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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-12 · Heft 50 (12.12.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 50 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Kr. ^8 Berlin, 12. Aezemder 1962 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis. Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Plhttippson-Sonri Verlags-Expedition: Berlin, Äerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag Der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/4S zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Inhalt. Leitartttelr Wider Harnack. — Die Woche. — kei-xtztuum rnodile. Von Siegmund Fischer in Frankfurt a. M. Hieronvmus Ldrm. (Ein Nachruf.) — Ausgrabungen in Palästina. Von Professor Dr. Ernst Sellin in Wien. — Keutttetonr Issajka. Von K. Stanjukowicz. AuS dem Russischen von Alexandra Romm. V. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Königsberg, Aus der Provinz Posen, Breslau, Bad Ems, München, Wien. — Don Nah nnd Kern. -- Geschäftliche Notiz n. Wider Harnack. Berlin, Dezember. in neues Buch von Harnack ist immer ein Fest für die Kreise der Wissenschaft, der dieser große Forscher seine Kräfte gewidmet hat. Wir können allerdings nur mit getheilten Empfindungen an ein solches Werk Herangehen, denn wir wissen, daß Harnack dein Judenthum gegenüber nicht immer die reine Objektivität bewahrt hat, die man seinen Arbeiten sonst mit Recht nachrühmt. Auch wir bewundern den genialen Scharfsinn, den großen Fleiß dieses Gelehrten, auch wir freuen uns an der schöneil Darstellungsgabe des gefeierten Schriftstellers, aber um so tiefer ist unser Schmerz darüber, daß er nicht frei ist von jener Befangenheit, die die christliche Theologie uns gegenüber seit jeher an den Tag legt. Bei dem großen Ansehen, welches Harnack nicht nur in gelehrten Kreisen genießt, ist es für uns eine unerläßliche Nothwendigkeit, seinen Spuren aufmerksam zu folgen, und unseren Gelehrten erwächst die Pflicht, ihn Schritt für Schritt zu widerlegen. Auch das neueste Buch von Harnack bietet hierzu reichlichen Anlaß. Wie wir die Ersten waren, die die Gefahr signalisirten, welche aus seiner Arbeit über das Wesen des Christenthums für uns erwächst, so möchten wir auch heute zuerst und gerade an dieser Stelle aus sein neuestes Werk die Aufmerksamkeit hinlenken. Das Buch von Harnack führt den Titel: „Die Mission und Ausbreitung des Christenthums in den ersten drei Jahrhunderten." Es ist natürlich, daß er in einer solchen Arbeit auch auf das Judenthum zu sprechen kommt. Die Art und Weise, in der dies geschieht, ist weder eine freundliche noch objektive. Die erstaunlich schnelle Verbreitung, die das Christenthum in den ersten drei Jahrhunderten genommen, hat schon von jeher die Theologen und Historiker beschäftigt. Gibbon und Lessing haben darüber gesprochen. Die Arbeit Harnacks faßt alles zusammen und giebt ein übersichtliches Bild dieser Entwickelung. Schon in der Eiilleitung handelt er vom Judenthum, seiner Verbreitung und „Entschränkung", und der erste Satz seines Buches lautet: „Die Synagoge»: in der Diaspora sind nicht nur, wie Tertullian bezeugt, die „t'ontos psrseeutionum" für die jugendliche Christen, heit gewesen, sondern zugleich auch die wichtigste Voraussetznug für die Entstehung und das Wachsthum christlicher Gemeinden im Reiche. Das Netzwerk der Synagogen stellt die Mittelpunkte und Linien der christlichen Propaganda im Voraus dar. Die Mission der neuen Religion, im Namen des Gottes Abrahams und Moses unternommen, fand bereits ein für sie bestelltes Feld." Schon dieser erste Satz ist nicht ganz objektiv, denn Tertullian hat nicht blos die Synagoge „die Quellen der Verfolgung für das jugendliche Christenthum" genannt, sondern er hat auch ausdrücklich bezeugt, daß dieses nur 8ulr umbiaeulo lieitao rstiAioniL, d. h. unter dem Schirmdach einer anerkannten Religion sieh hat entwickeln können. Die Thatsache, daß die Ausbreitung des Judenthums dem Christenthum den Weg bereitet hat, ist bereits bekannt. Harnack hat sogar, wie uns scheinen will, viel zu wenig Gewicht auf diese jüdische Propaganda gelegt. Aber das ist es nicht, womit wir uns eigentlich beschäftigen »vollen. Wir wollen vielmehr nur eine einzige Stelle aus den» fünften Kapitel seines Buches, das den Uebergang von der Judenzur Heidenlnission darstellt, ertvähnen. Harnack spricht dort von Paulus und sagt wörtlich: „Paulus, der Pharisäer, hat das Volk Israel und die Religion Israels in der Geschichte entthront; er hat das Evangelium von dem jüdischen Boden losgerissen und auf den Boden der Menschheit verpflanzt. Kein Wunder, daß die volle Reaktion des Judenthums gegen das Evangelium nun erst begann, die Reaktion der Juden und der Judenchristen. Die Feindschaft der Juden zeigt jedes Blatt der Apostelgeschichte von» 13. Kapitel an. Sie haben das Werk des Paulus unter den Heiden auf Schritt und Tritt zu hemmen gesucht; sie haben die Massen und die Obrigkeit in allen Ländern aufgehstzt; sie haben die furchtbaren Vorwürfe gegen die Christen, die schon im Zeitalter Trajans eine Rolle spielte»», systematisch und offiziell in die Welt gesetzt und die Verleumdungen über Jesus ausgebracht; sie haben den heidnischen Christenfeinden das litterarische Material geliefert; sie habe»» — wenn nicht alles täuscht — die neronische Christenhetze inspirirt uud fast überall beiden späteren blutigen Verfolgungen imHintergrunde oder in» Vordergründe der Aktion gestanden - tont«« persscutiouum nennt Tertullian die Synagogen; sie haben das Hridenchristenthum, das sie doch gar nichts anzugehen schien, instinktiv als ihren eigentlichen Feind empfunden. Die Juden thaten, was sie mußten; sie beschleunigten den Prozeß, der die

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