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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 608 (sequence 10)
Language
German
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erfreuen und der Freundschaft David Friedländers und Lazar Bendavids gewürdigt zu werden, deren Lehren und Unter- Weisungen viel dazu beigetragen haben, die Keime der Humanität, welche in seiner Seele lebten, zur vollen Blüthe zu entfalten. Mit dem genannten Friedländer stand er auch später, als er mit seiner Freundin Elisa v. d. Recke, einer geborenen Reichsgräfin von Medem, aus Reisen ging, sowie als er sich in Dresden zürn dauernden Aufenthalt niedergelassen hatte, in regem brieflichen Berkehr. Wie anregend und inhaltreich diese Korrespondenz war, mag man schon aus einem Briese ersehen, den C. A. Tiedge an seinen Freund Friedländer im September 1804 von Verona aus richtet. Dieser hatte seinem Bruder in Apollo seine treffliche Uebersetzung des Propheten Jesaias zugesandt. Tiedge dankte in wärmster Weise, indem er unter anderem das Folgende ausführte: „Ihr Schreiben erfreute mich wie die plötzliche Erscheinung eines recht lieben Besuches. Das Wort eines Freundes, das den Freund in der Ferne aufsucht, ist eine ebenso holde Ueberraschung wie die Engel des alten Bundes, die zu den Hütten der frommen Patriarchen kamen. Es traf mich in einer Stimmung, auf welcher die beigesügte Probe einer hochbegeisterten Stelle aus dem Jesaias einen mächtigen Eindruck machte. Befonders tief gruben diefen Eindruck in mein Gemüth folgende Worte: „Der Ewige zerbrach den Irevelstab, Zerbrach des Tyrannen Szepter, Der Völker schlug in seinem Grimm, Sie unaufhörlich schlug; Der mächtig über Nationen herrschte Und rastlos sie verfolgte; Zur Hölle hiugeschmettert ist dein Uebermnth Und deiner Harfen Siegesklang verstummt! Wie fielst du denn vom Himmel, Du allberühmter Morgenstern!? Wie stürztest du zur Erde. Du großer Völkerbändiger!? Du dachtest ja in deinem Sinn: Gen Himmel steig' ich hoch empor, Erheb' über Gottes Sterne meinen Sitz Und thron' auf dem Erscheinungsberg, Ich schwing, auf der Wolke Gipfel mich, Vergleiche mich dem Allerhabenen. Wer dich nun anschaut, schärft den Blick, Ergriffen schaut er und gedankenvoll: Dies ist der Mann, der Weltenstürmer, Der Neicherschütterer? Mit allen Schauern einer heiligen Begeisterung überfielen mich diese gewaltigen Worte: stürmend rissen sie mich empor über die Bedrängnisse. mit denen die Zukunft, die schon vor der Thür steht, uns droht; ja sie machten mich zum Mitseher des erhabenen Propheten. Es war nicht blos wünschende Hoffnung — nein, der Zuversicht lichtere Stelle dort in der tiefdunklen Zukunft leuchtete mir wie ein langsam ausgehender Morgenstern der Zeit. Ich kam soeben von Venedig zurück, als ich Ihr Schreiben Vorsand, und war noch ganz erfüllt von den Schmerzgefühlen, welche die dortigen Erscheinungen in mir hervorgebracht halten. Nicht wahr? Sie begreifen nun, daß ich mich gedrungen fühlen konnte, die Geniusflügel Ihres Propheten zu umfassen und mit ihm mich emporzuschwingen zu der Hohe, von welcher herab er seine Triumphlieder singt." Tiedge, ein trefflicher Kenner der hebräischen Sprache und Poesie, versuchte sich vielfach in Uebersetzungen einzelner Theile der Bibel, die sowohl von seinem feinen Sinn und Verständniß für den Geist des Orients und des Genius der heiligen Schriften, als auch von seiner virtuosen Uebertragungskunst ein glänzendes Zeugniß ablegen. So hat er z. B. manches aus dem hohen Lied Salomonis übertragen, d. h. eigentlich nachgedichtet. Wie er in der „Urania" Gott und Unsterblichkeit als Dichter mit dem ganzen Zauber seiner einschmeichelnden Verse besang und jene Verheißung erklingeil ließ, welche ein halbes Menschenalter hindurch die Herzen der Zeitgenossen höher schlagen machte: Unsterblichkeit, auf hohen Schwingen Erflieget der Geist dein lichteres Reich! Und hinter ihm, wo die Gestalten ringen. Verrauschet der Sturm am dürren Gesträuch, so hat er auch in Prosa Gebete und religiöse Betrachtungen verfaßt, welche durchaus, im biblischen Geiste gehalten, jene Naturanschauung verkünden, wie sie die heiligen Schriften lehren. Jeder Satz, den er geschrieben, jedes Gebet, welches aus seiner tiefgläubigen Seele zu dem Herrn der Heerscharen emporstieg, hätte ebenso aus demGeuiusIsraels heraus erstehenkönnen. Den Pseudochristen, deren Lippen voll dem Honigseim der Liebe überfließen, während sie im Herzen hassen bis aufs Blut, hält er einen scharfgeschliffenen Spiegel der Selbstprüfung und Selbsterkenntnis; vor. Mit flammender Beredsamkeit wendet er sich gegen dieselben, rudern er ihnen zuruft: „Darf der einen Christen sich nennen, der einen Bruder zurückstößt. welcher mit ihm einen und denselben Vater im Himmel hat. ihn ausschließt von aller Liebe, von aller Hilfe, die er ihm leisten könnte, weil er nicht gerade so wie er zu dem Vater Mer betet, weil er durch andre Formen seine Ehrfurcht und Dankbarkeit für den Ewigen ausdrückt? Ist es christlich, wenn der Christ den Juden, wenn der Protestant den Katholiken, der Katholik der Protestanten als einen vorsätzlich Irrenden verurtheilt, wenn Einer dem Andern seiner Glaubensform wegen alle innere Würdigkeit abspricht, wenn er sich von allen Pflichten der Menschlichkeit gegen ihn lossagt, wenn er ihn haßt, sogar verfolgt? — Es giebt Gedanken und Ueberzengungert, die ewig stehen und Angehörige des innersten Wesens der menschlichen Seele sind: die Gedanken nämlich vom Dasein Gottes, von der Unsterblichkeit des menschlichen Geistes und von den ewigen Folgen unserer Handlungen Diese Ueberzeugungen stehen unwandelbar wie Säulen des Himmels in der geistigen Menschennatur; sie sind ihrem Inhalt nach der Verschiedenheit menschlicher Ansichten nicht unterworfen. In ihnen sind alle Völker eines Sinnes. Bei allen Anderen aber, was in näherer oder entfernterer Beziehung zu ihnen steht, findet und muß vielleicht eine gewisse Verschiedenheit der Meinungen stattfinden. Mannigfaltigkeit der äußeren Formen ist ein Gesetz der ganzen Natur. Aber solche Verschiedenheiten der Meinung sollen freilich nur neben einander, aber ja nicht gegen einander stehen " Bezeichnend für den philanthropischen und Philosemitischen Charakter Tiedges ist auch der Umstand, daß Christian Wilhelm von Dohm, dessen Schrift „Ileber bürgerliche Verbesserung der Juden" so wesentlich dazu beigetragen hat, die Judenemanzipation herbeizuführen, den Dichter der „Urania" wiederholt aussuchte, um an seiner Seite zu leben. Sie wurden mit einander durch das eben genannte Buch bekannt. Gleich nach dem Erscheinen desselben richtete Tiedge ein begeistertes Anerkennungsschreiben au den Verfasser, ihn aus voller Seele beglückwünschend, daß er sich eines vernachlässigten, niedergetretenen und verfolgten Stammes angenommen habe. Und diese Korrespondenz führte dann zu einer innigen Freundschaft zwischen den beiden Geistesverwandten. In Quedlinburg, wo Tiedge längere Zeit lebte, war Dohm wiederholt sein lieber? von ihm mit großer Treue und Herzlichkeit aufgenommener Gast. Die gleichen idealen Gesinnungen, speziell auch in ihren Verhalten gegen das Judenthum, beseelten die intime Freundin Tiedges, Elisa v. d. Recke, mit welcher er mehr als drei Jahrzehnte in Freud' und Leid aufs Innigste verbunden war. Diese ebenso schöne wie hochgebildete Aristokratin, eine

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