Juden nicht die Wandlungen durchgemacht haben könne wie in den deutschen Landen, wo sie zur neuhochdeutschen Sprache sich umgewandelt hätte. Das Mittelhochdeutsche der ostländischen Juden