Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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602 haben, aber daß diese Bewegungen sich freilich gegen das Bojar thum, d. h. gegen die Großgrundbesitzer, aber niemals gegen die Juden richteten. Der Sitz des Judenhasses befindet sich bei den herrschenden Großgrundbesitzern, die zum Theil einem kleinen Kreise wohlhabender und selbst reicher Juden verschuldet sind. Der Judenhaß steckt auch in der Bureaukratie, die aus den Ungerechtigkeiten gegen die Juden eine Einnahmequelle sich schafft, und ganz neuerdings hat in einigen wenigen Städten der verschwindend kleine rumänische Mittelstand sich vom Judenhaß infiziren lassen. Aber da es einen rumänischen Mittelstand im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht giebt, so spielt auch diese Kategorie für die ganze Frage keine Rolle. In dem Moment, wo die herrschenden Kreise zu der Einsicht gelangen sollten, daß durch eine verständige Lösung der Judenfrage sich ihre Interessen besser? wahren lassen als durch die gegenwärtige Judenfeindschaft, wird ohne jede Schwierigkeit eine gesunde Lösung der Judenfrage vorhanden sein. Diesem Ziele sind wir aber noch nicht sehr nahe, denn vorläufig ist von den um die Macht ringenden politischen Koterien immer die eine in dem Augenblick judenseindlich. wo die andere dazu abschweult, judeufreuudlich zu werden. Bei dem Drängen nach der Staatskrippe benutzt eine Partei immer die Judenfrage als Agitatiousmittel, voraussichtlich aber kommt einmal der Moment, in dem alle Parteien einen Erfolg sich von diesem Manuöver nicht mehr versprechen können, und dann kann ein Koalitionsministeriuni die Judensrage lösen, wobei ich persönlich aus die Ertheilung der politischen Rechte an die Juden durchaus nicht das größte Gewicht legen würde. Was erstrebt werden muß für die Juden in Rumänien, ist das Recht, sich durch ihrer Hände Arbeit ehrlich in dem Berufe, der dem Einzelnen am besten entspricht, ernähren zu können. Die Ertheilung der politischen Rechte an die Juden erachte ich aus dem Grunde für ziemlich bedeutungslos, weil, wenn sie durchgesetzt werden sollte, sie der Spielball zwischen den Parteien werden würden, und weil diejenigen Parteien, denen sie sich nicht unbedingt zur Verfügung stellen würden, sich alsdann zum Antisemitismus bekennen würden. Was die finanzielle Lage Rumäniens anbetrifft, so wird dieselbe nicht nur durch jede neue Mißernte schwer geschädigt werden sondern an eine Kousolidirung ist auch darum kaum zu denken, weil jede Partei die Staatsfinanzen benutzt, um ihre Anhänger reich zu dotiren. Weil der jetzige Minister Sturdza das Beamtenheer kürzer gehalten hat, erhielt er sofort bei den Komiiumalwahlen die Quittung- Die geärgerten Staatspensionäre fielen von der Regierung ab und sind zu den Konservativen übergegangen, so daß nur heute bereits von einer Erschütterung des Ministeriums Sturdza sprechen können. Die Auswanderung wird niemals die rumänische Judenfrage i zu lösen im Stande sein. Der Transport eines Auswanderers von Rumänien nach den Vereinigten Staaten kostet rund 400 Francs.! 10 000 Auswanderer verschlingen mithin rund vier Millionen, und was sind 10 000 Menschen bei der jüdischen Bevölkerung Rumäniens von ca. 250 000 Seelen? Alle wären für die Auswanderung reif! Ueberdies beträgt der jährliche Geburtenüberschuß der Juden in Rumänien rund 5000 Seelen. Die Zahl der wohlhabenden Juden, die auf eigene Kosten Weggehen könnten, zählt aber nur nach Tausenden, nicht einmal nach Zehntausenden. Hinzu kommt noch, daß unsere Freunde in > den Vereinigten Staaten wie in Kanada bereits eine weitere Einwanderung aus innerpolitischen Gründen für äußerst bedenklich und vielleicht in kurzer Zeit ganz unmöglich erachten. Die sorgfältigsten Untersuchungen haben aber nicht dazu geführt, irgend ein anderes Land ausfindig zu machen, in das zur Zeit mit gutem Gewissen eine größere Anzahl Juden abgesührt werden könnte. Die rumänischen Negierungen spielen, wenn sie bei ihrer jetzigen Haltung verharren, ein sehr hohes Spiel. Glückliche Ernten können die Abrechnung hinausschieben, wenn aber die jetzige Stimmung z Westeuropas bestehen bleibt, und das wird sie, und wenn alsdann! das Unglück will, daß eine weitere Mißernte über Rumänien hereinbricht, wie das mit einer gewissen periodischen Regelmäßigkeit in der - Vergangenheit der Fall gewesen ist, oder wenn politische Verwickelungen aus der Balkanhalbinsel Platz greifen, dann wird inan in Bukarest im eigenen Interesse doch sehr bedauern, die inneren Schwierigkeiten im eigenen Lande nicht bei Zeiten beseitigt zu haben." Wir glauben zuversichtlich, daß bei unbefangener Prüfung der Sachlage alle objektiv denkenden Leser, und zwar nicht nur die jüdischen, sondern alle, denen Recht und Humanität noch kein leerer oder überwundener Begriff sind, sich auf die Seite des Politikers stellen werden, dessen Argumente so einleuchtend, und dessen Beweisführung eine so ruhige und sichere ist. Dies ist die Wahrheit über Rumänien, die wohl in jenem Lande nicht gern gehört wird, die sich aber mit der Zeit auch dort mit innerer Naturnotwendigkeit Gehör verschaffen wird. Me Woche. Berlin, 16. Dezember. ie Schaar der edlen Männer, die die Abwehr des Antisemitismus auf nichtjüdischer Seite geleitet haben, lichtet sich immer mehr. Auf den unvergeßlichen Heinrich Rickert ist hier Louis Jordan und in Wien Baron v. Suttner gefolgt. Beide Männer standen in der vordersten Reihe Derer, die gegen den Antisemitismus öffentlich aufgetreten sind. Louis Jordan war ein Nachkomme jener Protestanten, die vor 200 Jahren als Opfer religiöser Unduldsamkeit Frankreich verließen und in dem gastlichen Preußen eine zweite Heimath fanden. Auf diese Abstammung war er stolz. Wo sich die Gelegenheit bot, insbesondere in der Unterhaltung mit ihm Näherstehenden, schwelgte er förmlich in Erinnerungen anseine Vorfahren. Es waren indessen nicht blos äußerliche Gründe, die Jordan veranlaßen, das Andenken der R^fugies in Ehren zu halten. Ihr Geist, ihre so mannhaft bewiesene Ueberzeugungstreue erfüllten sein ganzes Wesen und Handeln. Aus dem Schicksal seiner Vorfahren schöpfte er vornehmlich — das hat er oft ausgesprochen -- die Lehre, tolerant gegen Andersgläubige und Andersdenkende zu sein und der Unterdrückten sich anzunehmen. Das hat ihn auch in den Kampf gegen den Antisemitismus geführt. Baron Gnndaccar v. Suttner, der Gemahl der Baronin v. Suttner und ihr eifriger Mitarbeiter an dem großen Werke der Friedensbewegung, stand erst im 56. Lebensjahre, war aber schon längere Zeit leidend. Er war ein Mann, der sich von allen gesellschaftlichen Vorurtheilen und überlebten Traditionen vollkommen losgelöst hatte, ein Denker, der immer nur die gemeinsamen Kulturintereffen und fortschrittlichen Ideen im Auge hatte und ein unerschrockener Streiter in dem sozialen Kampfe für Gleichberechtigung und Freiheit der Ueberzengung. Der allsgezeichnete Mann war ein warmer Freund der Juden und hat die österreichische Abwehrbewegung mit großer Umsicht geleitet. Das Andenken der beiden Männer wird stets in Ehren fortleben! Ueberdie Zulassung ausländischer Geschäftsreisender jüdischen Glaubens in Rußland schreibt die Centralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen: „Die Aufhebung der jetzigen Sonderstellung bildet ein berechtigtes Verlangen der deutschen Kauflente jüdischen Glaubens; man wlrd erwarten dürfen, daß die Reichsregierung in Anerkennung dieser Thatsache bei Gelegenheit der demnächstigen Vertragsverhandlungen mit Rußland aus Gleichstellung der Angehörigen aller Konfessionen hinarbeitet. Ueber den thatsächlichen Zustand, wie er augenblicklich herrscht, sind noch immer nicht ganz zutreffende Meldungen im Umlauf. Beispielsweise sagt dec österreichische Vizekonsul in Rostow am Don in seinem letzten Bericht, daß nach den geltenden Sondergesetzen nur christliche Reisende nach dem dortigen Amtsgebiet entsandt werden