Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 45 (14.4.1838)
- Date
- 1838-04-14
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
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£78 zerischm Regierungen durchaus nicht dazu geneigt sind, jedes Jahr eine Neue Differenz. Vergangenen Monat schlug die Regierung von Solothurn einem französischen Juden die Niederlassungsbewilligung, ab und sogleich wandte sich derselbe an den französischen Gesandten, um Neclamationen zu machen. Die Israeliten behaupten, als französische Bürger hatten sie das Recht auf Reciprocitat, nach den zwischen der Eidgenoffenschaft und Frankreich bestehenden Verträgen. Dies wollen indeß die schweiz. Regierungen, intolerant genug, nicht anerkennen. Die Sache wird noch zu manchen Erörterungen Anlaß geben. (Franks. Journ.s. Würzburg, 28. März (Privatmitth.)/ Der „Telegraph für Deutschland" bemerkt, daß der Redacteur der Würzburger Zeitung, die bekanntlich die katholischen Interessen heftig verficht, ein getaufter Jude sei. Allein dem ist nicht so, sondern Herr Zander ist ein katholisch gewordener Protestant. Es hat uns langst gewundert, daß man die Juden nicht auch schon hier eingedrockt hat, und ihnen die Schuld gegeben, daß das Kapitel von gemischten Ehen diesen so nahe liegt. Wenn Etwas, so beweist das Stillschweigen der-Juden in diesen Angelegenheiten am meisten ihre gute Gesinnung, da man sie so oft wegen der Ehe mit Vorwürfen überhäuft hat, worauf sie jetzt hinzuweisen Gelegenheit hätten. Pesth, 19. März. Der Allg. A. Zeit, wird aus Pesth berichtet: „Einen, besondern Anblick gewährte die lutherische Kirche zu Pesth. Sie wurde zur Aufnahme Verunglückter und Obdachloser geöffnet, und meist Juden nehmen darin ihre Zuflucht, welche in einem christlichen Tempel laut und brünstig ihre Gebete verrichteten." — Indem dem Red. dieser Zeit, dies zur Freude gereicht, erlaubt er sich die Bemerkung, daß erst vor Kurzem bei einem Ln'der Nähe ausgebrochenen Feuer die Synagoge seiner Gemeinde bereitwillig zur Ausnahme geretteter Effecten geöffnet, und dadurch sogar beschädigt ward. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" Warum muß doch erst in den Zeiten der Gefahr die Scheidewand in thaiiger Menschenliebe uiederfallcn!-- Theologie. Hamburger religiöse Zustände. Vorbemerkung. Die höchst frappante Übereinstimmung der in nachstehendem Aufsatz ausgesprochenen Ansichten über die verschiedenen Partheiungen im Iudenthume und deren sich wechselseitig bedingende Rothwcndigkeit, mit denen der „zwei theologischen Briefe" in No. 27. und 28. d. Z. veranlassen den Verfasser zur Veröffentlichung derselben, die sonst vielleicht noch unterblieben wäre. -n M. Wenn sich gleich die Verschiedenheit individueller Religionsanst'chten überall in Israel findet, so möchte es doch wol keine Gemeinde geben, in der sich die verschiedenen Richtungen markkrter ausgeprägt und kn mannigfaltigeren Congregatlonen verkörpert haben, als die Ham burgischen. , Polnischer, portugiesischer und Tempel-Minhag; regelrechte Predigten, Synagogen-Vorträge und Klaus-Lectionen; dazu im benachbarten'Altona Hagada-Deraschot neben einem förmlichen königl. dänischen jüdischen Tribunal; und bei dem allem eine Bevölkerung, zahlreich genug, um ein großes Publikum zu fassen, das den Jom,-Kipur-Katon begeht, neben einem anderen, das am Sabbat die Börse besucht: das alles bildet ein Panorama, so Lehrreich als einzig in seiner Art. Dabei herrscht hier noch eine so acht demokratische, von keinem übermächtigen Einfluß dominirte Freiheit in allen Verhältnissen, daß selbst der Arme die Wahl hat, ob er Klause, Synagoge oder Tempel besuchen, ob er seine Kinder Ln die orthodoxe Talmud-Tora oder in die moderne Freischule schicken will. Indem es nun die Absicht-dieser Zeilen ist, diese Verhältnisse in so fern sie die deutsche Gemeinde betreffen — zu schildern, wird die tröstliche Bemerkung vorausgeschickt, daß, Gott sei Dank, eine allseitige Toleranz hier verbreitet ist, die um so mehr alles Lob verdient, da sie durchaus nicht auf Apathie beruht In dm Verwaltungs-Collegien wirken Männer von den abweichendsten Gesinnungen gemeinschaftlich; zu den milden Stiftungen, sie mögen von antikem oder modernem Datum und Geist sein, tragen alle Nuancen willig ihre Gaben bei; und so erhält gemeinschaftliche Anhänglichkeit trotz aller Divergenz die uns vor Allem so nöthige Eintracht. Theilen wir diese Gemeinde, gleich der französischen Deputirtenkammer in: äußerste Rechte, äußerste Linke, rechtes Eentrum, linkes Centrum — das Centre pur fehlt noch — so finden wir, dem entsprechend: Bigotte, Indifferente, Synagoge und Tempel, und fangen wir mit Charakteristrung der Extreme an. - . Indifferente, so ist man gewohnt, diejenigen aus unserer Mitte zu nennen, die sich des Besuchs der gottesdienstlichen Versammlungen enthalten, und auch im Hause nicht die rituellen Vorschriften beobachten. Aber fragen wir, gibt es denn in Israel eigentliche Indifferente? Kann man denjenigen so nennen, der unwissend oder eben so überdrüssig der endlosen Masse in einander gewickelter Ceremonien, unzufrieden mit der Oberflächlichkeit der Reformsversuche, seiner persönlichen Ueberzeugung folgt und die gkitual- •) Wie man vielleicht auS dem Umstande schließen mochte, daß hier die israelitische Literatur weniger Aufmunterung findet, als in jeder andern großen Gemeinde. Annr. d. Correfp.