Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 591 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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591 Beredsamkeit die religiöse Grundlage der Missionspredigt in Wort und That, den Neichthum der neuen Religion dar, indem er von ihr sagt: „Sie ist das Evangelium der Liebe und der Hilfleistung. Sie ist die Religion des Geistes und der Kraft, des sittlichen Ernstes und der Heiligkeit. Sie ist die Religion der Autorität und des unbedingten Glaubens, und wiederum ist sie die Religion der Vernunft und der Hellen Erkenntniß... Sie ist die Religion eines heiligen Buches. Was nur immer als Religion gedacht werden kann, das hat sie, ja das ist sie." Meint nun Herr Harnack nicht, daß man Wort für Word genau dasselbe auch vom Judenthum, vom damaligen Judenthum sogar, aussagen und wiederum Wort für Wort durch quellenmäßige Belege erhärten kann? Me Woche. Berlin, 10. Dezember üblich ist auch im Reichstag der Zolltarif gegen die Juden ausgespielt worden. Wir haben uns schon gewundert, daß dies nicht bereits früher geschehen, und daß Herr Liebermann v. Sonnenberg bis zur Sitzung vom 4. d. M. damit gewartet hat. Es scheint aber, daß der Versuch auch schon vorher gemacht wurde, daß er aber zuerst in der erwähnten Sitzung festgenagelt wurde. In welcher Weise dies vor sich gegangen, mag der genaue Bericht klarlegen. Nachdem der Abgordnete Stadthagen sich darüber beschwert hatte, daß von den Antisemiten während der Lärmszenen ihm das Wort „frecher Jude" zugerufen wurde, spielte sich folgende Szene ab: Abgeordneter Bebel: Ans allen Seiten des Hauses sind böse Ausdrücke in dieser erregten Debatte gefallen. Aus der Mitte der Antisemiten aber sind Ausdrücke gegen meine Parteigenossen Wurm und Stadthagen gefallen, wie sie stärker und niedriger in diesem Hause noch nicht erlebt worden sind. Abgeordneter Liebermann v. Sonnend erg sAntis.s: Der Abgeordnete Stadthagen hat sich über Handbewegungen auf der rechten Seite beschwert und betroffen gefühlt. Er darf nicht voraussetzen, datz die unnachahmliche Grazie, die seine Nasse seit Jahrtausende» angenommen hat, auf die rechte Seite des Hauses übergegangen ist. (Heiterkeit rechts. Glocke des Präsidenten. Vizepräsident Büsing: Sie dürfen nicht von einer Rasse spreche», der der Abgeordnete Stadthagen angehört. Abgeordneter Lieber mann v. Sonnenberg lfortsahrend): Ich habe in diesem Saale sehr oft Gelegenheit gehabt und das Recht, von Rasse zu sprechen, und ich glaube mein Recht beeinträchtigt, wenn ich das nicht darf. tGlocke des Präsidenten.) Vizepräsident Büsing: Von der Rasse eines hier anwesenden Abgeordneten haben Sie nicht zu sprechen, ich rufe Sie zur Ordnung. (Bravo.) Abgeordneter Liebermann v. Sonnenberg (korlfahrend): Ich werde das Wort Rasse in dieser Rede nicht mehr brauchen. Vizepräsident Büsing: Das verlange ich auch, und ich würde das auch nicht geduldet haben. Abgeordneter Liebermann v. Sonnenberg (fortfahrend): Der Abgeordnete Stadthagen hat provozirt, wenn er von der Erziehung im Pferdestall sprach, ohne daß er zur Ordnung gerufen wurde. (Sehr richtig! und lebhafter Beifall rechts.) Die Erziehung des deutschen Volkes ist eine andere als die des Volkes, dem er angehört. (Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Büsing: Der Abgeordnete hat aber nicht von der Erziehung im Pferdestall im Hinweis auf eines oder mehrerer Mitglieder des Hauses gesprochen. Abgeordneter Lieber mann v. Sonnenberg: Herr Stadthagen hat es damals als Feigheit bezeichnet, wenn sich der nicht melde, der Jude gerufen habe. Ich habe gedusen: „Sehen Sie nun, daß die Juden unser Unglück sind, da kommt ein Jude nach dem andern." Herr Bebel hat von, bösen Morten gesprochen, die von Antisemiten gerufen seien. Welche waren das denn, will Herr Bebel es nicht sagen? (Abgeordneter Bebel: Nun, Juden runter!) ,Ja, Herr Bebel, Jude ist in der Thät ein böses Wort in Deutschläü geworden. (Große Heiterkeit rechts.) - Aber doch wohl nur im Munde solcher Menschen, die es böse meinen. Wie antisemitische Blätter übrigens melden beabsichtigt Herr Liebermannjch. Sonnen borg mit Rücksicht auf die derzeitige Geschäftslage nicht Beschwerde gegen den Ordnungsruf einzulegen; er will jedoch bei der nächsten Gelegenheit, wenn der Präsident Graf Ballestrem oder der erste Vizepräsident Graf Stolberg den Vorsitz hat, den Ausdruck „Rasse" gebrauchen, und er ist überzeugt, daß dieser Ausdruck dann wie bisher als unverfänglich betrachtet und nicht mit einem Ordnungsruf belegt werden wird. Man will also den Präsidenten gegen den Vizepräsidenten ausspielen. Ob dies Vorgehen Erfolg haben wird, darf billig bezweifelt werden. 4. Die Petitiv nskvmmission des Reichstags hat am 3. d. M. sich mit der Eingabe von über hundert im öffentlichen Schuldienste stehenden jüdischen Lehrern befaßt, in der es hieß: „Der hohe Reichstag wolle dafür eintreten, daß die jüdischen Lehrerseminare, die zur Abnahme der Volksschullehrerprüfung und zur Ausstellung des Befähigungszeugnisses zum Lehramt berechtigt sind, auch das Recht zur Ausstellung des Zeugnisses über de» Nachweis der wissenschaftlichen Befähigung zum einjährigfreiwilligen Militärdienst erhalten, daß ferner dieses Besähigungszeugniß auch denjenigen jüdischen Lehrern und Schulamtskandidaten zu Theil werde, welche ihre Prüfung vor der Prüfungskommission eines staatlichen Seminars oblegen. Sollte die Gewährung dieser Bitte wider Erwarten nicht angängig erscheinen, so wolle hoher Reichstag den Herrn Reichskanzler zu einer Anweisung veranlassen, die den jüdischen Schulamtskandidatcn Mittel und Wege eröffnet, wie sic auch unter den obwaltenden Verhältnissen die Berechtigung zum einjährigfreiwilligen Militärdienst sich erwerben können." In der Sitzung der Petitionskommission führte zunächst der Regierungtzvertreter aus, die preußische Schulverwaltung sei augenblicklich mit eingehender Prüfung der Frage beschäftigt, nach deren Erledigung der Reichskanzler die Reichsschulkommission zur Beurtheilung einberusen werde; es empfehle sich also, die Petition als Material zu überweisen. Als Abgeordneter Schremps darauf hinwies, daß' auch mehrere christliche Privatsemiuare in Frage kämen, ergänzte der Regiernugsvertreter seine Ausführungen dahin: es werde zweifellos eine einheitliche Regelung für alle privaten Lehrerseminare (stattsinden. Wie das Urtheil ausfallen werde könne er jetzt freilich noch nicht sagen. Die Petition wurde dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen. Hoffentlich kommt die Sache nunmehr zu befriedigendem Abschluß. 4 Nachdem der lärmende Antisemitismus seit dem energischen Auftreten Waldeck-Rousseaus sich feig ins Loch verkrochen hat und die französischen Juden wenigstens vor pöbelhaften Insulten auf der Straße gesichert sind, finden sie nunmehr Muße, auch an die Zukunft und weise an die Zeit zu denken, wo unter einem anderen Ministerium die französischen Antisemiten bessere Geschäfte zu machen hoffen dürfen und wieder beginnen werden, auf den Pariser Boulevards neue Orgien zu feiern. Die französischen Juden haben daher beschlossen, einSchutzko m itee gegen antisemitische Angriffe zu gründen und zu diesem Behufs einen Aufruf an sämmtlichc Juden in Frankreich und Algier zu erlassen. Der Aufruf trägt die Unterschriften der Herren Aron, Mitglied des Central-