Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 45 (14.4.1838)
- Date
- 1838-04-14
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
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179 fesseln, so viel er vermag, von sich wirft, der jedoch zugleich den lockenden Weg aus dem Lager verschmäht; vielmehr alle Lasten seines Volks gleichmäßig oder vielmehr noch harter trägt, jemehr ihm die objectiven Ersätze der kirchlichen Ideenwelt entgehen? Oder haben wir nicht gerade in dieser Klasse die größten. Wohlthäter, die thatigsten Verwalter, die kräftigsten Vorkämpfer, die wärmsten Beförderer jüdischer Bildung und Wissenschaft gefunden? Wer wagt's Steinheim und Ri esser Indifferente zu nennen? Aber wir haben dennoch Indifferente, auf die Israel gern den Vers (Offenb. Ioh. 3, 16) anwenden möchte: „Weil Du aber lau bist, und weder warm noch kalt, so werde ich Dich ausspeien aus meinem Munde rc.rc." Wo sind sie aber zu finden? Die wahren Indifferenten sind. warlich überall zu finden, in der Synagoge wie im Tempel, in den Klausen, wie im Austernkeller. Es sind diejenigen, die gedankenlos dem Wurf des Zufalls folgen, die den öffentlichen Gebeten beiwohnen, oder zu Hause beten, und höchstens dabei berechnen, was das ihrem lieben Ich vom Herrgott wol jeinbringen könne; die da Predigten anhören und sich dabei auch sehr gut amüsiren, aber zu keiner von allen in Israel bestehenden Partheien (o Soton, Solon!) gehören wollen; die an öffentlichen Orten nichts von jüdischen Angelegenheiten hören mögen; die den Enthusiasmus für bürgerlichen und religiösen Fortschritt beachselzucken; die immer rufen, „es ist ja alles wohl, alles wohl" und mit schlauer Miene fragen: „was fehlt uns denn hier?" — Das sind die diplomatischen Grimassiers,. die immer vorschieben, es sei noch nicht Zeit; das sind die Volks-Erzieher, die — pfui der Schande — der Geschichte zum Trotz geheimnißvoll seufzen; „ach, es ist mit den Juden nichts anzufangen, ich kenne sie!"—— Das sind auch die Himmels-Aristokraten, die Frömmigkeits- Renommisten, die das ganze Volk, ihre eigenen Kinder allenfalls dazwischen, ihrem System nach zum Teufel fahren lassen, wenn ihnen nur der grüne Lulab hienieden und der goldene Stuhl jenseits gesichert bleibt; die ihre Töchter genau so viel Religion lehren, als sie — in der Küche nöthig haben. Und das sind auch die Aufklärungs-Aristokraten, welche die Religion als eine Beschäftigung fürs Volk, so recht drückend, so recht geschmacklos, so recht abschreckend sehen mögen, damit es ihr ja nicht 'einfallen könne, auch an sie, die Erleuchteten, Ansprüche zu machen! Das sind die verschmitzten Hohlköpfe, die weder im Besitz 'der Rede noch der Schrift, gleich ihren Vorfahren in Egypten'nicht satt werden können, zu schreien „über die Schreier" die mit ihrem Sprechen und Schreiben die liebe „Ruhe stören" und „neue Verfolgung" über uns herbeirufen. Das sind, wir können eS ihnen nicht schenken, diejenigen nicht minder, bei denen die blose kindliche Pietät, und nichts als diese allein, das abwesende religiöse und nationelle Gefühl ersetzt, und die blos den geliebten Eltern, denen sie eben ihr religiöses Leben als eine wunderliche Altersschwache zu Gute hatten, kein Aergerniß geben wollen, und nach ihrem Tode sich überbieten, in den hergesuchtesten Trauer-Ceremonien, in Grabvisiten u. s. w., die aber für die große Mutter weder Herz noch Mund noch Hand haben. Das alles sind die Indifferenten; denn es sind die wahren Egoisten, die kein Gefühl haben, als für sich selbst und ihren kleinen persönlichen Anhang. Die bigotte Klasse, welche hier ihre Hauptsitze, wie wol überall, in den Klausen *) und in der Todtengräber- Brüderschaft hat, ist nicht so schwach an Zahl als vielmehr an Lebenskraft, da sie namentlich von ihrer Grenznachbarin, dem rechten Centrum, nieder gehalten wird. Es ist hier wenig von ihr zu berichten, was nicht überall auf sie anwendbar wäre, als etwa daß sie hier, weil sie machtlos und ohne angesehene Oberhäupter weniger intolerant, und weil nie eine 1 Jeschiba hier bestand, weniger rabbim'sch gelehrt ist, als anderswo. Diese Klasse, die fortwährend an Zahl abnimmt, und nun auch in dem posener Rabbinen einen ihrer letzten Koryphäen verloren hat, dürfen wir **) jedoch nicht unterlassen im Auge zu halten und nach Außen hin zu verteidigen, denn auf sie sind gewöhnlich die uns insgesammt zugedachten Pfeile zunächst gerichtet. Was wir aber mit diesen unsem Brüdern abzumachen haben, das gehet die Außenwelt nichts an; der können sie gerecht werden in jeder Hinsicht, wenn sie schon an manchen Formen hangen, von denen ein Theit von uns sich aus andern Gründen tossagt. Dieser Klasse verdanken wir ja die ungebrochene Erhaltung des Judenthums durch alle die traurigen Zeiten her Vergangenheit, und was einmal gut und nützlich gewesen ist, auch immerdar dafür zu halten, ist zwar ein logischer Fehler, aber kein moralischer. Ueberdies besteht diese Klasse auch 'nicht allein aus Schlafwandlern, die gedankenlos alles für heilig halten, was nur immer ein Rabbinaster herausgebracht hat, sondern auch aus aufrichtigen Religiösen im edelsten Sinne des Worts, die mit heldenmüthiger Resignation, mitten in einer sündenvollen Welt, an deren Erlösung sie unablässig arbeiten,.allein in ihrer Person alles darzustellen streben, was . °) Sehr nützliche Institute werden die wohlfundirten Klausen gewiß einst werden, wenn wiffenschaftliche Männer die sichereMuße dieser Sinekuren genießen. Anm. d. Cerresp. •*) Wer sind die wir, die hier reden? dürfte man fragen, und die Antwort heißt: wir, die ganze belebte und bewegte Masse des deutschen Israels in allen Nuancen. Anmerk. d. Corresp.