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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-19 · Heft 51 (19.12.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 51 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 51. Kerlin, 19. Dezember 1902 eitung öes Aildenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M- Redacterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig PHMppson-Lonri Verlage-Grpedition: Gerün, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition find an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I Leitartikel: Ein Briefwechsel über Rumänien. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Das Zünglein an der Waage. Ein weiterer Beitrag zu dem Artikel „Aus dem Osten". — Aus den Niederlanden. — C. A. Tiedge und die Juden. Von Dr. Adolf Ko Hut. — Feuilleton: U0LU8-Lui'-^68e1iu08j. Von Oskar T. Schweriner. I. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Königshütte, Detmold, Kassel, Frankfurt a. M., Wien, Paris, Odessa. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Gin Briefwechsel über Rumänien. Berlin, 16. Dezember. (Ejj/achdem längere Zeit Ruhe geherrscht, ist es jetzt wieder in Rumänien etwas lebhafter geworden. Die Thronrede stellt allerdings die Lage in einem rosigen Lichte dar. Aber schon der eben eingetretene Ministerwechsel bezeugt, daß nicht alles Gold ist, was nach außen hin zu glänzen scheint. Besonders verdächtig klingen die unablässigen Versicherungen, daß es um die rumänischen Finanzen außerordentlich gut bestellt sei. Wäre dies wirklich der Fall, dann bedürfte es wohl kaum solcher Versicherungen. Parallel mit ihnen gehen auch die Vertuschungsversuche weiter, die die offiziöse Presse in Bezug auf die dortigen Judenverfolgungen seit Jahren betreibt. Es ist erfreulich, daß der größte Theil der europäischen Presse ihnen nicht auf den Leim gegangen ist; nur einige Börsenblätter, die die finanziellen Geschäfte Rumäniens protegiren, betheiligen sich an dieser vergeblichen Mohrenwäsche. Auch die Schrift eines deutschen Nationalökonomen, Dr. von Brackel, die den Staatskredit Rumäniens aufrichten will, bemüht sich, das Vorgehen der Regierung in der Judenfrage zu vertheidigen. Hier wird die Fabel wiederholt, daß die Entrüstung, welche jenes Vorgehen in der Tagespresse erregt hat, durch „jüdische Mache" inszenirt worden sei, daß die ganze Aufregung, welche durch das neue Handwerkergeseh hervorgerufen worden, eine künstliche sei, und daß die jüdische Auswanderung gar nicht zugenommen habe. Wir haben jüngst Einsicht in einen Briefwechsel genommen, der die einschlägige Frage von einem völlig objektiven Standpunkt aus betrachtet. Ein hervorragender Finanzmann und ein angesehener deutscher Politiker haben ihre Ansichten über die rumänischen Verhältnisse ausgetauscht, und es wird sicher für weitere Kreise von Interesse sein, die Anschauungen Beider kennen zu lernen, um sich selbst nach diesen ein Urtheil über den wahren Sachverhalt zu bilden. Das Schreiben des Finanzmannes geht von der Broschüre Bernard Lazares aus, der die Erwartung ausgesprochen hatte. daß der rumänische Bauer dem Elend der Juden ein Ende machen werde. Nun behauptet der Briefschreiber, daß der rumänische Bauer den Juden grimmig hasse, und wenn einmal eine Empörung ansbrechen und der Bauer ans Todtschlagen gehen werde, so würde es fraglich sein, ob er zuerst gegen die Bojaren oder gegen die Juden gehen wird. Dieser intime Judenhaß bestehe aber nicht blos bei den Bauern, sondern er beherrsche alle Kreise der rumänischen Bevölkerung. Es sei dies eine brutale Thatsache, mit der man aber rechnen müsse. Wie hinterlistig und empörend auch die Regierung die Juden behandele, die Erklärung dafür liege in der herrschenden Stimmung, die so mächtig sei, daß keine Regierung sich derselben entziehen könne. Die Art und Weise, wie die gegenwärtige Regierung dies thue, sei allerdings sehr thöricht und barbarisch, beweise aber, daß die rohen Instinkte bis in die oberen Kreise hinauf die herrschenden seien. Nnn kommt eine Bemerkung, die leider sehr wahr ist, und die wir, so beschämend sie auch ist, nicht verschweigen dürfen. „Traurig genug ist es, daß selbst die bessersituirten jüdischen Kreise mit diesem Haß Paktiren und somit dem elenden Verhalten der Regierung eine gewiße Stütze bei ihren hinterlistigen Beschönigungen bieten." Das Schreiben tritt nun der Frage näher, wie man den Jammer beseitigen könnte. Einen finanziellen Krieg hält der Briefschreiber nicht nur für nutzlos, sondern auch für schädlich. „Rumänien prosperirt, und sein Wohlstand ist im Steigen, wenn auch vorkommende Mißernten Rückschläge bringen. Angriffe gegen die Sicherheit seiner Anleihen werden keinen durchgreifenden Erfolg haben; die Waffe wird je länger je mehr abstumpfen, und schließlich überschätzt man die Macht des jüdischen Kapitals — selbst wenn alles zum Krieg sich anfbieten läßt." Auf Interventionen der europäischen Staaten sei ebenfalls nicht zu rechnen, da der amerikanische Versuch die Machtlosigkeit gezeigt habe. So bleibt denn nach der Ansicht jenes gewiegten Fachmannes nichts als die Förderung der Auswanderung übrig. „Es muß hier geräuschlos und andauernd eine Massenbewegung in Angriff genommen werden." Hören wir nun, was der angesehene Politiker, der die rumänischen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt, ans die hier mitgetheilten Auseinandersetzungen zu antworten hat: „Ich kann heute wohl von mir sagen, daß ich die rumänischen Verhältnisse ausgezeichnet kenne, und aus dieser Kenntniß heraus darf ich behaupten, daß ein Judenhaß bei der Masse des rumänischen Volkes, in Sonderheit bei den Bauern, absolut nicht vorhanden ist. Der Beweis hierfür liegt schon darin, daß in den letzten 20 Jahren die zur Verzweiflung getriebenen Bauern wiederholentlich sich empört

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