Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 609 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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609 Schwester der vielgefeierten und vielumworbenen letzten Herzogin Dorothea v. Kurland, kam schon als blutjunges Mädchen in das Haus Moses Mendelssohns in Berlin und bewahrte für ihn bis an ihr Lebensende die Gefühle wärmster Sympathie. Sie verkehrte mit ihm während ihrer Anwesenheit in Berlin, und die herrlichen Ideen der Humanität, welche der moderne Sokrates im Leben wie in seinen Schriften verkündete, beeinflußten mächtig die Seele des jungen Mädchens, wie später die der reifen Frau und Matrone. Schon in ihren zarten Mädchenjahren hatten seine religionsphilosophischen Schriften sie zum Forschen und Grübeln angeregt und in ihrem frommen Gemüth ein mächtiges Echo geweckt. So hatte in dem von ihrer reichen, aber ungebildeten Großmutter, der Frau Starostin von Korff, einer urwüchsigen, kernigen und poltrigen Dame, beherrschten Elternhause manchen Kampf darum zu bestehen gehabt. Besonders der „Phädon" weckte den ganzen Zorn der alten ungebildeten Frau. „Ein dummer Jude," so zeterte sie, „habe es sich einsallen lassen, beweisen zu wollen, daß die Seele unsterblich sei. Man müßte aufhören ein Christ zu sein, wenn man zweifeln könnte, daß sie unsterblich sei." In ihren kürzlich vonPaulRachel herausgegebenen „Jugenderinnerungen" weiß Elisa v. d. Recke manches Interessante von ihren Begegnungen mit dem schlichten Mann, dessen Schriften so tief auf ihr geistiges Leben eingewirkt hatten, zu erzählen. Don einem Zusammensein mit ihm in seiner Wohnung heißt es u. a.: „Wir brachten ein paar sehr schöne Stunden mit dem liebenswürdigen Philosophen zu. Er hat drei sehr artige Töchter, davon die mittelste, Recha, ein recht schönes Mädchen ist, und drei Söhne, denen man den Geist aus den Augen sieht." . . . Mitunter gab es auch manch komisches Intermezzo, wie z. B. das folgende: „In einem Gespräch," so erzählt Elisa, „das Nikolai führte, wurde er dadurch gestört, daß Mendelssohn das Zeug seiner Unterkleider scharf ansah und ein paar Mal mit der Haud darüber fuhr. „Nun, was wollen Sie denn mit Ihrer Aufmerksamkeit auf das Zeug?" „Ich sah und fühlte jetzt als Fabrikant," war Mendelssohns Antwort." Auch in Friedrichsfelde, das damals der schon genannten Schwester Elisas, der Herzogin Dorothea von Kurland, gehörte, traf sie mit Moses Mendelssohn zusammen, aber niemals zu den Mahlzeiten, „denn," so schreibt Sophie Becker, die Freundin und Reisebegleitern! Elisas, „aus einem gewiß sehr ehrwürdigen Grunde läßt sich dieser philosophische Mann niemals zu den Mahlzeiten der Christen einladen." Ramler, der „deutsche Hvraz", der intime Freund Lessings und Mendelssohns, las in Friedrichsfelde den Nathan vor. Sophie Becker bemerkt hierzu: „Wenn die Herzogin, Ramler und ich von der Wahrheit seiner Gedanken oder von dem trefflichen Charakter des Nathan zu lauter Bewunderung hingerissen wurden, saß Mendelssohn mit geschlossenem Munde da, und seine Seele schien sich blos in die Augen zurückgezogen zu haben. Ach, was mußte er auch dabei empfinden, da Lessing ihm so ganz Freund im Leben gewesen war. .. . Beim Schluß empfahl sich Mendelssohn, indem er mit einer Thräne im Auge versicherte, er hätte heute mit dein Geist geschwelgt." Wenige Wochen später starb Mendelssohn. Er hatte, wie man weiß, noch am Abend des 31. Dezember 1785 das Manuskript seiner letzten Schrift: „An die Freunde Lessings" zu seinem Verleger Voß gebracht, und schon wenige Tage später schrieb die Herzogin Dorothea von Kurland an Sophie Becker: „Unser grober weiser Mendelssohn ist diesen Morgen entschlafen." Am 5. Januar 1786 aber schreibt Sophie in ihr Tagebuch: „Nun ruhet Moses bei seinen Vätern. Um 10 Uhr Morgens ist heute die Leiche, von vielen Hunderten seiner Nation begleitet, an seine Ruhestätte gebracht worden." Den Schluß dieses Gedenkblatts bilde eine kleine, wahrheitsgemäße Episode aus dem LebenTiedges, welche er in den von Karl Falkenstein heransgegebenen Bruchstück seiner Selbstbiographie erzählt, und die es hinlänglich erklärt, wenn schon in der Seele des blutjungen Menschen die Liebe und Sympathie für das Judenthuin rege wurde. Als Jüngling sollte er die Universität zu Halle beziehen. Da seine Eltern sehr arm waren, hatte er nur den Anspruch auf ein Familienstipendium von 50 Thalern jährlich, welches ihm aber erst dann ausgezahlt werden sollte, wenn er sich wirklich auf der Universität befand. Sein Großvater ließ dem : von Magdeburg Abreisenden ein kleines Geldgeschenk zufließen,- > womit er die ersten Bedürfnisse bei seiner Ankunft in Halle bestreiten sollte. Ueberdies bezahlte er für ihn die erste Station auf der Post. Unbesonnen wie der junge Mensch war, wäre er beinahe gezwungen gewesen, auf der Hälfte des Weges zu Fuß nach Magdeburg zurückzukehren, er hatte nämlich von dem eben nicht reichen großväterlichen Geschenk allerlei kleine Vertheilungen an gute Freunde gemacht, so daß er nur eine sehr geringe Baarschaft übrig behielt. So bestieg er in einer kalten, regnerischen Herbstnacht im leichten Sommerkleid ohne Mantel den Postwagen. Neben ihn setzte sich ein ältlicher Mann, in einen warmen Pelz gehüllt und mit einem Mantel, womit er sich die Füße bedeckte. Vor und hinter ihm saßen noch andere Reisende. Die Nacht wurde immer kälter, und Sturm- und Regenschauer setzten dem offenen Wagen recht gründlich zu. Der junge Tiedge konnte sich vor dem Unwetter nicht bergen und zitterte an allen Gliedern. Als dies sein Nachbar sah, nahm er seinen Mantelsack und hüllte den Halberstarrten damit ein. Dieser hochherzige Mann war ein Landsmann und Glaubensgenosse Moses Mendelssohns ans Dessau. Aus der Station angekommen, stieg die Reisegesellschaft aus und erquickte sich in der Poststube an Kaffee und anderen Getränken. Auch Tiedge hätte sich gern erwärmt und gütlich getha», doch war seine Baarschaft bis auf einige wenige Groschen erschöpft. Sein Reisegefährte merkte, wo dem jungen Mann der Schuh drückte und ließ ihm Kaffee und noch andere erfrischende Getränke reiche». Auch bezahlte er für ihn die Fahrt für die Weiterreise nach Halle. Ja, er ging in seiner Gutmüthigkeit so weit, ihm eine größere Summe vorzuschießen, damit er wenigstens im Anfang seiner Studienzeit in Halle nicht in arge Bedrängniß gerieth. Bei seiner Ankunft in der Saalestadt miethete sein Protektor für den Schützling eine Wohnung und verschaffte ihm eine gute Unterkunft in einem Pensionat, wofür er auf mehrere Monate die betreffende Summe entrichtete. Nie hat Tiedge den Namen des Juden aus Dessau erfahren, denn dieser mied ihn absichtlich, um jeder Dankesäußerung zu entgehen.