Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 612 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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612 „Mister, wollen Sie ä Extrablatt? Ein Cent!" Ein kleiner, zerlumpter Kobold halte seinen Kopf zur Bodenthür hineingesteckt, unter dem Arme einen Stotz Zeitungen den im Jargon und hebräischen Lettern erscheinenden „Jüdischen Herold", das Leibblatt des Ghetto. Kochmann kaufte, suchte seine Brille hervor und las Folgendes: „Wieder einmal haben Diebe ein Kunststück fertig gebracht, vor dem unsere Polizei wie vor einem Räthsel steht. Die grobe, bekannte Juwelensirma von Tiffauy, Union Square, wollte ihrem Hause in San Francisco einen Posten Brillanten im Werthe von 250000 Dollar übersenden. Die Juwelen wurden in einem kleinen Stahlkasten gepackt, verschlossen, dieser in eitlen Bleikasten gestellt und letzterer so verlöthet, daß er nur mit größter Schwierigkeit wieder zu öffnen gewesen wäre. Dann wurde das Ganze in einen kleinen, unauffälligen Koffer gepackt und so zur Bahn transportirt. Bekanntlich haben unsere Eisenbahnen für besonders werthvolle Sendungen einen ganz speziellen Waggon. Derselbe ist aus Stahl gebaut. Nachdem die Sendungen unter Aussicht der höchsten Beamten in diesen Stahlwaggon verladen, wird letzterer dreifach verschlossen — wozu die drei höchsten Beamten je eilien Schlüssel besitzen — und dreifach, wieder von je einem Beamten versiegelt. Es wäre ganz unmöglich, die Thür zu öffnen, ohne alle drei Bleisiegel zu zerbrechen. Sobald der Zug in einer Station einläuft, werden vor allen Dingen diese Siegel untersucht. Befindet sich eine Sendung für die betreffende Station im Waggon, so ist die Thatsache schon voraustelegraphirt worden. In dem Falle werden die Siegel durchbrochen, losgelöthet, die betreffende Sendung von den drei höchsten Beamten unter polizeilicher Deckung in Empfang genommen und der Waggon sofort wieder, wie oben geschildert, geschlossen. So wurde natürlich auch mit dem Waggon verfahren, der die 250000 Dollar Juwelensendung enthielt. Und doch, als der Zug das Ziel seiner Neise — San Francisco — erreicht hatte, war der werthvolle Koffer spurlos verschwunden. Die Siegel sind nicht im geringsten verletzt. Das Interieur des Waggons weist keinerlei Unordnung aus, die Sendungen sind alle richtig an ihre Adressaten gelangt —, der Juwelenkoffer jedoch ist verschwunden. Weder die Polizei noch die Elsenbahndirektion können sich erklären, wie der Koffer aus dem Stahlwagen gekommen, noch dazu ohne die Siegel zu verletzen. Ein Jrrthnm seitens der Beamten, eine etwaige Verschickung, ist absolut ausgeschlossen. In Anbetracht der eigellartigen Umstände haben die Firma Tiffany und die Eisenbahudirektion zusammen eine Belohnung von 5000 Dollar ausgeschrieben, zahlbar Demjenigen, welcher ihnen Anhaltspunkte liefert, die zur Verhaftung und Verurtheilung der Diebe führen." Gespannt hatte Reb Kochmann zu Ende gelesen. „HeisUn Köpp! Ae Gewure! Ich will schon glauben, daß die Polizei vor einem Räthsel steht. — 5000 Dollar! Das könnt mich grad' retten; aber da werden sich noch ganz andere Leute den Kopf drüber zerbrechen wie ich. Wie die Kerls das doch wohl angestellt haben? Der Waggon ist nicht aufgebrochen, der Koffer is gestohlen, wie — um alles in der Welt — haben se das fertig bekommen? Wie, ja wie? — Das is de Frog." Sinnend saß er noch eine Weile da, dann griff er nach einem Paar Stiefeln, die neben ihm auf den Boden lagen. „Was soll ich mir denn den Kopf zerbrechen," murmelte er halblaut vor sich hin, „ich werde lieber die Stiefel hier sertig machen, das bringt mir mehr ein." Und mit diesem löblichen Borsatz machte er sich an die Arbeit. Jedoch — der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert, und Reb Kochmann „zerbrach sich den Kopf" ruhig weiter. Wie?! Wie?! hämmerte es unaufhörlich darin. Seine sehr rege Phantasie, welche sich bei den geringsten Anlässen in die höchsten Regionen verirrte, malte sich die undenkbarsten Sachen aus. An eine Möglichkeit konnte er aber nicht denken. Die Stiefel lagen schon längst wieder auf dem Boden — nur wenige Stiche hatte er daran gethan, während er selbst das Gesicht irr den Händen vergraben hatte. 5000 Dollars! Wie haben sie^s gemacht! Guter, lieber Gott, sag' du mir doch, wie haben sie's gemacht!! So fanden ihn seine Schüler, als sie zum Unterricht eiutrafen. Pflichtgetreu nahm er denselben auf, pflichtgetreu führte er ihn aus. Aber so mancher Fehler ging doch durch, ein Beweis, daß Reb Kochmami nicht bei der Sache war. Später kam wie immer die Suppe. „Was soll doch werden, Schmul? Noch drei Tage und dann-was dann Schmul?" „Was kann Gott alles in drei Tage thuu, Rahel! Er wird schon noch helfen." Es folgte die gewöhnliche Philippika, die er wie gewöhnlich ruhig über sich ergehen ließ. Doch als sein Ehegespons schon längst den Schlaf des Gerechten schlief, lag er noch wach im Bette. Wenn er doch wieder träumen möchte! Einen Anhaltspunkt erträumen. . . . „Guter Gott, wenn du willst, dann kannst du doch — laß mich doch träumen! Dann war mir doch geholfen." Beinahe hätte er sich mit Gott darüber gestritten. — Und da fiel ihm ein, daß in drei Tagen Chauuka sei. Uoau8 Lur ^68<'Inio8i." Mein Heil, Hilfe, Zuflucht! Ja, das bist du, Allmächtiger. Oh, wie wollte ich das aus voller Kehle singen; Laß mich träumen! Du hast doch Abraham auch träumen lassen und Jakob und David und noch Viele mehr. Wenn ich — doch — auch — träumen —Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war träumen — nur träumen. (Schluß folgt.) Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! Schreiben des Herrn Heinrich Driesmans im Sprechsaal der Nummer 49 Ihrer geschätzten Zeitung veranlaßt mich noch einmal auf meine „Entgegnung" (in „Ernstes Wollen" Nr. 70) zurückzukommen, nm dem Gedächtnitz des Herrn Driesmans zu Hilfe zu kommen. Nach seinen Worten in der Nummer 49 Ihrer Zeitung muß es jedem nicht unterrichteten Leser so erscheinen, als ob Herr Driesnians in der von mir angegriffenen Nummer der Zeitschrift „Ernstes Wollen" eine Lobrede auf die „jüdische Raffe" veröffentlicht habe, da er dem mir unbekannten Artikelschreiber Ihrer Zeitung zuruft: „Mit einem Worte, Sie würden stolz darauf sein, überhaupt typische Merkmale zu besitzen und den Stolz ihrer Raffe in solchen finden." Nun, die Merkmale, auf welche wir stolz sein sollen, sind nach Driesmans von mir mit Entrüstung zurückgewiesenen Worten (Ernstes Wollen" Nr. 68 S. 113/114>: „mit ihrer (d. h. der jüdischen) Nationalität sozusagen verwachsene Gepflogenheiten des geschäftlichen und sozialen Lebens." Es war also nicht allein die mir übrigens sonst völlig gleichgiltige Anschauung Driesmans über „die jüdische Gesichts- und Schädelbildung". gegen welche ich protestirte. Die damalige Erwiderung Driesmans bestätigte leider meine Anschauung, daß der Rassentheoretiker Driesmans ernstlich antisemitisch angekränkelt ist. Seine Verteidigung in Nummer 49 Ihrer Zeitung ist der erste Schritt zur Selbsterkenntnis. Statt mir und dem Artikelschreiber voll oben herab völlige Unkenntnitz irr Sachen und Fragen der Anthropologie vorzuwersen, würde es seine Selbsterkenntnis noch weit entschiedener fördern, wenn er sich Professor Feldmanns Worte (in „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft" 1900, II. 300) in Jein Album eintrüge: „Chamberlains Rassentheorie hat in Driesmans einen noch unwissenschaftlicheren Vertreter gefunden. Man sollte.sich dieser chauvinistischen Nassenphantasien, denen keinerlei ex a kt e r B ewei s zur Seite steht, nachgerade entschlagen." Hamburg, 13. Dezember. Ergebenst Dr. Paul Rieger, Prediger am Israel. Tempel zu Hamburg. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.