Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 600 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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600 Matrosen arbeiteten aus voller Kraft und hißten die Segel mit der fieberhaften Schnelligkeit der Furcht. Eine unbewußte Bangigkeit bemächtigte sich aller, selbst der Bootsleute. Und die Offiziere betrachteten mit peinlicher Besorgniß die Matrosen, nur hier und da ein Kraftwörtchen gebrauchend, wenn die Arbeit nicht recht von statten ging. Und dieser Mensch, vor dem alles zitterte, freute sich, daß er es in zwei Monaten so weit gebracht hatte. Sein Gesicht lächelte wohlgefällig, wenn eine Kanone so leicht wie ein Spielzeug hergerollt wurde. Doch kam es auch nicht selten vor, daß sein Gesicht Plötzlich feuerroth wurde, die Augen sich mit Blut füllten und er mit hocherhobenen Fäusten wie ein Besessener sich auf die Bootsleute warf und sie sowie die nebenanstehenden Matrosen heftig schlug und laut schimpfte. „Ich werde Euch zu Tode prügeln!" schrie er, ganz außer sich vor Wuth. Es stellte sich dann heraus, daß man sich auf der Schiffsback zu laut unterhalte» oder die Segel nicht so schnell gehißt hatte. In solchen Augenblicken zitterte Jssajka am ganzen Körper. Doch die Seereise ging zur allgemeinen Freude der Offiziere und Matrosen ihrem Ende entgegen. Der „Pospeschnij" ging nach Kronstadt mit vollen Segeln. Beim Hochland kam ein plötzlicher Sturmwind und riß das Segel des Fockmastes in Stücke. Der Kapitän wurde wüthend und drohte dem Offizier, durch dessen Nachlässigkeit die Segel nicht zur rechten Zeit zusammengebunden waren, vors Gericht zu laden. Es ertönte das Signal, die Segel zu wechseln. Der Unteroffizier begab sich in den Schiffsraum und übergab dem Matrosen in der Eile nicht das richtige Segel. Doch Niemand merkte es, selbst nicht Jssajka. Nach wenigen Minuten war das zerrissene Segel losgemacht und das ebengebrachte angebunden. Man breitete es ans, und — vH Entsetzen! - einige Löcher befanden sich darin. Jssajka erblickte es und wurde bleich wie der Tod. Doch der Kapitän befand sich schon aus der Schiffsbacke. „Den Unteroffizier her . . . Den Segelmacher! . . ." Dieselben erschienen sofort. „Bist Du der Segelmacher?" fragte der Kapitän, seine blutgesüllten Augen auf Jssajka richtend, der wie ein Espenblatt zitterte. „Zu Befehl. Hochwohlgebvren!" stammelte kaum hörbar Jssajka. „Du bist ein niederträchtiger Kerl! Gieb ihm sofort Ruthen, Bootsmann!" Jssajka bebte am ganzen Körper, seine Augenpupillen erweiterten sich, das ganze Gesicht zuckte. „Hochwohlgebvren! ... es ist nicht meine Schuld . . ." „Nicht Deine Schuld? Bootsleute her! Prügelt ihn zu Tode!" Schon liefen zwei Unteroffiziere herbei, als Jssajka sich plötzlich dein Kapitän zu Füßen warf und mit schluchzender Stimme ansrief: „Ich kann es nicht. . . Hochwohlgeboren. . habt Erbarmen mit mir . . ." Es war etwas Herzzerreißendes in diesem verzweiflnngsvollen Wehklagen. Der nebenanstehende Offizier blickte zur Seite, die Matrosen senkten die Blicke. Todenstille herrschte auf dem Deck. Doch dies Flehen, wie es schien, reizte den Kapitän nur noch mehr. Er stieß Jssajka verächtlich mit dem Fuß und rief: „Nehmt ihn und zeigt ihm, ob er es nicht kann!" Im selben Augenblick sprang Jssajka auf und war nun nicht mehr der frühere sanfte Jssajka. Sein todtenblasses Gesicht mit den funkelnden Augen trug einen unheimlich ruhigen und entschlossenen Ausdruck, so daß der Kapitän unwillkürlich zurücktrat. — — — „So sei Du denn verflucht, Du Mörder!" Und mit diesen Worten sprang Jssajka auss Netz, und mit einem verzweiflungsvollen Klageruf warf er sich ins Meer ... Die Matrosen blieben starr vor Entsetzen, der Kapitän ganz betroffen. Iwan Rjaboj, ein vortrefflicher Schwimmer, war im Nu Jssajka nachgesprungen. Doch Jssajka war nicht mehr an der Oberfläche, er ging wie ein Schlüssel sofort zu Boden. „Verdammter Jude!" sagte der Kapitän endlich, befahl vor Anker zu treiben und ein Ruderboot hinunterzulassen, nm Rjaboj aufzunehmen. Die Matrosen bekreuzten sich. . . Kprecßsaal. Geehrter Herr Redakteur! W uch nicht im Traum ist es mir eingefallen, Herrn Heinrich Driesmaus so beleidigen zu wallen, daß ich ihn zum Antisemiten stempeln würde. Ich habe in dem Artikel von Nummer 46 mich nur gegen die Uebertreibungen der Nassentheorie gewendet, die allerdings die bewußte Absicht hat. das Judenthum herabzusetzen. Brauche ich erst an Dührings Werk: „Die Judenfrage als Rassenfrage", und an die ganze daran sich schließende Litteratur bis ans Chamberlain zu erinnern? Die Entgegnung Franz Oppenheimers erschien mir als die rechte Antwort nicht nur auf die antisemitischen Herausforderungen, sondern auch auf jene anthropologischen Forschungell, die den Rassenstandpunkt bei jeder Gelegenheit unnöthig hervorkehren. Allerdings aber glaube ich, daß auch diese Forschungen im letzten Grunde zu einer Gegnerschaft führen müssen, selbst wenn die Forscher, wie Herr Driesmans, keineswegs eine solche Absicht haben. Die Rassenfrage an sich ist durchaus noch nicht geklärt, wie der sei. Virchow oft hervorgehoben hat, ja sie steht dermaßen uoch in den Anfängen, daß mau „auch nicht eineu einzigen festen Punkt mehr hat, an dem wir unseren Hebel einsetzen könnten," daß man also keineswegs das Recht hat, von einer „jüdischen Rasse" schlechtweg zu sprechen. Die Zeugen, auf die sich Herr Driesmans beruft, sind — Zionisten! Daß er aber mir gegenüber das „jüdische Volk" vertheidigt, das ich angeblich beleidigt haben soll — ist doch wohl nur ein Scherz, auf den ich nicht näher einzugeheu brauche. Es stehen sich eben hier zwei Grundanschauungeu diametral gegenüber; darum sind alle Versuche, uns eines Besseren zu belehren, vergeblich, so lange nicht feststehende Resultate positiver Wissenschaft hierzu zwingen. Wohin diese Nassentheorien führeu, das zeigt uns ja recht anschaulich die Erklärung des Prof. Busse in seinem Buche über „Philosophie und Naturerkenntniß": „Ich bin nun einmal nicht Mitglied der Menschen überhaupt, Weltbürger, sondern Mitglied meiner Familie, meines Volkes, meiner Rasse" u. s. w. Solchen traurigen Verirrungen gegenüber bleibe ich dabei, daß Herr Dr. Paul Rieger völlig im Recht war, wenn er Herrn Driesmans und dessen Anhängern, deren Objektivität weder er noch ich je bezweifelt, aus das Bestimmteste erklärt, daß wir keine „Rasse" in dem nun einmal gebräuchlichen Sinne des Wortes sind, sondern vielmehr eine Religionsgemeinschaft, die auf Humanität, Gottesverehrnng und Menschenliebe begründet ist. Dies ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit, die nun schon zum Ueberdruß breitgetreten ist. ohne daß auch nur die Spur einer Verständigung oder irgend ein nennenswerthes, wissenschaftliches Ergebniß zu erblicken wäre. Berlin, 6. Dezember. 5. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.