Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 605 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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605 Anstalten, eine (im Alter von 13 Jahren) in einer Familie außerhalb Berlins untergebracht rvurden; die beiden anderen Mädchen wurden gleichfalls in Familienpflege gegeben, die beiden Knaben in Anstalten. Ueber den Erfolg der Fürsorgeerziehung läßt sich bei der Kürze der Zeit, seit welcher die neuen Bestimmungen in Geltung sind, noch nichts berichten. In einem Falle veranlaßte die Kommission nach genauer Prüfung der Verhältnisse die Waisenverwaltung der Stadt Berlin den bereits gestellten Antrag auf Unterbringung eines Knaben zur Fürsorgeerziehung wieder zurückzunehmen und brachte den Knaben auf ihre Kosten in die israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem. Ebenso wurde ein junges Mädchen einige Zeit aus Koste.n der Kommission in dem Heim eines hiesigen Vereins untergebracht. Die von uns gegebenen Zahlen lassen ebenfalls erkennen, daß die Kommission in dankenswerther Weise vollauf thätig gewesen ist; in der Natur der SacheIiegt es, daß hier nicht immer evidente Erfolge zu Tage treten können. k>. 8. Bas Zünglein an der Waage. Ei» weiterer Beitrag zu dem Artikel „Aus dem Osten". Verfasser des Leitartikels in Nr. 49 „Aus dem Osten" hat vielen seiner Leser aus der Seele gesprochen; er wird indes noch mehr erstaunt sein zu hören, daß sein Wunsch, aus^ christlichen Kreisen möge den politischen Verdächtigungen der Juden Posens entgegengetreten werden, den führenden Männern aus jenem Lager ganz direkt mündlich und schriftlich von dem Verfasser dieses Artikels oft genug dringend ausgesprochen wurde, ohne daß dieser Wunsch, beziehungsweise diese Bitte erhört wurde. „Das Zünglein an der Waage", nannte in einer großenVersammlung einer derFührerdesBundes derLandwirthe in Gegenwart der angesehensten konservativen Parteiführer unserer Provinz Posen, die Juden und forderte die anwesenden Antisemiten auf, nicht mehr die deutsche Gesinnung der Juden zu verdächtigen, da die Juden thatsächlich für Landtags-, Reichstags- und Kommunalwahlen in vielen Kreisen unserer Provinz ausschlaggebend sind, wo sich deutsche und Polnische Kandidaten gegenüberstehen. Doch ehe noch jener Bundeshauptmann den Inden öffentlich diese Anerkennung aussprach und aussprechen mußte, haben die Juden stets mit den Deutschen gestimmt, weil es ihr Herz, weil es ihr Glaube gebietet. Selbst von allerhöchster Stelle ist den Juden für ihr loyales Verhalten, wie unsere Leser wissen, am 4. September bei dem Besuche des Provinzialstündehauses in Posen durch Se. Majestät den Kaiser in Wort und That huldvollste Anerkennung zu Theil geworden. Auch die Spitzen der Provinzialbehörden lassen die Allerhöchst anbefohlene Duldsamkeit gegen Andersgläubige walten, nicht also die Nachgeordneten Behörden. Hier macht sich ein Streberthum breit, das auf exklusiv evangelischem Standpunkte steht und alles, was nicht evangelisch ist, einfach „undeutsch" nennt. Darum finden auch die sogenannten „deutschen Katholiken" von diesen Nachgeordneten Behörden keine Gnade, und außer den wenigen Unterbeamten und Lehrern hält sich die sogenannte Creme der deutschen Katholiken von den neuerdings entstandenen Vereinen deutscher Katholiken fern. Nur der Verein in der Provinzialhauptstadt Posen macht hiervon eine Ausnahme. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit hat die antisemitische Bewegung in der Provinz Posen in diesem Punkte der konfessionellen Engherzigkeit eingesetzt, und durch unermüdliche und wüste Agitation sind in weiten Kreisen der Provinz Posen „deutsch" und „evangelisch" identische Begriffe geworden. Schon ist ein Theil der evangelischen Geistlichkeit ein großer Theil der evangelischen Subalternbeamten, Volksschullehrer und vor allem weite Kreise der Landbevölkerung in den Bann dieser Begriffsverwechselung gerathen, und bei den Kommunalwahleu stimmten die Angehörigen all' der obengenannten Berufsstände für die antisemitischen Kandidaten, wo solche aufgestellt waren, weil sie als „deutsche" Kandidaten aufgestellt wurden. Nur mit großer Mühe, mit Unterstützung der Polen und weniger gutgesinnter evangelischer Bürger gelang es in diesen Fällen, den antisemitischen „Sturm auf das Stadthaus" zurückzuschlagen. Hier versagten die konservativen Führer und Anhänger des Bundes der Laudwirthe völlig, dieselben Herren, welche bei den Reichstagswahlen die Juden „das Zünglein an der Waage" nannten. Dieselben Herren, die sich dem Ansturm der Antisemiten nur mit Hilfe der Juden erwehren konnten, die Herren, welchen von den Antisemiten die größten Schlechtigkeiten nachgesagt rvurden, die schlimmsten Gegner der Antisemiten, stimmten in rührender Eintracht mit ihren grimmen Feinden für antisemitische Kandidaten bei den Kommunalwahlen. „In den Armen lagen sich Beide und weinten vor Rührung und Freude." Hier stimmte der Vertrauensmann des deutschen Wahlvereins, in welchen einzutreten der antisemitische Kandidat sich in öffentlicher Versammlung weigerte, für diesen renitenten Antisemiten, der Obmann des Ostmarkenvereins für einen Antisemiten, dem in öffentlicher Versammlung ins Gesicht gesagt wurde, er habe bei den Reichstagswahlen als Deutscher mit den Polen ein Kompromiß geschlossen, und der diesen Vorwurf schweigend einsteckte! Müssen und werden die Antisemiten aus diesem Verhalten der Konservativen und Ostmärker nicht bei der nächsten Reichstagswahl die nöthigen Konsequenzen ziehen und ihre Anhänger mit Recht darauf Hinweisen können, daß die Konservativen ihre Gesinnungsgenossen sind? Und die Antisemiten »vollen bekanntlich in der ProvinzPosen drei Wahlkreise zugleich bei der nächsten Reichstagswahl erobern. Alle diese Thatsachen sind dein Ostmarkenverein mitgetheilt worden, um eine Direktive von dort zu erlangen, allein bis zu diesen» Augenblick ist keine Antwort von dort eingegangen. Der Antisemit ist eben evangelisch, und das genügt! Er hätte sogar den Konservativen noch mehr Schwierigkeiten machen können, in einen» Kampfe gegen die nicht evangelischen Kandidaten stimmen Alle für ihn, da schweigt eben die Politik. Daß die Juden durch ihr Eintreten für den deutschen Kandidaten den Wahlkreis den» Deutschthum erhalten haben, ist vergessen, daß der Antisemit die deutsche Sache verrathen hat, ist vergessen, daß der Kaiser zur Eintracht aller Deutschen ohne Unterschied des Bekenntnisses ernstlich ermahnt hat, ist vergessen — hier heißt es: Evangelisch gegen Katholisch und das ist entscheidend! So werden die Juden bei den Kommiinalwahlen entweder ins polnische Lager getrieben, oder sie verhelfen durch Stimmenthaltung den polnischen Kandidatei» zum Siege, denn für einen Antisemiten einzutreten, das wird sicher kein Vernünftiger von ihnen verlangen. Hilfe haben wir in diesem Kampfe auch nicht einmal von der gutgesinnten Presse erhalten. Das Organ der Konservativen in der Provinzialhauptstadt brachte einen Artikel, in welchem diejenigen Beamten, welche bei der Stichwahl nicht für den Deutschen, d. h. also den Antisemiten stimmen, der Regierung denunzirt wurden; eine Entgegnung, welche die Stimmenthaltung der deutschen Katholiken, insbe-