Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 599 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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5SS „Verzeiht, doch habe ich wenig Zeit,.. Ich gehöre auch der Krone an. Auch schickte zu Euch der Herr Feldwebel selbst. Ihr kennt ja doch unseren Awdej Trisonitsch. Er holt sich immer seinen Branntwein von Euch. Geh' hin, Jssajka, sagt er, hole den Mantel, sagt er, damit Rjaboj den Unannehmlichkeiten entkommt." Man fing an zu handeln. Jssajka ging einige Male aus der Schenke, kam dann aber wieder zurück, da er gern seine paar Groschen, die er wie seine Augäpfel hütete, ersparen wollte. Er hatte sich ja auch nur während der ganzen Dienstzeit zwanzig Rubel bei Seite gelegt, die er von den Trinkgeldern für seine Arbeit sammelte. Endlich waren die Sachen für 2 Rubel 20 Kopecken eingelöst, und Jssajka ging vergnügt und siegesbewußt aus der Kneipe, ohne auf die Schimpfworts Acht zu geben, die ihm der Wirth hinterher nachries. Seit dem Tage wurden Jssajka und Rjaboj die besten Freunde, obgleich sie einander wenig verstanden. * * * Viel Verstand, Vorsicht, Geschicklichkeit und Feingefühl mußte Jssajka anwenden, um während seines sechzehnjährigen Dienstes den Strafen zu entkommen. Doch war Jssajka vom ersten Tage an so fleißig, betrug sich so tadellos, gab sich so viel Mühe, daß es ganz unmöglich war, an ihm etwas aussetzen zu können. Auch that es einem unwillkürlich um diesen schweigsamen, furchtsamen, stillen und schwachen Mann mit den großen, sanften Augen leid. Als im ersten Dienstjahr ein Unteroffizier Jssajka gevhrfeigt hatte, weinte Jssajka die ganze Nacht so bitterlich, daß selbst der betreffende Unteroffizier etwas wie Rene empfand. Auch befand sich Jssajka dank seinem Amte als Segelmacher weit von seinen Vorgesetzten. Die Nächsten derselben waren der Bootsmann und sein Gehilfe, mit denen Jssajka sich sehr gut vertrug, und die er oft bewirthete. Die Uebrigen, die so streng zu den Matrosen waren, gingen ihn gar nichts an. Er konnte ruhig in« Schiffsraum sitzen, die Segel flickend und mußte nur beim Sturm aufs Deck mitkommen. Außer seinem Fleiße, Eifer und seinem tadellosen Betragen fand der kluge und beobachtungsfähige Jssajka auch andere Mittel, sich die Gunst seiner Vorgesetzten zu sichern. Am Lande besorgte er Stiefel und Schuhe für seine Kommandeure und Feldwebel sowie für deren Frauen und Kinder, auf dem Schiffe machte er es für den Kapitän und seinen Gehilfen. Alle behandelten auch dafür Jssajka freundlich und nannten ihn den Goldmenschen. Er war geschickt und fertigte eines Tages ein hübsches Spielzeug an und schenkte es dem Söhnchen seines Kommandeurs. Jssajka dankte Gott täglich, daß der Dienst gar nicht so schrecklich war, wie er ihn sich vorstellte; nur das Meer flößte ihm nach wie zuvor großen Schrecken ein. Doch er hatte ja nicht mehr lange zu dienen. In drei bis vier Jahren wird man ihn bestimmt auf Urlaub entlassen, und dann wird diese ewige Bangigkeit ein Ende nehmen! Er wird dann ein freier Mensch sein! Und er dachte oft daran, wie er sich dann einrichten würde, wenn er für immer am Lande bliebe. Er wollte sich in Kronstadt, wo ihn Jedermann kannte, niederlassen und sein Handwerk betreiben und still und ruhig dahinleben, ww es.einem ehrlichen Juden geziemt. Nur ein einziger Umstand setzte Jssajka in letzter Zeit in Verlegenheit. Er fühlte sich zur Wittwe eines Matrosen hin? gezogen, die auf dem Markte in Kronstadt Gemüse feilbot,, im" Winter einen Krämerladen hielt und unter dem Namen „rothhaarige Anka" allgemein bekannt war. Diese rothhaarige Anka, ein gesundes und starkes Weib von etwa 35 Jahren, mit breiten Hüften und welkem Gesicht voll Sommersprossen, liebäugelte ihrerseits mit Jssajka voll herausfordernder Koketterie. Ihr Liebhaber hatte sich auf ein Schiff für drei Jahre als Matrose verpflichtet, und sie war nun frei. Anka hatte nichts dagegen, sich mit einem Juden einzulassen, und Mächte sich wenig aus dem, was die Leute dazu sagen ivürden. Umsoweniger, da Jssajka ein sachverständiger Mensch war und ihr immer gute Rathschläge ertheilte. Bevor sie mit ihm Bekanntschaft schloß, reichte es ihr kaum auf Brod und Kwas aus, jetzt aber war ihr Umsatz bedeutend größer. Auch machte ihr Jssajka ein Paar Prachtvolle Schuhe und lieh ihr 10 Rubel, um Waaen einkaufen zu können! Doch Jssajka konnte sich noch immer nicht dazu entschließen, ihr seine Gefühle zu äußern. Würde sie auch einverstanden sein, mit einem Juden zu leben? An eine Ehe mit ihr dachte Jssajka natürlich nicht. Und so würde denn der schüchterne Jssajka ein stiller Anbeter geblieben sein, wäre er nicht an einem schönen Sonntagmorgen in ihren Laden eingetreten, um Schnittlauch zu lausen, wobei Anka selbst das Gespräch ans dieses Thema brachte. Seit dem Tage war Jssajka öfter am Lande, und als „Pospeschnij" in See ging, machte sich Jssajka daran, seiner Anka ein Paar chike Schuhe zu arbeiten, schrieb ihr auch zwei Briefe, in welchen er mit rührender Beredsamkeit ihr seine Liebe gestand und zum Schluß Rathschlüge gab, wie sie den Laden weiterführen sollte, den sie jetzt gemeinschaftlich hielten. * -tz * Ach, wie schwer fiel es Jssajka im nächsten Sommer, die Seereise anzutreten! Er wollte sich nicht von der rothhaarigen Anka trennen, der Jssajka sehr zugethan war, hauptsächlich aber beunruhigte ihn die Ernennung eines neuen Kommandeurs des „Pospeschnij". Man erzählte, daß es ein grausamer Mensch sei, der gern Maulschellen ertheilt und die Leute ohne Erbarmen Prügeln, läßt und ganz wütheud wird, wenn er aufvraust. Die Matrosen sprachen nur davon, und sogar Iwan Rjaboj nahm sich vor, das Trinken aufzugeben. Thatsächlich mußte sich Jssajka während dieses Sommers fast täglich im Schiffsraum verbergen und vor Entsetzen zittern. Es verging kaum ein Exerzieren, ohne daß es nachher keine Züchtigung gab. Der Kapitän forderte, daß die Matrosen blitzschnell arbeiteten, und wenn , die Segel gehißt wurden, und es in Zl/z Minuten statt in drei geschah, so wurden alle Matrosen, die auf dem Mastkorb arbeiteten, sammt den Unteroffizieren geprügelt. In den damaligeil'Zeiten legte man viel Werth auf die Geschwindigkeit der Arbeit, und jeder Kapitän wollte sich dadurch auszeichnen. Während dieser Reise befand sich Jssajka fast immer im aufgeregtem Zustande und fürchtete sich hauptsächlich vorm Sturm, wenn er mit aufs Deck hinauskommen mußte, wo er diesen großen, breitschulterigen Menschen sah, mit dem groben, rothen Gesicht, der auf dem Verdeck stand, die Füße breit auseinandergestellt und drohend die Arbeitenden musternd. Todesstill? herrschte in solchen Augenblicken auf dem Deck. ..Die