Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 593 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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598 In Wirklichkeit thut man solchen Männern mit dieser Frage unrecht. Die Genannten sind ehrliche Sozialdemokraten, und sie fühlen sich nur deshalb eins mit der Jndustriearbeiterorganisation, weil diese sich als von der heutigen Gesellschaft unterdrückt fühlt. Und weil alle diese, Lafsalle und Marx, Wurm und Bernstein, Arons und Singer durch Geburt jenem Stamme angehören, dem von derselbe« Gesellschaft trotz aller geschriebenen Gesetze die volle Gleichberechtigung versagt wird, und weil diese Männer an sich erfahren haben, daß das gänzliche Abstreifen des Judenthums und das gänzliche Aufgehen in die übrige Bevölkerung trotzdem nicht zur gleichen Bewerthung mit den Uebrigen führt, deshalb suchten sie sich dort anzugliedern, wo man sie als vollwerthig aufnahm, und wo man dieselbe Gesellschaft bekämpfte, die ihnen, weil zufällig als Juden geboren, die gesellschaftlichen Rechte schmälerte; denn diese Männer haben sich nie als Juden gefühlt. Die Sozialdemokratie ist eine stetig wachsende Gefahr für den Glauben an Gott und für die Freiheit des einzelnen Individuums. In der Organisation, die der Zukunftsstaat sein muß, wenn er sich 48 Stunden lang behaupten soll, giebt es weder Glauben, noch Liebe, noch Hoffnung. In diesem Zukunftsstaat hat das Judenthmn noch viel weniger Existenz- Möglichkeit als heute in Rumänien. In diesem Zukunftsstaat kann es keine individuelle Freiheit des Denkens geben, denn individuelles Denken ist Opposition, und Opposition wäre im Zukunftsstaat Revolution. Die Sozialdemokratie ist für sämmtliche Religionen eine Gefahr, auch für die jüdische, und wir beklagen es daher doppelt, daß gerade mit die Befähigtesten unter den Sozialdemokraten jüdischer Abstammung gewesen. Das waren eben durch gesellschaftliche Unterdrückung auf gesellschaftsfeindliche Bahnen gedrängte Intelligenzen, und so hat sich das Unrecht, das die bürgerliche Gesellschaft den Juden durch Versagen der vollen Gleichberechtigung zufügt, auch hier gerächt. Das llori»e1mil» mobile der ewigen Gerechtigkeit. Hieronymus Form. Ein Nachruf. nter den Schriftstellern, welche das Judenthum verdeutschen Litteratur in diesem Jahrhundert zugeführt hat, nimmt der Mann, dessen Hinscheiden der elektrische Draht am 4. d. M. meldete, sicher eine eigenartige Stellung ein. Die schnellfertige Litteraturgeschichtsschreibung hat ihn zwar bereits unter die Dichter des Pessimismus oder unter die philosophischen Lyriker versetzt, aber das Urtheil der Nachwelt wird doch wohl anders und umfassender lauten. Hieronymus Lorm ist ein Dichter von ausgeprägter Individualität; er erhebt sich um Haupteslänge über sehr viele zeitgenössische Poeten. Was er uns darbietet, sind reife Früchte in köstlicher Schale: große und selbständige Gedanken in edelster Form. Er ist in der That der berufenste Interpret des Pessimismus, aber er begnügt sich nicht mit dieser Weltanschauung. Seine Philosophie ist ein grundloser Optimismus. Wer da weiß, wie schwer das Leben dieses Mannes gewesen ist, der seit seinem 15. Jahre halb taub und blind geworden, der wird es ermessen, welch grenzenlose Entsagung, welch nefe Menschenliebe dazu gehörte, den Weg von dem lebenverachtenden Pessimismus zu jener Weltanschauung des grundlosen Optimismus zu finden, den Lorm in hartem Kampfe zurückgelegt hat. Wir haben schon anläßlich seines 70. Geburtstages vor 11 Jahren das Leben dieses Mannes erzählt, der von frommen Eltern in der alten jüdischen Gemeinde zu Nikolsburg i. Mähren am 9. August 1821 geboren ward, und dessen Leben eine lange Leidensgeschichte ist, die uns die Lehre tief einprägt, was der menschliche Geist auch im Kampf gegen die größten äußeren Hindernisse und gegen alle Gewalten des Schicksals zu erreichen vermag. Indem wir auf jene Darstellung verweisen und eine ausführliche Biographie Lorms einer späteren Zeit Vorbehalten, möchten wir hier nur noch einige Bemerkungen über seine Stellung zum Judenthum als einen bescheidenen Beitrag zur Würdigung dieses Poeten geben. Wir haben schon damals hervorgehoben, daß es nicht schwer sein dürste, Lorms philosophische Weltanschauung mit auf seine jüdische Abstammung zurückzuführen. Auch das Judenthum huldigt keinem ausgesprochenen Optimismus, wie man allgemein glauben möchte, ja Hiob und Kohelet sind wohl die Grundbücher des Pessimismus, und auch in der nachbiblischen wie in der mittelalterlichen Litteratur fehlt es nicht an Dichtern, deren Harfe pessimistische Klänge, begleiteten. Jedaja Penini ist in seinem Werke öeellinat 01 um (Prüfung der Welt) noch pessimistischer als Hieronymus Lorm in seinen modernen Gedichten. Beide, der mittelalterliche wie der moderne Poet, schildern in ihren Versen die Nichtigkeit der Erdenwelt, die trostlose Vergänglichkeit alles Irdischen, die Räthsel der Menschennatnr, das meerestiese Leid des Weltlebens, aber auch die hehre Größe des Geistes und den tiefen Trost, der in der Unvergänglichkeit liegt. Wenn Jedaja singt: Ein wildbrandendes Meer ist die Welt, weitreichend und grundlos, Eine Brücke, die Zeit, schwebend darüber gebaut. Morsch istIdie Brück' und wankend und nur an Säulen befestigt, Die schon vordem Entstehn bestimmt waren zum Vergehn, Führt sie dahin, wo das unvergängliche Glück wohnt, Führt sie zum Anschaun hin dessen, der da thronet im Licht? so spricht sich in diesen Versen dieselbe zu einheitlicher Abgeschlossenheit gereifte Pessimistische Weltanschauung des Dichters aus, die Lorm in seiner Betrachtung der Welt zu vollendeter Gestalt erhoben hat: So lang die Sterne kreisen Am Himmelszelt, Vernimmt manch Ohr den leisen Gesang der Welt: „Dem sel'gen Nichts entstiege», Der ew'gen Ruh, Um ruhelos zu fliegen — Wozu, wozu?" In dem Gesang der Sphären lauscht der Poet nur dem Leid der Menschheit, die eine tiefe Sehnsucht hat nach der Ruhe des Nichtseins. Aber wie sehr er auch erfüllt ist von dem stillen Weh der Entsagung, von dem endlosen Leid der Menschen, von der Verzichtleistnug aus alle geltenden Prätensionen des Glücks, er hat doch den Sinn für die Freuden des Lebens nicht ganz verloren; die Hingebung an die Natur, die stillzufriedene Verzichtleistung auf das Glück und das Behagen, das Aufgehen des Selbstleids in das Leid des Alls, das sind seine Freuden. „Die geduldige Resignation des Denkers schwebt wie auf