Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Beerdigung. Das Gotteshaus der Reformgemeinde, war aufs Würdigste geschmückt; in der Mitte vor dem Altar unter einer Fülle von kostbaren Blumen und Palmenarrangements hatte der Sarg Ausstellung gefunden. Prediger Dr. Levin, der langjährige Freund des Mindersischen Hauses, widmete dem Todten die tiefempfundene und ergreifende Trauerrede. Unter Zugrundelegung des Psalmistenwortes: „O daß ich doch mein Leben lang Ln Gottes Hause wohnen dürfte, um seine Huld zu schaueil, aufzuwarten in seinem Heiligthum", führte der Redner aus, daß das Gotteshaus die geistige Heimath des Verblichenen gewesen sei, in der er seine geweihtesten Stunden leben wollte. Jene trübselige Weltbetrachtung, die sich nirgends zurechtfinde, alles, was das Gemüth beschwert und mit bangell Zweifeln erfüllt, habe er abgelehnt, und so habe sich ihm die Huld Gottes offenbart, die eine beständige Rechtfertigung seines Lebens gewesen sei. und die er preisend im Gotteshause habe verkünden wollen. Im Weiteren schilderte der Redner die großen Verdienste, die der Tobte als Mitglied des Vorstandes sich um die Reformgemeinde erworben bat. Er habe sich niemals neuen Anforderungen verschlossen, wenn sie ihm unerläßlich schienen, er hatte Pietät für das Vergangene und Verständniß für das Werdende, und unvergessen müsse es ihm bleiben, daß er der Neugestaltung des Gebetbuches und des Kultus jugendfrische Zustimmung habe zu Theil werden lassen. Mit treusorgender Liebe habe er sich besonders der Jugend angenommen, und feiner Anregung sei mit zu danken die Einrichtung eines Jugendgottesdienstes an dieser Stätte, des ersten tu dieser Stadt überhaupt. Länger als 40 Jahre habe er sich dem Dienste der Gemeinde gewidmet, bei allem Wandel der Einrichtungen, bei allem Wechsel der Persönlichkeiten sei er wie eine unverrückbare Säule stehen geblieben als ein Wahrzeichen und zuverlässiger Zeuge von der Lebenskraft der Neformgemeinde. Sein eigenes Heim habe der Todte auch zu einem Gotteshause gestaltet; von diesem Hause, in welchem er an der Seite einer zärtlich liebenden, edlen Gattin, eines heißgeliebten, einzigen Sohnes gelebt, sei die Harmonie seines Wesens ausgegangen, ein treues Bild jenes innigen jüdischen Familienlebens, wie es Dichter und Künstler schon ost verherrlicht hätten. Die Trauer und der Schmerz, die der Redner als Freund des Verblichenen in seine Worte legte, theille sich allen Zuhörern mit und übte auf dieselben einen ergreifenden, nachhaltigen Eindruck aus. Alsdann wurde die irdische Hülle des Todten nach Weißensee überführt. In der Leichenhalle sprach Prediger Dr. Klemperer in kurzen, warmen Worten den Hinterbliebenen Trost zu. Herr Dr. Oppenheimer sprach das Gebet für das Seelenheil ,des Verewigten, während an der offenen Gruft Herr Dr. Jelski das übliche Gebet verrichtete. Dann rollte die letzte Scholle Erde aus die sterbliche Hülle des thenren Todten. Möge ihm die Erde leicht sein, deckt sie doch diesmal einen der besten Menschen, die sie getragen! --- Berlin, 1. Dezember. Ein ganz eigenartiges Konzert zum Besten des „Israelitischen Volkskindergartens" veranstaltete am 24. v. M. der Chordirigent der neuen Synagoge, Herr A. Kellermann. Wie das ausführliche, den hebräischen Text nebst Uebersetzung enthaltende Programm besagte, sollten ältere, zum Theil vergessene, traditionell liturgische Kompositionen zu Gehör gebracht werden. Da die Musikaufführung die erste dieser Art war, läßt es sich nicht beurtheilen, ob und inwieweit die Mehrzahl der vorgeführten Gesänge ihren wenn auch bescheidenen Platz in einem derartigen Konzerte behaupten werden. Im Uebrigen hat uns die Tradition nur Melodien, nicht aber Chöre übermittelt, da diese das Bestreben, die Form des jüdischen Gottesdienstes ansprechender und anmuthiger zu gestalten, zum Ursprung haben und demgemäß neueren Datums sind. Allerdings kannte auch der ältere jüdische Gottesdienst die dem Chore annähernd entsprechende Institution der „Meschorrerim", des „Baß und Singers". Die mehrstimmigen Chöre aber sollten dem Gottesdienste eine feste Grundlage geben; ihre Melodien sollten Eigenthurn der Gemeinde werden und diese an eine mehr aktive Betheiligung an dem Gottesdienste allmälig gewöhnen. Aus diesem rein praktischen Bedürfnisse heraus sind die bedeutenden Chorwerke der Naumburg, Sulzer, Bär, Weiutraub und Lewandowski entstanden; allein auch andere Kantoren, die neben ihrer reichen Erfahrung über die erforderlichen musikalischen Fähigkeiten verfügten, schrieben Synagogalgesänge von mehr oder minder musikalischem Gehalt, so daß heutzutage wohl kaum in drei deutschen Synagogen die gleichen Chormelodien erklingen. Herr Kapellmeister Kellermann hat nun die Aufgabe, musikalisch werthvollere Synagogenmusik in einer bem modernen MusikempMden angepaßten Form zu Gehör zu bringen, mit großer Energie und mit musikalischem Feinfinn gelöst. Bei der Beurtheilung der Leistungen muß man sich vergegenwärtigen, daß dem Dirigenten nicht ein jahrelang geübter Verein, sondern ein sä koe zusammengesetzter Gesangchor zur Verfügung stand; derselbe zeigte sich seiner schwierigen Aufgabe trotzdem gewachsen. Die Intonation war durchweg rein, die rhythmischen und dynamischen Schattirungen waren aufs Sorgfältigste herausgearbeitet, — eine anerkennenswerths Leistung, wenn man bedenkt, daß der Chor ca. l?/2 Stunden ohne Pause zu singen hatte. Die Melodien der Eisenstädtschen Sammlung sind sehr interessant; Nr. 3 litt an einer gewissen Monotonie der Nesponsen. Die glänzende Stimme Alexander Heinemanns that alles Mögliche, um wenigstens die Solomelodie einigermaßen eindringlich zu gestalten. Sehr frisch und prägnant war Nr. 4, Lol bauosekamräi von Lidarti (1760). Dieses Stück besteht aus einem imitatorisch gehaltenen Vordersätze und einem im flotten Dreiachteltakte geschriebenen Finale mit reicher Koloratur, und wurde von Frau Sophie Heimann-Engel mit klarer Technik und sympathischer Stimme vorgetragen; die Begleitung hatte ein kleines Dilettanten-Streichorchester übernommen, an der Orgel war Herr B. Jrrgang. Nr. 5 brachte die traditionelle Weise des „Hoäu laäonoj" in der Bearbeitung von Professor Fleischer; die übrigen Chöre waren von Herrn Kellermann harmonifirt und in der Begleitung dem Charakter der Melodie verständnißvoll angepaßt. Die Nummern 6 und 8 entstammen einer Sammlung älterer Synagogengesänge des Vaters des Dirigenten; besonders eigenartig war eine hier sonst wohl nie gehörte Melodie des „Dbasebaukor Aoäaul" (Heinemann). Die Tenorpartie lag in den Händen des Herrn Werner Albert!, der als bewährter Mascagm-Jnterpret sich in der Rolle des Turridu augenscheinlich wohl er gefühlt hätte. Der gesangliche Theil schloß sehr wirksam mit dem großen „Hoäu Isäonoj" von Hal6vy; das von Frau Heymann-Engel, den Herrn Heinemann und Alberti gesungene Terzett brachte eine wohlthuende Abwechselung in die über eine gewisse Stimmungshomogenität sich nicht erhebenden Gesäuge der Eisenstädtschen Sammlung. Für den ausgefallenen „Kaddisch" (Nr. 2) spielte Herr Hofcellist Grünfeld eine schwermüthige hebräische Melodie (komponirt^von Kellermann). Herr Grünfeld trug auch Lol uiärs vor. Wer an die bekannte Bearbeitung dieser herrlichen Elegie von Bruch gewöhnt ist, empfindet zugleich, wie willkürlich der Bearbeiter sich von der alten Melodie entfernt hat; um so freudiger war die Idee zu begrüßen, die traditionelle Weise durch Meister Grünfeld zu Gehör zu bringen. Es hätte jedoch nichts geschadet, wenn das Stück eine Terz höher geschrieben wäre, da die aus den tiefen Saiten etwas schnell gespielten Passagen den Eindruck des herrlichen Spiels einigermaßen beeinträchtigten. — Alles in allem war die Auflührung wohlgelungen; das überaus zahlreiche Publikum zeichnete den Dirigenten, den Chor und die Solisten durch reichen Beisall aus. Hermann Cohn. — Danzig, 28. November. Der Danziger Lehrerverein hielt am 22. d. M. im „Kaiserhos" seine 18. Sitzung ab. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten hielt Herr Lehrer Friedländer einen fesselnden Vortrag über „Moses Mendelssohn, sein Leben und Wirken". Redner beleuchtete eingehend die soziale Stellung des Judenthums zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung, die ihren Grund hatte theils in den gegenseitigen Vorurtheilen zwischen Juden und Christen, zum größten Theil aber in der Abgeschlossenheit und in dem einseitigen Bildungsgänge des jüdischen Volkes, bis demselben in einem zweiten „Moses" ein Helfer. Retter und Führer erwuchs — der Befreier aus der geistigen Knechtschaft. In klaren Bildern ließ der Vortragende Mendelssohns Leben, seine Jugend, sein Streben nach geistiger Bildung uud geistiger Freiheit, sein Wirken im Freundeskreise mit Lessing und Nikolai und auf wissenschaftlichem und philosophischem Gebiete, den „Phaedon" an dem geistigen Auge der Zuhörer vorüberziehen, er wies endlich nach, wie er dadurch, daß er den Juden in Bildung, Wissenschaft und ernstem Streben und durch seine Bibelübersetzung die Mittel gab, in das Kanaan des Geistes zu gelangen, in Wahrheit der Befreier der Juden wurde. Reicher Beifall dankte dem Redner. Lp. AuS -er Provinz Posen, im November. Im Alter vor» 65 Jahren ist der Kaufmann Hermann Neustadt in Jeratsche wo gestorben. Derselbe war längere Zeit Magistratsmitglied und Kämmerer daselbst und gehörte auch dem Vorstande der dortigen