Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 594

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 594 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228524--59294-3295801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

594 goldigen Wolken über dem Nebel und Schwall der wechselvollen Lebensgeschicke, ein verklärender Strahl von oben durchbricht überwältigend die Finsterniß des Daseinsschinerzes: „Und droht auch Nacht der Schmerzen ganz Mein Leben zu umfassen — Ein unvernünft'ger Sonnenglanz Will nicht mein Herz verlassen." Die Gedankenlyrik Lorms erhebt sich ans dem Gewirr Poetischer Stimmen unserer Tage zu einer Höhe, auf der ihm nur wenige Genossen folgen. Aber Lorin war nicht nnr Dichter, er war auch Philosoph, und seine Weltanschauung des grundlosen Optimismus darf nicht nur Anspruch ans Originalität, sondern auch auf inneren positiven Werth machen. Wer seinen Essay über die Muse des Glücks gelesen, der weiß, was Lorm auf diesem Gebiete zu leisten vermocht hat. Diese Muse des Glücks schreibt sich ans einem liebevollen und selbstzufriedenen Versenken in die Naturerscheinungen her, das dein Geist jenen Verzicht auf die Güter des Vergänglichen erleichtert, der auf dem Wege des Denkens und des Lebens so schwer zu erreichen ist, ferner aus einem angeborenen oder erlebten Optimismus ohne Grund, der weder durch widrige Lebensschicksale entwurzelt, noch durch äußere Glücksgüter begünstigt werden kann. Auch als Erzähler hat Lorm Vortreffliches geleistet. In einigen seiner Romane und Novellen hat er auch Jüdisches geschildert, vor allem in seinem dreibändigen Roman „Gabriel Solmar", einem weitverzweigten Gebilde politisch-konfessioneller Jntriguen aus der modernen Staats- und Gesellschastswelt, voll Scharfsinn und hypochondrischer Selbstqual, voll Menscheukenntniß und doch zugleich auch voll Psychologischer Wagnisse. Als Feuilletonist hat Lorm eine ganz besondere Bedeutung; er war ein philosophischer Feuilletonist, wie wir in Deutschland kaum einen zweiten besessen haben. Jeder Satz, den er schrieb, enthielt einen wirklichen Gedanken, jedes Wort schien dem innersten Bedürsniß nach Mittheilung und Gestaltung entflossen zu sein; seine Bemerkungen waren tiefsinnig, eigenartig, seine Darstellung anmuthig und originell. Wäre das moderne Theater anders als es leider in der That ist, so würden auch Lorms dramatische Studien und Sittenbilder sich als wirksam auf den Brettern erhalten haben, trotz dem Hang und Drang nach sensationellen Wirkungen und Sinnenransch- Die Kritik der Gesellschaft, die Schilderung seelischer Empfindungen und Psychologischer Stimmungsgebilde waren sein eigentliches Feld, hierin war er Meister; aber er wandte sich doch nur an ein Publikum von auserlesener Bildung des Geistes und Herzens, so daß naturgemäß feine Gemeinde eine kleine war und bleiben muß. „Hieronymus Lorm," sagt einer seiner Beurtheiler sehr richtig" „wird nie populär werden; höchstens daß sein Name dereinst von der Masse des Volks auf Kredit angenommen und mit jener unklaren Ehrfurcht ausgesprochen werden wird, welche die Menge: beschleicht, wenn sie von Schopenhauer, Lichtenberg oder Plato sprechen hört." Es bleibt nur noch Einiges über Lorms Beziehungen zum Judenthum zu sagen übrig. Lorm war Jude und ist als solcher gestorben. Er hatte zwar einen Standpunkt außerhalb der Welt- und Naturanschauung des Judenthums eingenommen, aber er erkannte doch ein bindendes Gesetz an, dies die Bewegung der Welt regelt, hält und trägt, und dies bindende Gesetz in der inneren sittlichen Weltordnung ist eben der Gottesgedanke. Kein Denker hat noch ein anderes Wort dafür gefunden, wie mannigfach auch im Laufe der Jahrhunderte die Vorstellungen und Begriffe gewechselt haben. Der Philosoph hat Recht, der den Pessimismus nur für ein Mitzverständniß erklärt. Lorm war Philosoph genug, um in die Nacht, diese Mutter der Dinge, muthig zn blicken, und Poet genug, um u; der lichten Tageswelt der Menschen absolute Momente positiven Werths zu erkennen. Wer sein Schaffen aufmerksam verfolgt, wird viele Elemente darin finden, die ihn als Erben der Geistesart seines Stammes kennzeichnen, in seiner Poesie sowohl wie in seiner Prosa, namentlich in der letzteren. Wenn er ein Buch besprach, gab er oft aus seinen Erfahrungen eine Anekdote, eine Geschichte zum besten, die jüdischen Ursprungs war; nicht selten hatte bei ihm ein hingeworfenes Wort nach dieser Richtung hin auch eine ernste Schlagkraft. Für die Rechte seiner Glaubensgenossen ist er oft eingetreten, und während der antisemitischen Bewegung hat er manch kräftiges und bitteres Wörtlein gesprochen. Ich erinnere mich genau, daß er mir einmal einen sehr erbitterten Brief darüber schrieb, daß wir Juden gerade in der Zeit der wüstesten antisemitischen Hetze Selbstkritik trieben, die wir doch auf bessere Zeiten und ruhigere Tage verschieben sollten. Unmittelbar darauf erklärte er mir in einem zweiten Briefe, ich hätte sein Lebenswerk gar nicht verstanden, wenn ich ihn zur Mitarbeit an einem jüdischen Blatte aufforderte. Als ich ihn auf den Widerspruch zwischen diesen beiden Aeußerungen hinwies — schwieg er. Er mochte wohl erkannt haben, daß die lang zurückgedrängten Mächte des Glaubens doch wohl ernstere Beachtung verdienten als er selbst angenommen hatte. Er sprach einmal in jener Zeit von der Verarmung und Verblutung unseres Zeitalters mit Worten, wie sie nur ein Jude schreiben kann, der in seinem tiefsten Innern verletzt war durch die Schmach, die seinem Stamme angethan worden. Nach den ersten Wahlen, in denen antisemitische Volksvertreter gewühlt waren, schrieb er einmal. „Auf die Ritter vom Geiste scheinen bei uns jetzt die Ritter vom Blödsinn folgen zu wollen." Er unterließ es in keinem Falle, ebenso bitter wie treffend die Angriffe gegen Juden und Judenthum zurückzuweisen. In jnngen Jahren hat er einmal in einem der Wiener Kalender von Busch oder Wertheimer ein Gedicht veröffentlicht: „Den jüdischen Frauen unserer Zeit." Das Gedicht ist bereits anläßlich seines 70. Geburtstages in unserem Blatte publizirt worden, aber ich möchte es doch nicht unterlassen, es all dieser Stelle noch einmal zu wiederholen. Es ist von tiefer Empfindung und von so überzeugender Kraft, daß es auch den jüdischen Frauen unserer Tage noch seinem vollen Inhalte nach gelten mag: Es geht durch diese Zeit ein banges Klage», Das bald nach einer besseren Zukunft weint, Bald alles Erdenglück begraben meint Für ewig in der Vorwelt schön'ren Tagen, Denn heute flammt ein ungeheures Licht, Das durch den Moder falscher Tempel bricht, Gewaltige Gedankenschlachten schlagen Sich heiß und ernst um eines Bessern Spur. Die Zukunft soll ini Schoost verschlossen tragen Das Heil der vielgequälten Kreatur. Der Himmel frei von Wahngewölk sei klar — Nur die das Dunkel lieben, stehn erschrocken, Sie läuten Sturm, sie schreien von Gefahr, Die Sonne grüßend niit den — Feuerglocken. Und auch den Armen leuchtet's in die Hütte, Daß seinem Geist nach langer Finsternist Die kühne Frage drohend sich entriß, Warum man Gift ihm in das Leben schütte;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.