Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228523--59282-3295788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Hynagogengemeinde an. — Der unter Leitung des Oekonomieraths Gold stein in Ostrowo bestehende Holzverein „Ez Chajim" begeht in Kurzem das Jubiläum seines 75 jährigen Bestehens. Der Verein verfügt über ein Vermögen voll nahezu 3000 Mark und zählt 72, darunter drei immerwährende Mitglieder. — Bankier Aron so hn in Bromberg ist zum Provinziallondtagsabgeordueter gewählt worden. f. Hannover, 28. November. Am 4. d. M. beging Herr Bernhard Löwen st ein, das langjährige verdiente Mitglied des Repräsentantenkollegiums der Synagogengemeinde und Vorstandsmitglied vieler wohlthätigen Vereine derselben, seinen siebzigsten Geburtstag, an welchem ihm vielfache Ehrungen seitens seiner Kollegen und zahlreichen Verehrer bereitet wurden. Von Herrn Landrabbiner Dr. Gronemann wurde dem Jubilar der Chower-Titel verliehen, Vorstand und Repräsentanten der Gemeinde widmeten eine prachtvolle Adresse, der Wohlthätigkeitsverein, für dessen erhabene Bestrebungen der Gefeierte seit 27 Jahren als Mitglied und seit 18 Jahren als Vorsteher unermüdlich thätig ist, gleichfalls eine Adresse, ebenso die Zion-Loge und der Seminaristen-Unterstützungsverein, der Vorstand des Krankenhauses und der Altersversorgungsanstalt einen herrlichen Pokal. In allen bei Ueberreichung dieser Ehrenbezeugungen durch den Herrn Landrabbiner sowie Herrn Seminardirektor Dr. Knoller und die Vorsteher der verschiedenen Institutionen gehaltenen Ansprachen wurde die rastlose, segensreiche Wirksamkeit des Herrn Löweustein besonders hervorgehoben. Durch die Schüler des Talmud-Thoravereins, der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem und die Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer wurde der Jubilar durch Gesangsvorträge erfreut. Möge Herrn Löwenstein an der Seite seiner verehrten Gattin ein heiterer Lebensabend beschieden und es ihm noch viele Jahre vergönnt sein, in bisheriger Frische sich seinen gemeinnützigen, edlen und menschenfreundlichen Bestrebungen widmen zu können. 1^. Hannover, 1. Dezember. Seit mehreren Jahren besteht hier ein Mädchenheim, das, ohne mit groben Versprechungen nnd Anpreisungen in die Oeffentlichkeit sich zu begeben, viel Gutes in bescheidener Stille gewirkt hat. Die Vorsteherinnen des Instituts, Frau I. Hirsch, Frau Kommerzienrath G. Herzseld, Frau D. Fridberg und Frau E. L. Meyer, haben es sich zur Aufgabe gemacht, junge Mädchen aus der Stadt Hannover ganz frei, von außerhalb gegen geringe Vergütung mehrere Jahre bis zur völligen Ausbildung in ihr Heim aufzunehmen. Die Mädchen können, nachdem sie die Schule verlassen, auf Wunsch noch früher Aufnahme finden. Wer jemals einen Blick in das Elend geworfen hat, das sich leider in mehr jüdischen Familien in der Großstadt, als man glaubt, findet, der kann ermessen, wie nützlich, ja, wie dringend nothwendig ein solches Heim ist. Die meisten Mädchen werden, wie bekannt, wenn sie die Schule verlassen haben und einen Beruf ergreifen wollen, Ladenmädchen; der größte Theil dieser halbwüchsigen Mädchen ist aber sehr schlecht ernährt, und die Folge für viele ist Krankheit und Elend. Im Mädchenheim dagegen lernen sie sich später als Hausfrauen bethätigen zu können und sind nach einigen Jahren in der Lage, als Köchin u. s. w. in ehrenvoller Weise ihren Unterhalt zu erwerben, ohne auf eine Verheiratung direkt angewiesen zu sein. Die Damen des Vorstandes haben alles gethan, den Mädchen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, ohne sie an prunkvolle Umgebung, wie man sie leider in letzter Zeit vielfach in Instituten ähnlicher Art bemerkt, zu gewöhnen. In einer ruhigen Straße ist eine geräumige Etage, parterre, gemietet, die einfach, aber behaglich ausgestaltet ist. Wohlthuend berührt die peinliche Sauberkeit, die in allen Räumen herrscht, und die bescheidene, ruhige Art, mit der die Mädchen, die angewiesene Arbeit kennend, ihrer Beschäftigung nachgehen. Die Zöglinge werden in allen Arten der häuslichen Arbeiten unterrichtet, und ein hübscher Garten dient zur Erholung und kann benutzt werden, die Mädchen im Gemüseanbau zu unterweisen. Merkwürdig und kaum zu verstehen ist es, daß dieses gemeinnützige Institut, dem man nicht genug Aufmerksamkeit^ schenken kann, so wenig Beachtung in unserer Gemeinde findet. Hoffentlich werden größere Kreise einsehen, welchen Segen dieses Mädchenheim in Hannover vielen armen Kindern bringt, und wie nothwendig es ist. und werden mit Rath, und was sehr zu wünschen wäre, mit der That zur Hebung desselben beitragen. §. Homlmrg, 30. November. Die „Neue Hamburger Zeitung" vom Sonnabend, den 15. d. M. und das „Hamburger Fremdenblatt" vom Dienstag, den 18. d. M. bringen aus der Feder der Fachredakteure eine Besprechung der neuesten Gemäldeausstellung im hiesigen Kunst* salon von Lonis Bock L Sohn und darin unter anderem ein höchst interessantes Urtheil über einen Glaubensgenossen, den hiesigen Kunstmaler Daniel Lewen stein. Wir dürfen uns beglückwünschen, zu der erfreulich großen Anzahl aufstrebender jüdischer Talente, welche sich in letzter Zeit die Anerkennung einer vorurtheilsfreien Kritik errungen haben, einen neuen Zuwachs verzeichnen zu können. Jsaac Lewenstein, ein Bruder des Haager Oberrabbiners, wird, so hoffen wir, seine Vertrautheit mit dem jüdischen Milieu, vor allem dem seiner holländischen Heimath, welche so vielen bedeutenden Künstlern treffliche jüdische Sujets geliefert hat, recht bald dazu verwenden, das Gebiet der jetzt sogenannten jüdischen Kunst anzubauen, jener Kunst, welche es versteht, jüdische Motive mit intimem Verständniß und inniger Herzenswärme wiederzugeben. Nach Lewensteins bisherigen Arbeiten, welche neben tüchtiger Zeichnung besonders Feinheit der Farbe erkennen lassen, hegen wir die Ueberzeugung. daß er auch jüdische Gegenstände mit gleichem Erfolg behandeln wird, zumal einzelne frühere Leistungen von ihm auf diesen» Gebiete zu solchen Hoffnungen berechtigen. (D Trier, 30. November. Eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung traf der hiesige Bezirksausschuß. Die in dem Hochwaldflecken Rhauu en ansässigen Israeliten haben sich in einer Religionsgenossen schaft vereinigt. Als Zweck des Zusammenschlusses besagt das Statut: „Der israelitische Verein hat den Zweck, einen Zusammenschluß der Israeliten hiesigen Ortes herbeizuführen zur Regelung der Schulunterhaltung, zur Erwerbung eines Bauplatzes und Erbauung einer neuen Synagoge." Zur Erlangung der Rechte einer juristischen Person im Sinne des H 61 des Bürgerlichen.Gesetzbuches beantragte der Vorstand die Eintragung der Vereinigung in das Vereinsregister beim Amtsgericht Rhaunen. Dagegen erhob der Landrath zu Bernkastel mit der Begründung Einspruch, daß eine Eintragung der Neligionsgenossenschaft nicht zulässig sei, weil der Verein einen religiösen Zweck verfolge. Die von der „Israelitischen Religionsgenossenschaft" hiergegen erhobene Klage wurde vom Bezirksausschuß mit der gleichen Begründung abgewiesen. ----- Wiesbaden, 30 November. Am 9. d. M. hielt Herr Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. Silberstein im Synagogen-Gesangverein einen einstündigen Vortrag. In fesselnder Weise zeigte der gefeierte Redner zunächst die historische Entwickelung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", sprach über dessen Einrichtungen und zuletzt über deu jüngsten Gemeinde- und Verbandstag und die Eindrücke, welche er (Redner) auf demselben empfangen hatte. Aus Anregung des Herrn Rabbiners, welchem für seinen wohldurchdachten Vortrag lebhafter Beisall gezollt wurde, wird sich demnächst innerhalb des genannten Vereins eine Sektion bilden, welche sich die Pflege der Jüdischen Geschichte und Litteratur zur besonderen Aufgabe stellt. o. Mannheim, 27. November. Merkwürdige Dinge berichten hiesige Blätter seit einigen Wochen aus den Kreisen unserer größeren Handelsherren. Im Laufe dieses Sommers wurden von unserer Handelskammer die Handelsrichter für das nächste Jahr vorgeschlagen. Unter den vorgeschlagenen Kandidaten befanden sich, wie bei der Zusammensetzung der in Betracht kommenden kaufmännischen Kreise leicht erklärlich, mehrere Israeliten — natürlich durchweg hochangesehene Kanfleute und unantastbare Ehrenmänner. Wer begreift das Erstaunen unserer Handelskammer, als bei Zurückkunft der Liste aus Karlsruhe die Namen der Kandidaten israelitischer Konfession durchweg ausgefallen waren? Eine Anfrage bei dein Herrn Justiz, minister ergab das befremdliche Resultat, daß im Justizministerium, das in diesen^Dingen durchaus korrekt auf dem verfassungsmäßigen Boden steht, die Streichung nicht erfolgt war. Vielmehr hatte das hiesige Landgericht mit seiner beachtlichen Vorlage sich für die Streichung ausgesprochen. Wer aber glaubt, daß unsere Handelskammer sich nun geweigert hätte, andere Kandidaten vorzuschlagen, der kennt ihren Herrn Vorsitzenden schlecht. Eine neue Liste wurde aufgestellt; sie soll dem Vernehmen nach keinen Israeliten enthalten. Oesterreich - Ungarn. LH Wie«, 1. Dezember. Die Wahlen in den Vorstand der Kultusgemeinde haben stattgesunden. Nach all dem Geschrei und der ziemlich wüsten Agitation, die vorher stattgefunden, war die Betheiligung keine allzugroße. Die Kandidaten des zionistischen Komitees sind sämmtlich durchgefallen. Zwischen ihrem ersten und dem letzten