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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 610 (sequence 12)
Language
German
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610 VIU.L70N /V^oLus-^ut'^esckuosi. Von Oscar T. Schweriner. 'nMner — Und es sprach — ^äonaj - - der Ewige — ei ^vvrom zu Abram — leeüleebo geh' —'mearxeelur aus deinem Lande - ilinimolaäetm und aus deinem Gebllrtsorte. Die Szene ist das hinter der Schusterwerkstatt gelegene Wohnzimmer des Red Kochmann. Der freundliche Leser kennt Red Kochmattu aus Allenstreet, Newyork, — Schuhmachermeister und Rebbe der Allenstreet Schul' — von früher her. Das Bild ist dasselbe wie damals: dieselben kleinen Jüngelchen, dieselben Barmitzwo Jungens, dieselben Mischna und Talmud-Bocherim. Nur daß die Lampe noch dunkler brennt, die Stühle und Tische noch wackeliger geworden und Reb Kochmann selbst bleich und elend aussieht. Denn es sind einige Jahre vergangen seit damals, und Gott hat Reb Kochmann gar schwer geprüft ln dieser Zeit. Lange ist er krank gewesen, das Geschäft ist sehr schlecht gegangen, selbst die Schul hat ihm das magere Salär längst nicht mehr zahlen können — er hat nicht gemurrt noch geklagt - nun ist er aber am Ende angelangt. Noch eine Woche kann er es aushalten, dann muß die Miethe bezahlt werden, oder — Er kann den Gedanken nicht ausdenken, er will auch nicht. Jetzt hat er zu unterrichten. bin nnolncketm — und aus deinem Geburtsorte, übersetzt ein Bar-Mitzwa-Juuge. Es ist der Abschnitt, der an dem Sabbath seiner Bar-Mitzwa aus der Thora vorgelesen wird. „Richtig!" — Reb Kochmann wendet sich zu einem Aelteren. „Was sagt Raschi dazu, Moritz?" „Raschi sagt: ledanoselm u-teto^vosebo — „Zu deinem Nutzen und zu deinem Bortheil." „Richtig. Und nu gehts gesunderheit nach Haus." Einige Minuten später ist das Zimmer bis auf Reb Kochmann geräumt. Dieser sitzt trübselig da, den Kopf in die Hände gestützt. Allmächtiger Gott, was soll werden! Der Wirth hat schon mit Exmission gedroht. Soll er auf seine alten Tage zur „United Hebrew Charith" gehen und um Almosen betteln? — „Und es sprach der Ewige zu Abram", — der Satz schwirrt ihm fortwährend im Kopf herum, er kann überhaupt kaum klar denken. Jetzt tritt seine Frau, seine Rahel, ein. Sie hat ihrem Manne noch eine Suppe zurecht gemacht, diese stellte sie vor ihn hin und nimmt selbst Platz. Schweigend ergreift Reb Kochmann den Blechlöffel, schweigend schlürft er den dünnen Brei. Schließlich bricht Frau Rahel die Stille. „Was soll doch werden, Schmul?" Er läßt den Löffel zucken und schaut in ihr betrübtes Gesicht. „Ich weiß es nicht, mei Kind. Aber geh', mach ä ander Gesicht, Gott wird schon noch helfen." „Ich glaub' es nich, Schmul. Wir brauchen hundert Dollar bis nächste Woche. Wenn das Geschäft noch so gut geht und es geht doch sehr rnieß — können wir auch nich so viel Geld einnehmen. Lotterie spielen wir nich, und finden werden wir doch gewiß nichts. Wo soll da Hilfe kommen." „Hast Du schon erlebt, daß Gott einem guten Jehndi nitch geholfen hat? Er wird Helsen!" „Aber wie?!" „Was weiß ich! Weib, versündig' Dich nicht! Willst Du darüber Nachdenken, wie Gott uns helfen kann? Er wird schon helfen!" Dann nachdenklicher : „Und es sprach der Ewige zu Abram" und Raschi sagte: „Zu seinein Nutzen und zu seinem Vortheil." Vielleicht hilft mir Gott auch so, Rahel." „Seh', Reb Kochmann aus Allenstr.! Gott werd kommen, mit ihm sprechen! Weil er's is! Reb Kochmann aus Allenstr.! Wenn Du darauf warten willst, kannst Du verhungern und ich dazu. Laß Dir lieber von der Kille zahlen, was sie Dir schuldig ist, Du Schaute!" Noch lange keifte und schalt Frau Rahel in den armen Mann hinein, während dieser alles über sich ergehen ließ, ohne etwas zu erwidern. Und während sie schalt, summte und schwirrte es in seinem Kopf: „Und es sprach der Ewige zu Abraham." Und nachdem sich das Ehepaar längst zur Ruhe begeben, Neb Kochmann längst sein „Schma Israel" gebetet, lag er noch immer wach. Dieser Satz ließ ihn nicht zu Schlaf kommen. „Du lieber, guter Gott, der Du Abraham zu Gutem und Nutzen und Vorlheil gerathen, gieb mir auch einen Rath. Mein Vertrauen auf Dich ist unbegrenzt, Du kannst mir helfen, und Du wirst mir Helsen, wie Du jedem guten Jehudi hilfst, wie Du Abraham geholfen." So und noch viel mehr betete er. Als Reb Kochmann am nächsten Morgen von einem leichten, unruhigen Schlummer erwachte, rieb er sich zuerst die Augen, dann dachte er nach. Er hatte einen eigenartigen Traum gehabt, einen so schönen Traum. Er lag auf einer Wiese unter einem herrlich blauen Himmel, und Schafe weideten ringsumher —, schneeweiße Schafe und Lämmer. In der Luft aber schwebten Cherubim, einige sangen, andere spielten auf Harfen und Flöten. Plötzlich kam ihm der Satz wieder in den Sinn: „Und es sprach der Ewige zu Abram." Doch kaum hatte er dieses Satzes gedacht, als ein wundervoller Greis sich ihm näherte; ein mildes, strahlendes Gesicht mit langem, wallendem, schneeweißem Bollbart, auf dem linken Arm ein— Sefer Thora. Instinktiv erkannte er Abraham. Er kam heran, bis er dicht vor ihm stand, dann entrollte er die Thora und wies mit dem Finger auf eine Stelle. Doch ehe Reb Kochmann hatte lesen können, war er — erwacht. Aber merkwürdig, während er nachdachte, erinnerte er sich ganz genau der Stelle. Er hatte den Text nicht gelesen, eigentümlicherweise aber die Stelle erkannt; es war im Bamidbar, Kapitel 22, Vers 20. Schnell sprang er auf, verrichtete sein Morgengebet, dann holte er sein „Chmnesch" herunter, suchte die betreffende Stelle auf und las: „Und Gott kam zu Bielam des Nachts und sprach zu ihm: „Wenn die Männer kommen dich zu rufen, so mache dich auf, gehe mit ihnen!" -jr -i- Born wurde alt der Thür getrommelt, — heftig. Reb Kochmann eilte zu öffnen. Es regnete stark, ein Kunde wollte seine Schuhe besohlen lassen, während er darauf wartete. Reb Kochmann that das nämlich in 20 Minuten. ^Und während die Hände emsig schafften, und der Hammer ein rapides Tapp- Tapp auf dem Leder ausführte, arbeiteten seine Gedanken ebenso fleißig, marterte sich sein Gehirn, irgend eine^Bedeutung aus seinem Traum herauszudeuteln. Das wollte nicht gelingen. Er kam schließlich zur Ueberzeugung. er habe Tags zuvor so viel an Abraham gedacht, daß er Nachts von ihm geträumt habe. Dazu kam, daß heute ausnahmsweise sehr

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