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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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595 Daß er sein Elend schaut als riesengroß. Den Reichthum als gebenedeites Loos. Er murret ob der Macht, die's zugegeben, Daß ihm geraubt sein Antheil Lenz und Leben. Er grollt und späht nach Waffen rasch umher, Den Ford rer — nicht den Bettler triffst du mehr, Des Proletariers Hände krampfhaft faßten Der Erde Bau. der mit Zerrüttung droht; Durch alle Laude schleicht die bittre Noth, Verflucht wie Ahasver und darf nicht rasten. Jetzt gill's des Deukers Wort, des Weisen Rath, Jetzt gilt's den Mann und seine Kraft erproben, Ob er. eh sie an unsere Pforten toben. Nicht den Verzweifelnden mit Rettung naht. Allein, indeß der Mann auf weiten Bahnen Nach einem Glücke für die Menschheit ringt, Jst's in der Brust der Frau ein liebend Ahnen, Das schon dies Glück am Einzelnen vollbringt; Indeß sein Geist für Alle sucht das Heil, Ward's durch ihr Herz schon Wenigen zu Theil. Indeß er Balsam will für alle Wunden, Hat ihre Hand die nächsten schon verbunden, Indeß nach einem Freudenland>r schifft. Bereitet sie dem Schmerz ein Gegengift. Er grollt dem Schicksal — sie versöhnt und kost, Er will das Glück verleihn — sie nur den Trost. Drum laßt die zarten, duftigen Gestalten In Hütten. Hospitälern. Kerkern walten, Erleichtern wird zumeist die reine Hand Ein hartes Kissen, ein schwer drückend Band. So ward den Frauen eine heil'ge Sendung, Die sie dem Gottesherzen nahe stellt; Nicht werden sie der höchsten Glückoollendung Entgcgenführen die bedrängte Welt. Nicht wird's ein wei blicher Messias sein. Der Allen einst Paläste baut ans Erden, Doch legt ihr edles Wirken Stein auf Stein, Daß eine Herberg sott der Armuth werden. Das Herz, das zum Zerbrechen schon verwildert, Hat oft ihr Wort zur Frömmigkeit gemildert, Das Aug', das Elend nur und Mangel sah, Es leuchtete in Freude, wenn sie nah, Und wie der Engel, der vor Bileam Das Wort des Fluches wandelte in Segen, Vermochten sie's oft fluchbeladenem Gram Ein Segenswort noch in den Mund zu legen. So tief kein Abgrund und so wild kein Schrecken. Den sie mit ihren Rosen nicht verdecken. Und wär's kein Wahn, daß einst im Paradies. Aus dem des Weibes Sünde uns verstieß, Das Menschenvolk von Neuem sich darf sonnen — ,.Des Weibes Tugend^hätt's zurückgewonnen. So ward den Frauen eine heil'ge Sendung; Wenn Manche sich in thörichter Verblendung Dem Geisteskampf des Mannes zugereiht, So mahne sie der Jammer dieser Zeit, Daß Eins für sie nur zu erringen bliebe: Das Ziel der thatbereiten Menschenliebe! Lorm ist Jude geblieben, wie weit die Ergebnisse seines philosophischen Denkens ihn auch von dem Boden der ererbten religiösen Weltanschauung hier und da entfernt haben mochten; so darf das Judenthum auf ihn stolz bleiben und das Andenken des Sängers hoch in Ehren halten, der mit wehmüthiger Genügsamkeit einst von sich selbst verkündete: Ich werde still vom Leben scheiden. Wie nur im Wald ein wundes Neh, Im Tod verblutend seine Leiden; Der Sterbehauch ist letztes Weh! 0. k. Ausgrabungen in Palästina. Von Professor Dr. Ernst Sellin in Wien. lle Welt redet jetzt von den Ausgrabungen in Aegypten und Babylonien. Waren die ersten schon seit Jahrzehnten Gegenstand allgemeinen Interesses, das immer neue Nahrung erhielt durch die mannigfachen aus dem Wüstensands gehobenen und in unseren Museen geborgenen Schätze/ so ist neuerdings das Auge der ganzen gebildeten Welt immer gespannter auf die Gegend vom Euphrat und Tigris gerichtet. Besonders gilt das jetzt von Deutschland, seitdem vor drei Jahren von Berlin aus die ungemein rührige deutsche Orientgesellschaft, deren hoher Schutzherr der Kaiser ist, eine Expedition dorthin entsandt hat, die nun unausgesetzt in den Ruinen der alten Weltstadt arbeitet, und vollends, seitdem Delitzsch in seinem vielbesprochenen Vortrage über Babel und Bibel ans die ungeheure Bedeutung der dortigen Funde für die antike Geschichtsforschung, ja sogar für unser ganzes kulturelles und religiöses Leben aufmerksam gemacht hat. Und doch will es mir scheinen, als ob über diesem an sich nur erfreulichen Interesse ein Land in Gefahr steht, etwas stiefmütterlich behandelt zu werden, ein Land, dessen Bedeutung für unsere ganze Kultur doch noch eine viel größere und unmittelbarere ist als die der Länder vom Nil und Euphrat, ich meine Palästina, die Heimath der Bibel, die Heimath unserer Religion. Das bleibt ja nun einmal bestehen, daß der Faktor, der bis jetzt die Menschheit nicht nur religiös und moralisch, sondern auch kulturell und sozial am tiefsten erregt und beeinflußt hat, der Glaube an den einen lebendigen Gott, daß das vielgelesenste Buch der Welt von diesem Lande ausgegangen ist. Daher ist aber die höchste, freilich auch schwierigste Aufgabe aller Geschichtsforschung durch dies Land gestellt. Steht die bisherige archäologische Durchforschung des Landes in einem richtigen Verhältnis; zu dieser Bedeutung? Darauf kann die Antwort nur Nein lallten. Es soll nicht verkannt werden, daß gewisse Umstände den bisherigen Mangel an Interesse verständlich machen. Sehen wir davon ab, daß unter den Tausenden frommer Pilger, die alljährlich Palästina aufsuchen, es vielleicht manche giebt, die hier überhaupt nichts von einer geschichtlicheil Erforschung wissen wollen, weil sie fürchten, es könnte durch das Lüften manchen Schleiers der einzigartige Nimbus, der nun einmal das Land als heiliges, als die Stätte unzähliger geweihter Erinnerungen umgiebt, zerstört werden. Zwei Gründe sind es, die auch einen begeisterten Archäologen zunächst zurückschrecken könnten. Erstens legt das einzigartig wechselvolle Schicksal des Landes, das wie kein anderes der Erde durch Jahrtausende der Schauplatz voll Kämpfen des religiösen Fanatismus gewesen, die Befürchtung nahe, daß durch diese alles zerstört ist, was sonst gerade der archäologische», Forschung an Lohn zufällt. Kann viel übrig geblieben sein, nachdem die Kananiter von den Israeliten, diese von den Assyrern und Babyloniern, die heimgekehrten Juden von den Römern, die Christel» von den Jslamiten, diese wiederum von den Kreuzfahrern und abermals diese von den Mohammedanern durch Feuer und Schwert ausgerottet waren mit einen» Fanatismus, wie ihn nur die Religionskriege kennen? Und zum anderen ist es bekannt, daß das klassische Volk dieses Landes, Israel, eben durch seine Religion zu einem Leben erzogen wurde, das, an dem anderer Völker gemessen, einfach

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