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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 611 (sequence 13)
Language
German
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611 viel zu thun war, der Regen nöthigte immer neue Kunden, ihre Schuhe repariren zu lassen und da — der Gegend angemessen — es lauter „zwanzig Minuten Kunden" waren, so war unser Rebbe-Schuster so beschäftigt, daß er schon bis Mittag den ganzen Traum vergessen hatte Der Abend brachte dann die Schüler, und als er diese um zehn wieder entlassen, kam Rahe! wie gewöhnlich mit der Nachtsuppe und der Frage: „Was soll doch werden, Schmul?" Auf die stereotype Frage folgte die stereotype Antwort, mit so viel Vertrauen gegeben: „Gott wird schon helfen, das Geschäft war doch heute sehr gut." — — Rahel war mit ihrem Schimpfen im besten Zuge — Kochmann, wie immer, stillschweigend dafitzend — als die Ladeuklingel ertönte. Verwundert sahen die Gatten sich an. Um zehn Uhr noch ein Kunde? Aber es regnete ja noch immer! Kochmann ging nach vorn. Im Laden hatten zwei Männer auf den dort stehenden Holzschemeln Platz genommen, Einer hatte sich seiner Schuhe bereits entledigt. Der Andere erklärte, nur auf seinen Freund warten zu wollen. Es waren richtige „zwanzig Minute» Kunden"; Kochmann war bald an der Arbeit. Unterdessen unterhielten sich die Freunde ganz laut und ungenirt. „Ist doch zu dämlich, daß der Koffer gerade jetzt kaput gehen mußte. Wo bekommen wir zu dieser nachtschlasenden Zeit noch einen Schlosser her. Und wenn das Dings heute nicht reparirt wird — Morgen dauert es so lange, daß wir sicher den Zug versäumen. Es ist wahrhastig ein Pech." „Ist es auch," meinte der Andere. „Sollten wir wirklich wegen einer solchen Lappalie zu spät ankommen und gleich beim Antritt in die so mühsam erworbene Stellung einen schlechten Eindruck Hervorrufen?" Nach einer kleinen Pause. „Weißt Du was? Wir binden den Koffer mit Stricken zusammen. Jedenfalls besser, wie zu spät kommen." „Du hast nicht Unrecht — aber nobel wird das gerade auch nicht aussehen." Es trat eine kleine Pause in der Unterhaltung ein, die Plötzlich von dem Einen srendig erregt unterbrochen wurde. „John, ich Hab 'ne Idee!" Warum kann der Schuster hier nicht mitkommen? Muß es denn gerade ein Schlosser sein? Leder erfüllt denselben Zweck." Und sich an Kochmann wendend. „Nicht wahr, Meister, mit Leder kann man ebensogut ein Paar Löcher vernageln, Angeln anbriugen, überhaupt einen Koffer ein bischen anständig ansschen machen, wie mit Eisen und Blech. Nicht?" fragte er noch einmal. „Warum nicht?" meinte dieser. „Na also! Die Sache ist nämlich die: Wir müssen mit dem Frühzug fort, nach Chicago, wo wir in Stellung treten. Da haben wir vorhin unseren gemeinschaftlichen Koffer gepackt und dabei erst wahrgenonnueu, in welch einem Zustand derselbe sich befindet. Der Deckel kam gleich los, und an allen Ecken und Enden sind Löcher. Einen neuen zu kaufen ist es schon zu spät, einen Schlosser oder Klempner konnten wir auch nicht mehr ausfindig machen. Morgen geht aber der Zug schon um 5 Uhr früh ab, und Sie wissen doch, nach Chicago geht nur alle 24 Stunden einer. Wir wollen aber doch nicht einen Tag zu spät kommen, wie wird das aussehe»? So wie der Koffer ist, hält er aber die Reise auch nicht aus. Da können Sie uns nun einen großen Gefallen thun, nehmen Sie ein Stück Leder, - nicht zu klein — Hammer und Nägel, kommen Sie mit und repariren Sie unseren Koffer. Es soll Ihr Schaden nicht sein. Wollen Sie?" Reb Kochmann reichte eben die fertiggesteüten Schuhe zurück. „Mein Schaden nicht sein?" dachte er. „Wie ein Kozen steht der doch nicht aus! Und ich bin so müde. Elf Uhr ist es auch schon — ach, soll der Goi mit seinem Koffer machen, was er will, — ich bin todtmüde." Und schon schwebte eine abschlägige Antwort auf seineil Lippen, da — er erbebte förmlich — vor seinem geistigen Auge sah er blitzartig, nur den tausendstel Theil einer Sekunde, dasselbe Bild, welches er vergangene Nacht geträumt — Abraham mit dein Sefer — und sofort fuhr ihm infolge dessen jener Vers 20 aus dem Kap. 22 Nuineari ourch den Kopf: Wenn die Männer kommen, dich zu rufen, so mache dich aus, gehe mit ihnen!!" Bald hatte er seine Fassung wieder erlangt. „Ist es weit?" fragte er. „Ich bin sehr müde." „Gar nicht!" versicherten die Männer. „In fünf Minuten sind wir da." Es war, lvie sie gesagt. Eine Viertelstunde später war Reb Kochmann emsig damit beschäftigt, einen durchaus festen, großen, aber sehr durchlöcherten Koffer mit Leder zn überziehen. Ihm fielen die Löcher auf, er fragte aber nicht, lvie sie da hinejingekommen. Was ging das ihn an? Er war überhaupt sehr mißmuthig, enttäuscht. Die Arbeit ivar fertig. Es war viel Leder verbraucht worden, Kochmann hatte einmal nach Hause gehen müssen, um mehr zu holen. Der Koffer sah jetzt aber auch wirklich sehr respektabel aus, unser Rebbe verstand sein Handwerk so gut wie die Thora. Auf eine diesbezügliche Frage erklärte er, etwa für fünf Dollar Leder verbraucht zn haben. Da griff der eine Fremde in seine Westentasche und reichte Kochmann eine 20-Dvllarnote. Er war angenehm, sehr angenehm überrascht. 20 Dollar war viel Geld. Also so war der Traum gemeint. Auch gut. Wahr, er hatte mehr erwartet, aber — Gott sei Dank dafür. Und auch Rahel freute sich, als sie von dem Traum und den zwanzig Dollars hörte; das alte Gottvertrauen zog wieder ein in ihre Brust, und ihre letzten Worte zn ihrem Manne waren an diesem Abend: „Du hast Recht Schmul. Gott wird helfen." Aber allem Anscheine nach hals Gott nicht. Es war Nachmittag. Draußen schien die herrliche Sonne ans die schmutzigen Ghettoftraßen, Wege und Stege waren trocken; in den letzten zwei Tagen hat Reb Kochmann kaum etwas zu thun gehabt. Immer näher rückte das Ende der verhängnißvollen Woche, und vergangenen Abend, bei der Suppe, hatte Frau Rahel schon wieder, wenn auch etwas schüchtern, ihr „Was soll doch werden, Schmul?" ertönen lassen. Schmul wußte es nicht. Er saß und grübelte. Blieb wirklich nur die Hebrew Eharity? Auf seine alten Tage? Und langsam, ganz langsam rollte eine Thrüne in seinen grauen Bart. - — „Extrablatt! Extraaa! Der jüdische Herold, nnr 1 Cent! Ganz genau beschrieben alles von dem großen Brillantenraub von Tiffany und von die Belohnung von 5000 Dollar!! Ex—traa! Extra-World!! Extra-Journal!! Oulz- »ne eent! Extraa l!!" Das Geschrei war fürchterlich. Als wenn sämmtliche Kleinbürger Newyorks im Alter von 6 bis 14 Jahren, sich ein Rendezvous in Allenstreet gegeben hätten.

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