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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 590 (sequence 4)
Language
German
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bolle Befreiung der neuen Religion von der alten bedeutete, und der dem Judemhmn die Lösung der schon begonnenen Aufgabe, sich zur Weltreligion auszugestalten, entzog. In diesem Sinne hat die jüdische Feindschaft etwas Befriedigendes; sie half die beiden Religionen völlig von einander trennen und verstärkte, wenn es noch nöthig war, in den Heidenchristen die Gewißheit, daß ihre Religion eine neue Schöpfung darstelle, und daß sie selbst nicht nur die Zugelassenen zweiter Ordnung, sondern das neue Volk Gottes seieu, das an Stelle des alten getreten ist." Nur mit diesem Absatz können wir uns heute beschäftigen. Aber auch hier können wir nicht Schritt für Schritt den Spuren des großen Forschers folgen, sondern müssen dies unseren GelehrienT'rberlassen. Wir möchten nur die Mittelsätze herausgreifen, welche von der Feindschaft der Juden gegen das junge Lhristenthum handeln, weil schon diese wenigen Sätze von einem erstaunlichen Mangel an Objektivität zeugen. Wir sehen davon ab, daß man wohl einwenden könnte, Harnack schreibe den Inden in jener Zeit einen Einfluß zu, den sie tatsächlich niemals besessen haben, am allerwenigsten damals. Doch das wäre ja keine Widerlegung, wenn man bedenkt, daß Harnack für jeden einzelnen seiner Sätze einen Zeugen stellt. Aber was sind das für Zeugen? Zunächst die Apostelgeschichte, dann Justin Martyr, Tertullian, Origenes, Eusebius. Schon M. Joel hat in seinen „Blicken in die Religiousgeschichte" über diesen Punkt gesagt: „Wer in orthodoxer Weise die Apostelgeschichte für eine nicht blos theologisch bedeutsame, was sie in allen Wegen ist, sondern zugleich für eine historischverläßliche Quellenschrift ansieht, ist sicherlich berechtigt", auf Grund derselben von einer Feindschaft des offiziellen Judenthums gegen die Jünger Jesn zu reden." Wer aber die Apostelgeschichte so zu betrachten gezwungen ist, wie dies die deutsche Wissenschaft seit Eduard Zeller gelehrt hat, der weiß ganz genau, daß der Verfasser der Apostelgeschichte das Judenthum und die Ereignisse in Palästina schlecht kennt, daß er mit dem Original des alten Testaments nicht vertraut ist, daß er die Tendenz hat, alles hervorzuheben, was den Römern günstig und den Juden ungünstig ist, daß die historische Treue für ihn eine gleichgiltige Sache ist. Und dies ist die Hauptquelle für Harnacks Ansicht von der Feindschaft der Juden gegen die Christen! Es gilt hier genau dasselbe, was Joel seiner Zeit gegen Renan gesagt .hat. Er erkennt die Mängel der Apostelgeschichte als eine historische Quelle genau an, aber er nimmt doch nicht den geringsten Anstand, trotzdem zu erklären, daß die Juden vor der Zerstörung Jerusalems die wahren Verfolger der Christen gewesen seieu. Genau so macht es Harnack. Es war im zweiten Jahrhundert eine litterarische Nothwendigkeit nachzuweisen, daß die gräßlichen Anschuldigungen, welche heidnische Niedertracht gegen die Christen ersonnen (nämlich Kindermord und blutschänderische Orgien), auf die Juden als Urheber zurückzuführen seien. Wir citieren wiederum die lichtvollen Ausführungen Joels. „Wer Justin kennt, und wer Tertullian kennt, weiß, was von der Behauptung zu halten ist, daß die Juden durch ausgesaudte Agenten das Christenthum verlästert hatten, und was die Behauptung beider werth. ist, daß die Juden die Urheber der Infamie gewesen, mit deri das, Heidenthum die Christen zu brandmarken suchte. Nicht die leiseste Spur in einer jüdischen Quelle läßt sich Nachweisen, die zu einer solchen Behauptung den Anstoß bietet." Wenn nun Harnak den Spuren Justins oder Tertulliatt oder der Apostelgeschichte kritiklos nachfolgt, hatte er dann nicht wenigstens die Pflicht, auch die gegenthellige Ansicht anzuführen und sich mit den obigen Behauptungen Joels auseinanderzusetzen? Das Schlimmste aber, was er in dieser Bezeichung leistet ist der Zusatz von der neronischen Christenverfolgung. „Sie haben — wenn nicht alles täuscht — die neronische Christenhetze inspiriert." Und wenn nun all es täuscht, wird HerrHarnack dann seine Behauptungen widerrufen? Und hatte er wohl eine Ahnung, als er jene Zeilen niederschrieb, wie gefährlich es sei, solche Behauptungen aufzustellen, wenn man nicht den Beweis dafür erbringen kann? Es soll uns gar nicht wundern, wenn in einer der nächsten antisemitischen Versammlungen Ahlwardt oder Pückler über die Juden als Urheber der neronischen Christenhetze sprechen und sich dabei auf Harnack berufen werden. Gerade darum ist es aber durchaus nothwendig, diesen Behauptungen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Im Grunde genommen war der Erste, der jene Behauptung aufstellte, kein Geringerer als Ernst Renan, doch er fügte ehrlich genug selbst hinzu, nachdem er alle Verdachtsgründe zusammengestellt: „Aber genügt das alles, um eine glaubhafte Vermuthnng zu wagen? Darf man wirklich dem Haß der Juden gegen die Christen diese wilde Laune zuschreiben, welche die harmlosesten Menschen den gräßlichsten Strafen aussetzte?" Herr Harnack hat die Frage Ronans beantwortet; für ihn genügten diese paar zusammengelesenen Notizen durchaus, um jene Bermuthung zu wagen, für ihn genügte es, daß die Kaiserin PoPPäa den Juden günstig war, daß in Rom ein berühmter jüdischer Schauspieler lebte, daß man in den dortigen Katakomben das Grab einer jüdischen Tragödin gefunden habe, um daraus den Beweis herzuleiten, daß die Inden am Hofe des Kaisers angesehen und einflußreich waren. Er geht auf die neuesten Forschungen gar nicht ein, er erwähnt nicht, daß Hermann Schiller und C. F. Arnold in gründlichen Untersuchungen das Gegentheil nicht nur behauptet, sondern nahezu festgestellt haben. Es ist ihm ganz gleichgiltig, daß der letztere sehr vorsichtige und besonnene Forscher ausdrücklich erklärt : „Nicht die Inden, sondern christliche Häretiker scheinen der römischen Polizei bei der Verfolgung als Angeber gedient zu haben." Das alles interessirt ihn nicht, er giebt auch nicht einmal eine Quelle sür seine Behauptungen au, sondern er sagt: „Wenn nicht alles trügt!" Ju der That, Harnack ist hier viel zu genügsam, wo es sich um die schwerwiegende Frage handelt: Ist das wirklich so, und kann ich es quellenmäßig belegen? Hätte nicht Harnack auch hier die Gelegenheit ergreifen sollen, sich mit Joel auseinanderzusetzeu, der bei dieser Gelegenheit bemerkt: „Welchen Anlaß hat ein ehrlicher Forscher, die Juden hier in einen Gegensatz zu den Christen zu bringen und sie als die Denunzianten zu bezeichnen? Tacitus, der doch die erste Quelle ist, giebt zu einem solchen Verdacht nicht das leiseste Recht, sagt vielmehr ausdrücklich, daß die zuerst ergriffenen Christen die anderen angegeben hätten." Harnack aber meint: „Wenn nicht alles trügt!" Wir haben nur diese eine Probe aus dem Buche von Harnack herausgegriffen und müssen es, wie schon bemerkt, den Fachmännern überlassen, auch die anderen Angaben des gelehrten Werkes in Bezug auf seine Stellung zum Judenthum genau zu prüfen. Nur eine Bemerkung sei uns noch gestattet. Harnack stellt im zweiten Buch mit der ihm eigenen hinreißenden

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