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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
Seite 607 (sequence 9)
Language
German
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607 Es ist hiernach zn unterstellen, daß Herr W. vor dein angegebenen Zeitpunkt entweder zu Amersfoort oder zu Amsterdam sein Amt niederlegt; im Interesse des Judenthums wird dieser hervorragende und beliebte Mann die Sache nicht auf die Spitze treiben wollen. Man nimmt an, daß er für Amersfoort optiren wird, um so mehr als — ein öffentliches Geheiinniß — sein Berhältniß zum Oberrabbiner für Nord- Holland Dr. Dünner in Amsterdam seit Jahren leider ein gespanntes ist. Unsere Kultusbeamten sind wohl ausnahmslos der orthodoxen Richtung strengster Observanz zugethan; die Lauterkeit ihres Strebens soll nicht angezweiselt werden, es ist indeß gewiß ein Zeichen der Zeit, wie allenthalben die Kritik scharf gegen ihre Einseitigkeit Front zu machen beginnt. Und nun mag man hundertmal laut aussprechen oder flüsternd klagen, die Kritik sei vom Uebel, das Publikum folgt darin nur dem gegebenen Beispiel mancher seiner offiziellen Vertretungskörperschasten und beruhigt sich beispielsweise nicht dabei, wenn in der Hauptstadt einem brevetirten Lieferanten von Koscherbutter und Milch nach 20jährigein Bestehen seines Kontraktes mit den: Oberrabbinat plötzlich das Vertrauen entzogen und der Mann fast an den Bettelstab gebracht wird. Wir haben seinerzeit über den Fall berichtet, der nächstens das Gericht in zweiter Instanz wieder beschäftigen soll. Vor etwa 10 Jahren ist Amsterdam, dank der rastlosen Bemühung dieses Mannes, um eine schmucke, natürlich orthodoxe Synagoge im Süden der Stadt bereichert worden, und heute ist derselbe rabbinisch boykottirt!! Es wäre zwar leicht, aber es darf keine Satire geschrieben werden, denn in „rituellen Fragen ist unsere Geistlichkeit nur ihrem Gewissen verantwortlich", sagte einst Abraham Wertheim „der König der Amsterdamer Juden". Dieser unvergessene Philanthrop und durchaus freisinnige Geist gab sich als Kirchenraths-Vorsitzender meistens orthodoxer als die Percys dieser Richtung. Auch der unlängst dahingeschiedene berühmte Professor Stokvis, der sich als vieljähriger Präsident der Amsterdamer jüdischen Armenverwaltnng so verdienstvoll gemacht hat, hielt in ciivinis mit seiner Meinung bescheiden zurück. Das mag früher ein wohlberechtigter Standpunkt gewesen sein, genügt heute aber nicht mehr, wo in Glaubenssachen der Abfall der von der Sozialdemokratie in Beschlag genommenen Massen erschrecklich wächst und die Gleichgiltigkeit der meisten Intellektuellen unvermindert sortbesteht, weil man Beide für das jüdische Interesse nicht zu erwärmen weiß. Aus diesem Gedankengang, der Sorge um die Zukunft, ist auch der Warnungsruf „Vilieani eonsules" zu verstehen, der einer der letzten Sitzungen des Kirchenraths der Rotterdamer jüdischen Gemeinde ein so eigenartiges Gepräge verlieh. Und wenn auch zuzugeben ist, daß dies Citat, überhaupt das Vergleichen unserer Verhältnisse mit denen des alten Rom in einem von höchster Gefahr umbrandeteu Zeitpunkt der Republik, nichts weniger als glücklich war, so ist es immerhin charakteristisch genug, daß ein so gläubiger Jude wie das betreffende Mitglied des Kirchenraths, jenes Wort dem Gehege seiner Zähne entfahren ließ. Ob es etwas nützen wird, ist freilich eine andere Frage. 0. C. A. Tiedge und die Juden. Von Dr. Adolf Kohnt. (9sD^!/an kann sich gegenwärtig kaum eine Vorstellung davon machen, welches Aufsehen und welche Begeisterung vor einem Jahrhundert eine Dichtung hervorrief, die im poetischen Gewände das zu erhärten suchte, ivas ein Moses Mendelssohn in Prosa nachzuweisen bestrebt war — die Unsterblichkeit. Dieser Poet war Christo pH August Tiedge—geboren am 14. Dezember 1752zn Gardeleben in der Altmark und gestorben im hohen Greisenalter von 89 Jahren am 8. März 1831 in Dresden — der zwar schon längst vergessen ist wie so viele deutsche Geistesheroen in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der jedoch für alle Zeiten gelebt hat, da er den Besten seiner Zeit genug gethan. Anläßlich der 150. Wiederkehr des Tages seiner Geburt, wollen auch wir seiner an dieser Stelle gedenken; denn Tiedge war einer der begeistertsten Verehrer des Judenthums, welcher wiederholt seine Stimme für die Rechte und Freiheiten Israels erhoben, ein Vorkämpfer der Emanzipation und ein poetischer Interpret der Bibel, und seine schwungvollen Worte, welche die ewigen und unvergeßlichen Wahrheiten und Schönheiten der heiligen Schrift verkündeten, machten einen tiefen Eindruck auf ein Geschlecht, das von der kritischen Gedankenblässe angekränkelt, von der Ewigkeit und den Idealen nichts wissen wollte. Und noch jetzt im 20. Jahrhundert, welches Tiedge nur eine litterarhistvrische oder, wenn man will, kulturgeschichtliche Bedeutung zuerkennen will, kann man das Goetheffche Wort mit Fug und Recht auf ihn anwenden: Auch manche Geister, die mit ihm gerungen, Sein groß' Verdienst unwillig anerkannt, Sie fühlen sich von seiner Krast durchdrungen, In seinem Kreise willig festgebannt. Es dürfte wenig bekannt sein, und doch steht es litterargeschichtlich fest, daß Tiedge zu seiner „Urania", welche Gott und Unsterblichkeit mit hinreißendem Pathos besingt, hauptsächlich durch die philosophischen Schriften Moses Mendelssohns, wie „Phädon" und die „Morgenstunden", sowie seines Freundes David Friedländers Werke und Betrachtungen angeregt wurde. Wahrend Klopstock, der seinerzeit vergötterte Verfasser der „Messiade", den Stifter der christlichen Kirche in den Mittelpunkt seiner poetisch-religiösen Epen stellt, ist das Lehrgedicht Tiedgens fern von jedem christlich-dogmatischen Geist. Er ist hier ein strenger Monotheist, der stets nur von der ewigen Gottheit erzählt und den Glauben an den einzigen und allmächtigen Herrscher der Welt als den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht betrachtet. Der Geist des „moderner: Sokrates", sein Scharfsinn uud sein mildes Wesen sprechen aus diesen, aus dem tiefsten Born frommen Glaubens hervorsprudelnden Versen. Wie I. I. Engel, Christian Wilhelm von Dohm und andere hervorragende deutsche Wortführer des Freisinns, verkündet auch er mit begeisterten Worten die Menschenrechte im Allgemeinen und die Rechte des Judenthums im Besonderer:. Er war ein fleißiger Mitarbeiter der von Rierrr und Fischer herausgegebenen Berlirrer Zeiturrg: „Journal für Aufklärung", worin er mit den Waffen der Poesie sür Licht, Freiheit und Aufklärung stritt. Er hatte das Glück, in der preußischen Hauptstadt schon in jungen Jahren sich der Protektion Moses Mendelssohns zu

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