Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228524--59302-3295809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Freund vom mehrmaligen Benutzen der ausgewaschenen Verbandstoffe sei und auch Geheimrath Blumenthal der Sparsamkeit in Verbandstoffen widersprochen, erwiedert der Referent, daß er nur für eine Beschränkung in der Verschwendung von Verbandstoffen plaidire. Geheimrath Blumenthal halt übrigens ebenso wie der Referent den Verbrauch von Mineralwässern, der nicht weniger als 2187,15 Mark Heiraten hat, für sehr hoch. — Der Rechnungsbeschluß der Gemeindebibliothek wird von der Berathung abgesetzt, und zu Punkt 10 einem Koscherfleischhändler der rückständige Beitrag zum Pensionsfonds erlassen. Damit endet die öffentliche Sitzung, an welche sich eine geheime schließt, k'. Berlin, 4. Dezember. Am 15. v. M. fand eine ordentliche Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" statt. Zum Beginn derselben machte der Vorsitzende, Herr Auerbach, der Versammlung einige Mittheilungen und berichtete unter anderem, daß die im Aufträge der Vereinigung von den Herren Auerbach, Dr. Gutmann und Hanfs besorgte kurze Bearbeitung der „Biblischen Erzählungen" von I. Auerbach im Buchhandel beiM. Poppelauer hier erschienen und schon in einigen Schulen zurEinführung gelangtsei. Darauf hielt Herr Falke nberg einen Vortrag „über deuUnterricht imliturgischenGesang",derauch besondersdeshalb von allgemeinem Interesse war, weil nach den Anordnungen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin der liturgische Gesang in den ihm unterstellten Gemeinde- und Religionsschulen eine besondere Berücksichtigung erfahren soll. Der Vortragende führte etwa Folgendes aus: Da der hebräische Unterricht sein praktisches Ziel, die Besähignng für den Gottesdienst, nur in beschränktem Maße zu erreichen im Stande ist, soll er eine Unterstützung durch den Unterricht im liturgischen Gesang erhalten. Dieser hat den Zweck, die Kinder zur Theilnahme am Gemeindegesange zu befähigen und durch die selbstthätige Betheiligung in ihnen die Lust am Gottesdienste zu erhöhen. Gleichzeitig mit diesem Zwecke gewährt der liturgische Gesang mancherlei Vortheile, die theils dem hebräischen Unterricht zu gute kommen, theils erziehliche Wirkung haben. Die Kinder werden mit der Einrichtung des Gebetbuches und den kultischen Einheiten vertraut, die Geläufigkeit im Lesen wird gefördert und das Interesse am hebräischen Unterricht geweckt und belebt. Ferner kommt der Unterricht im liturgischen Gesang den Schulfeiern, besonders an Religionsschulen, zu güte. Als die hauptsächlichste Schwierigkeit, die sich, der Einführung des neuen Unterrichtsfaches entgegenstellt, wird die Ueberbürdung der Schüler bezeichnet. Der Unterricht ist obligatorisch mindestens für zwei bis drei Jahre und wird in einer wöchentlichen Stunde ertheilt. Aber trotz der obligatorischen Einführung des Unterrichts muß dem Dirigenten das Recht znstehen, bei Nachweis der Ueberbürdung Dispensation eintreten zn lassen. Stoff des Unterrichts im liturgischen Gesang sind die einstimmigen Gemeindegesänge des Jugend- und des Hauptgottesdienstes; die dem Chor zufallenden mehrstimmigen Knnstgesänge sind ausgeschlossen. Nur bei ganz besonders günstigen stimmlichen Verhältnissen ist vereinzelt eine zweite Stimme zu üben. Für Schulfeiern können ausnahmsweise allgemein religiöse Lieder auch mehrstimmig geübt werden. Als Grundlage für die Hebungen ist im Prinzip das Gebetbuch der Gemeinde anzusehen; da es für die Berliner Gemeinden ein gemeinsames Gebetbuch nicht giebt, sind die Agenden für den Jugendgottesdienst und zunächst das Rödelheimer Siodur zu benutzen. Für Berliner Schulen ist die Ausgestaltung der Sabbathagende für den Jugendgottesdienst zu einem Gebetbuch für die Jugend, das als gemeinsame Grundlage für den Unterricht im Hebräischen, im liturgischen Gesang und für den Gottesdienst dienen kann, zu erstreben. Die Hebungen im liturgischen Gesang haben sich nach fünf Richtungen zu erstrecken: 1. sind die Kinder mit dem Inhalt und der Anlage des Gebetbuches bekannt zu machen, damit sie sich orientiren können; 2. müssen die Kinder die Theile kennen lernen, die von der Gemeinde gesprochen oder gesungen werden; 3. werden diese Theile bis zur Geläufigkeit im Lesen geübt; 4. lernen die Kinder die Responsen singen, die nicht stimmbegabten wenigstens erkennen; 5. werden die Kinder durch Hebungen, die den Gang eines bestimmten Theiles des Gottesdienstes darstellen, in die Praxis des Gottesdienstes eingesührt. Dagegen gehören wirkliche gottesdienstliche Handlungen, seien es synagogale oder häusliche, nicht in die Schule; diese hat den Gottesdienst nicht zu ersetzen, sondern ihn nur vorzubereiten, und zwar so vorzubereiten, daß die Jugend lebendigen und freudigen Antheil an der gottesdienstlichen Feier zu nehmen im Stande sei. — Der Vortragende hatte seinen Ausführungen mehrere Thesen zu Grunde gelegt, über die im Anschluß an den Vortrag sehr lebhaft debattirt wurde. Doch konnte die Diskussion wegen der vorgerückten Zeit nicht zu Ende geführt werden. 8. Berlin, 29. November. In der heutigen Komiteesitznng des „Vereins zur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen in Deutschland" sind die vorbereitenden Schntte zur Ginleitung einer Propaganda vollzogen worden. Das Komitee hat sich nun endgiltig konstituirt: zum ersten Vorsitzenden wurde Herr Theodor Löwenberg, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Redakteur Dr. Julius Moses ernannt, zum Schriftführer Herr Zahnarzt Simon und zu dessen Stellvertreter Herr Köhler, zum Rendanten Herr Siegmund Jacobi und zu dessen Stellvertreter Herr Leichtentritt. In die Redaktionskommission zum Entwürfe eines Ausrufs wurden die Herren Rabbiner Dr. Eschelbach er und Dr. Weiße, ferner Dr. Julius Moses, Siegmund Jacobi. Theodor Löwenberg und Zahnarzt Simon delegirt. — Noch ist es ein weiter Weg bis zu dem Ziele, das sich der Verein gesteckt hat, das, wie unseren Lesern bereits bekannt ist, darauf hinausgeht, eine Werk- und Heimstätte für israelitische Taubstumme zu begründen. Aber bei dem Arbeitseifer und der Arbeitsfreudigkeit, die die Mitglieder des Komitees an den Tag legen, ist begründete Aussicht vorhanden, dem Ziele baldigst näher zu kommen, um so mehr, als gar nicht daran zu zweifeln ist, daß der nie versagende wohlthätige Sinn unserer Glaubensgenossen dieser wahrhaft Humanitären Bestrebung für unsere unglücklichen Glaubensbrüder und -Schwestern, in deren Interesse seitens der Allgemeinheit noch gar nichts geschehen ist. Ln reichem Maße sich zuwenden wird. Berlin, 1. Dezember. Die Feier des 50jährigen Bestehens des Synagogenvereins »^.karvas 8eliolauin" in dem dicht überfüllten, festlich geschmückten und erleuchteten Gotteshause nahm einen sehr würdigen Verlaus. Die für diesen Freudentag besonders eingelegten Festgesänge wurden von Kantor Berliner weihevoll^ zum Vortrag gebracht, während Kantor Stabinski die Leitung des Männerchores mit Harmonienbegleitung mit bekannter Virtuosität übernommen hatte. Die Festpredigt hielt in Wohl- und tiefdurchdachten, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten, aus die Zuhörer einen tiefen Eindruck machend, Vereinsrabbiner Dr. Stein. Derselbe schilderte in klaren Worten die Erlebnisse und die obwaltenden Verhältnisse gerade dieses Vereins vom Entstehen vor 50 Jahren mit einem Minjan von 10 Personen bis heute. Ein Festball unter starker Betheiligung Abends im Künstlerhause,Bellevuest r. 3. beschloß das schöneFest. o. Königsberg, 1. Dezember. Das „israelitische Stift", eine ehrwürdige, wohlthätige Stiftung der Königsberger jüdischen Gemeinde. kann in diesem Jahre auf das erste halbe Jahrhundert segensvollen Bestehens zurückblicken. Den 50. Geburtstag zn feiern, hatte man am Sonntag Abend im Artushof einen Festakt und im Anschluß daran ein Festmahl veranstaltet, an dem nicht nur die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in großer Zahl theilnahmen, vor allem waren auch die Insassen des Asyls selbst erschienen, und so hatten denn inmitten der über 150 Tischgäste auch die greisen Stiftsdamen und -Herren Platz genommen. Die Tafel war festlich geschmückt, von den Wänden aber grüßten die Porträts der Heimgegangenen Stifter und Wohlthäter des Asyls herab, Namen, die auch außerhalb der jüdischen Gemeinde unvergessen sein werden: Geheimrath Simon, Dr. Kosch, Professor Samuel, Magnus sen., Bankdirektor Gabriel und Rabbiner Dr. Bamberger. Auf der Bühne endlich hatte ein stattlicher Damenflor Unterkunft gefunden, um auch seinerseits, wenn auch leider nur passiv, der Feier beizuwohnen. Der eigentliche Festakt bestand aus zwei Vorträgen eines eigens für diesen Abend zusammengestellten gemischten Chors: zwei Lieder geistlichen Charakters, die mit ihren weihevollen Klängen tiefen Eindruck machten. Oberkantor Birnbaum, der den Chor dirigirte, hatte auch die Gesänge einstudirt, und seinem Mühewalten zuerst ist es wohl zu danken, wenn sie so trefflich gelangen. Zwischen den beiden Liedern hielt Rabbiner Dr. Vogelstein die Festrede, ausgehend von dem Bibelwort: „Gepriesen sei der Allgütige, der den Trieb zum Guten in die Menschenherzeu gesenkt!" Er wies auf die Geschichte der Anstalt hin, die aus dem Krankenhaus der jüdischen Krankenverpflegungs- und Beerdigungszunft hervorgegangen sei und in jenem Hause auch ihr Heim gefunden, er betonte, wie die Ehrfurcht vor dem Alter und die Sorge für das Alter immer eine charakteristische Eigenschaft des Judenthums gewesen, er erinnerte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.