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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 596 (sequence 10)
Language
German
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596 war, daß die Religion keine Bilder, d. h, eben keine Kunst neben sich duldete, daß wiederum infolge dessen die archäologische Ausbeute von vornherein verhältnißmäßig gering zu werden verspricht. Und doch, ist damit der geringe Eifer gerechtfertigt? Sollten diese Mängel nicht vielmehr erst recht ansporneu, nun doch das Wenige zu sammeln? Liest man nicht genug in der Bibel davon, wie trotz allen Warnens der Propheten Israel immer von. neuem in den Strudel der Welt hineingezogen wurde? Hat es keinen König Salomo, keinen Omri, Ahab, Ahas rc. gegeben? Und. um nur eines herauszugreifen, würde nicht eine einzige althebräische Inschrift den Werth von Hunderten ans Babylon oder Aegypten aufwiegen? Vor allem aber, rechtfertigen jene Schattenseiten den großen Mangel an Interesse für die Arbeiten, die dort thatsächlich schon geleistet sind, und die bereits den Beweis erbracht haben, daß Ausgrabungen in Palästina zwar immer eine gewisse Selbstverleugnung erfordern, daß sie aber doch lohnen und schrittweise vorwärts führen zu einer wahrhaft historischen Erkenntniß der Geschichte dieses einzigartigen Landes? Die folgenden Zeilen sollen in kurzen Strichen einen Ueberblick über die bisherigen Ausgrabungen geben, und damit zugleich das Interesse wachrufen für künftige, an denen sich zu betheiligen wahrhaftig heilige Pflicht der europäischen Kultnrwelt ist. Der Ruhm, zum ersten Male durch systematische Ausgrabungen Ausschlüsse über die Geschichte des alten Palästina gewonnen zu haben, gebührt, wie bei manchen anderen Ländern, den Engländern oder Amerikanern. Im Jahre 1865 wurde eine Gesellschaft begründet: ^kilsstiiie Lxplorkitio» t inul.! Da diese binnen kurzem umfassende Geldmittel zusainiueubrachte, so konnte schon im Jahre 1867 Leutnant Warren damit beginnen, in unmittelbarer Nähe Jerusalems Forschungen vorzunehmen. Es gelang ihm, südlich vom jetzigen Haram esch Scherif, dem alten Tempelplatze, in der Tiefe von ungefähr 20 Meter ein Stück der alten davidisch-salomonischeii Stadtmauer aufzufinden. Einer der Steine trug sogar inchriftliche Zeichen, deren Entzifferung freilich bis jetzt noch! nicht gelungen ist; wahrscheinlich ist es einfach ein sogenanutes Steinmetzzeichen. An verschiedenen Stellen wurden diese Grabungen, an denen sich später auch Williams, Milton und Eonder betheiligten, fortgesetzt, zugleich auch der Siloahteich und der Siloahkanal untersucht. Der Beweis war erbrach, daß unter dem tausendjährigen Schutt Reste der alten Stadtanlagen geblieben waren. Nun griff auch deutsche Forschung ein. Im Jahre 1877 wurde ein deutscher Verein zur Erforschung Palästinas gegründet, und im Jahre 1880 überraschte der vor einem Jahre verstorbene Baurath Schick in Jerusalem, das rührigste Mitglied des Vereins, die Welt mit einem Abklatsch der berühmten Inschrift aus dem Siloahkanal, die badende Knaben dort gefunden hatten. Es ist - abgesehen von der Inschrift des Königs Mescha von Moab bis auf den heutigen Tag die einzige Inschrift in althebräischen Lettern, die wir besitzen. Ihr Inhalt ist nur gering — Angaben über den Durchschlag des Tunnels —, ihr wissenschaftlicher Werth aber eben wegen ihrer Einzigartigkeit groß, und vollends ihre moralische Bedeutung ungeheuer, weil sie ein handgreifliches Unterpfand dafür bietet, daß bereits das alte Israel wie die umwohnenden Völker Denkmäler und Aufzeichnungen in Stein gemeißelt hat. Der König Hiskia, der Zeitgenosse des Propheten Jesaja, oder vielleicht ein noch älterer, berichtete hier von seiner Thätigkeit. Auch wenn inzwischen nichts weiter gefunden wäre, diese Inschrift allein dürfte die Forschung nicht ruhen und rasten lassen; sie bleibt als Gewähr dafür bestehen, daß die Ausgrabungen andere Inschriften aus israelitischer Zeit ans Tageslicht befördern können. Zum Theil dieser Fund bestimmte nun den Deutschen Palästinaverein, auch seinerseits eine Expedition auSzusendeu. Im Jahre 1884 unternahm in seinem Austrage Professor Guthe aus Leipzig ebenfalls in der Nähe von Jerusalem eine umfassende, ein halbes Jahr währende Ausgrabung, die von schöneni Erfolg begleitet war. Er nahm den südöstlich von der jetzigen Stadt liegenden Hügel, das sogenannte Ophel, den Platz der alten davidischen Königsburg, in Angriff, und ihm gelang, es den ganzen östlichen Lauf der alten Stadtmauer festzustellen. Die alten Steine gewannen Sprache, sie zeugten in ihrer verschiedenartigen Behauung und Schichtung von dem wechselnden Schicksal der Stadt seit den Tagen Davids bis tief in die römische Zeit hinein. Auch einzelne uralte Wohnungen wurden bloßgelegt; die kleinen ini Schutt verstreuten Einzelfunde entstammen freilich meistens erst der griechischen und römischen Aera. Die Anlage des Siloahkauals wurde genau festgestellt, die Inschrift nochmals kopirt. Sehr energisch griff im Jahre 1890 der englisch-amerikanische Verein von neuem in die Arbeit ein. Man verließ Jerusalem und wandte sich der weitausgedehnten Südwestebeue Palästinas zu, die zum Theil Juda, zum Theil den Philistern einst gehört hatte. Eine ganze Reihe offenbar künstlicher Hügel in ihr lud zur Durchforschung ein. Als ersten nahm man den größten, den sogenannten Tell Hast), vermuthlich das alte biblische Lachis, in Angriff. Die ersten Probegrabungen wurden von dem berühmten Aegyptvlogen Flinders Petrie geleitet, und nachdem er mit einer geradezu staunenswerthen Emsigkeit im Laufe von sechs Wochen festgestellt hatte, daß der Hügel die verschiedensten Schichten von Ueberresten einer Jahrhunderte langen Kultur und Geschichte in sich berge, übernahm sein Schüler Dr. Bliß die Leitung. Dieser Mann, ein Syrv- Amerikaner ans Beirut, von Kindheit an vertraut mit Sprache und Sitten des Landes, ist nun zehn Jahre lang der unermüdliche und geschickte Ausgräber in Palästina gewesen. Er fand in dem Hügel von Lachis, auf dem er zunächst zwei Jahre lang arbeitete, die Trümmer von sieben Städten übereinandergelagert, jede Schicht durchschnittlich zwei Meter dick. Die Ausbeute an Erzeugnissen der Keramik war ungeheuer. So lange noch Inschriften fehlen, müssen die Thonscherben reden, und diese spiegelten in ihrer charakteristischen Verschiedenheit genau den Gang der Geschichte wieder etwa von 1800 v. Ehr. bis 50<> n. Ehr. Doch nicht nur das. Schon diese Ausgrabung zeigte, wie lebendig bereits in vvrisraelitischer und auch in israelitischer Zeit die kulturelle Beeinflussung Palästinas durch Aegypten und Phönizier: gewesen war. Viele ägyptische Skarabäen (Darstellungen des ägyptischen Sonnenkäfers mit Bildern und Hieroglyphen auf der flachen Seite), Ainulette, Brvuzefiguren und dergleichen wurden gefunden. Aber der hervorragendste Fund war eine kleine Thontasel, besät mit babylonischer Keilschrift. Sie bestätigte glänzend, was inzwischen bereits ans dem Thontafelfund von Tell el Amarna in Aegypten geschlossen war, daß nämlich der ganze Politische Briefwechsel des westlichen Asien um 1500

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