Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 592 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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5S2 konftstoriumS, Dreyfus. Brisae, Atitglied des E. C. der Alliance, Narciß Leven, Präsident der Alliance, Salomon Reinach, Mitglied der französischen Akademie und Mr. Levaillant' gewesener Präfekt und Direktor der Abtheilung für öffentliche Sicherheit im Ministerium des Innern. Der Aufruf betont, daß der neue Verein alle religiöse Meinungsverschiedenheiten im französischen Judenthum außer Betracht lassen werde, da der Antisemit sich ebenfalls darum nicht kümmert, ob der von ihm angegriffene Jude liberal oder orthodox gesinnt ist. Auch will der Verein seine Thätigkeit ausschließlich auf Frankreich beschränken. „Die Noth der Juden in außerfranzöfifchen Ländern geht zwar dem Conütee sehr nahe, was auch durch die Thatsache bewiesen wird, daß einige seiner Mitglieder an der Spitze der Alliance stehen, allein bei der in Betracht kommenden Frage müssen die Mitglieder des Vereins nicht als in Frankreich wohnende Juden, sondern als Franzosen handeln, deren Bürgerrechte mit Füßen getreten werden." Natürlich frohlocken die französischen Antisemiten und reden wieder von dem jüdischen Syndikat, das sich endlich ans Tageslicht wage. Allein auch die französischen Juden sind durch die bitteren Erfahrungen während der Tage der Dreysusaffaire klüger geworden und fragen bei ihrem Thun und Lassen nicht mehr danach: Was werden wohl die Antisemiten dazu sagen? 4 Es war wieder einmal nichts. Wir haben schon vor einigen Wochen mitgetheilt, daß nach der „Nowosti" die russische Regierung die Absicht habe, den Juden den Ankauf von Grund und Boden zum Betrieb von Ackerbau im ganzen Reich zu gestatten. Die Nachricht ries im russischen Blätterwald großen Sturm hervor und jetzt erklärt die judenfeindliche „Nowoje Wremja" mit sichtlicher Genugthuung: „Um das von der „Nowosti" lanzirte, von dem jüdischen „Woschold" gierig ansgegriffene Gerücht z» dementiren, sind wir in der Lage aus völlig zuverlässiger Quelle zur wahren Freude aller Russen mitzntheilen. daß im Ministerium des Inner» absolut keine Absichten bestehen, die Rechte der Inden aus dem Gebiete des Grundbesitzes zu erweitern." Rußland ist wieder einmal gerettet und die furchtbare Gefahr, die dein großen Zarenreich drohte, weun ein paar arme Juden etwas Grund und Boden dort besitzen würden, glücklich abgewendet! 4 Die von der russischen Regierung zu Ende November geplante Einberufung einer Rabbinerkonferenz nach Petersburg wird nicht stattfinden. Die Regierung, welche seit einigen Jahren einen planlosen Zick-Zack-Kurs befolgt, hat sich plötzlich eines Anderen besonnen und betheuert jetzt, daß sie niemals an die Einberufung einer solchen Konferenz gedacht hat. Religiöse jüdische Fragen werden von ihr nach den Beschlüssen der Rabbinerkonferenz vom Jahre l893 entschieden, und was den Gesetzentwurf über Ehe. Chalizah rc. aubelangt, so hätte es damit noch lange Zeit, da der Entwurf erst nach einer langen Reihe von Jahren praktische Bedeutung erlangen werde. Für alle Fälle wird, so versichert jetzt die russische Regierung offiziös, in Bezug auf das jüdische Familienleben nichts geschehen, was gegen den Geist der jüdischen Religion verstoßen würde. Damit sind alle auf die bevorstehende Rabbinerkonferenz gesetzten Hoffnungen und Befürchtungen einstweilen gegenstandslos geworden. Perpetuum mobile. Von Siegmund Fischer, Frankfurt a. M. ede Schuld rächt sich auf Erden. Diese göttliche Wahrheit ist nicht allein jüdischeil Ursprungs, sondern sie ist auch bis heute Alleineigenthum der jüdischen Religion geblieben. Während andere Religionen Belohnung und Strafe für Sünden des Einzelnen wie für Sünden der Völker nur in das Jenseits verlegen — heißt es bei uns — „daß es dir wohlergehe auf Erden." Und wenn wir kurzsichtigen Menschen uns oft bemüßigt glauben, von Fall zu Fall im Schicksal des Einzelnen oder der Völker zweifelnd zu fragen: „Wo bleibt da die Gerechtigkeit?" so ist der Jrrthum allein auf unserer Seite. Wir verkennen so häufig, was gut und was böse, ivas Lohn und was Strafe, was Ursache und was Wirkung ist, und so verständnißlos sind wir in der Beurtheilung von Lohn und Strafe, daß wir das, was wir uns als göttliche Belohnung vorstellen — nämlich das Glück — gar nicht einmal richtig begreifen können. Wir wissen nicht, was Glück ist. Jede Schuld rächt sich durch sich selbst. Das eben ist das Göttlichgroßartige, daß die Gottheit nicht jedesmal eingreifen muß, um zu lohnen oder zu strafen, sondern daß die Vergeltung in gutem und bösem Sinne aus sich selbst erwächst, das I'srpktimm mobile der göttlichen, ewig unwandelbaren Ge- 8 rechtigkeit, das allein schon Beweis ist von der Existenz der Gottheit. Zu Essen au der Ruhr ist ein reicher, vornehmer Mann gestorben, und an seiner Bahre hat ein ritterlicher Monarch den Schild erhoben, um den Todten vor verleumderischer und verdächtigender Nachrede zu schützen. Und in flammender Rede erhebt der Kaiser den Vorwurf gegen Führer der sozialdemokratischen Partei, daß sie schuld seien an dem Sterben dieses Todten. An einem Kaiserwort wollen wir nicht deuteln; uns steht als Israeliten ein Kaiserwort noch hoher als den Anderen; wir Juden sind ja in der großen Mehrzahl gut monarchisch und königstreu. Wir schauen vielmehr dahin, wohin des Königs Unmuth sich wendet, wir sehen, daß auch dort Stammesgenossen sitzen — und wie schon oft - kommt uns die Frage auf die Lippen: „Wie kommt Saul unter die Propheten?" Sagen wir unparteiisch die Wahrheit. Die bestehende sozialdemokratische Partei ist nichts anderes als eine Klassenpartei — -deutlich, gesagt: die Partei der Industriearbeiter. Im sozialen Sinne wirken heißt für die ganze Gesellschaft, die Allgemeinheit, die ganze Menschheit wirken. Ein solches Streben setzt einen gewissen Grad von ethischer Lebensanschauung voraus, frei von persönlichem und Standesegoismus. Wo sind diese selbstlosen Ethiker in jenem Lager? Die sozialdemokratische Partei erhofft sich von den nächsten Wahlen drei Millionen Stimmen; gäbe es wirklich überhaupt drei Millionen derartig ethisch veranlagter Männer, wie anders stünde es um Moral und Sitte, Treu und Glauben, Wahrheit und Recht im gesellschaftlichen Leben, in Handel und Verkehr! Wenn nun, abgesehen davon, die Jndustriaerbeiter eine Organisation bilden zur Verbesserung ihrer Standesiutereffeu und diese Organisation „Sozialdemokratische Partei" benennen, so ist das ihre Sache, in die wir uns vom jüdischen Standpunkt aus nicht einznmischen haben. Aber was haben die Singer, Wurm, Arons und Stadthagen in dieser Jndustriearbeiterorganisation zu thun?