Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228523--59283-3295789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 Kandidaten der anderen Parteien ist ein Unterschied von fast 2000 Stimmen. Die meisten Stimmen hatte Architekt Fleischer, nämlich 4464. Als trauriges Kuriosum theile ich Ihnen aus der Zeit der Wahlagitation eine statistische Uebersicht mit. die ein Vorstandsmitglied über die In den lausen in Wien gegeben hat. Es fanden statt: Im Jahre 1898 472 Austritte und 142 Eintritte 1899 565 153 1900 627 126 1901 613 „ 185 1902 555 „ 135 Dabei bitte ich zu berücksichtigel:, daß ungefähr die Hälfte der Austritte sich auf Personen bezieht, die von auswärts zu vorübergehenden: Aufenthalte nach Wien kommen und hier ihren Austritt bewerkstelligen. — Vor dem Gericht in Brü x spielt sich jetzt der Prozeß Wolf-Schalk ab, und im Laufe dieser Verhandlung wird derartig viel Schmutz zu Tage gefördert, daß man sich erstaunt fragen möchte: Und das sind jene Moral- und Sittenprediger, die es wagen, von jüdischer Korruption und von jüdischer Geldgier den Mund voll zu nehmen, sie. die selbst vor keinem unlauteren Schritte Halt machten, insofern ihnen aus demselben ein materieller oder anderweitiger Gewinn erwuchs! Zumeist jedoch bedeckt der Mantel der Heuchelei und Bigotterie ihre erbärmlichen Handlungen; gelangt aber irgend etwas von diesem Treiben an die Oeffentlickikeit, wird es endlich einmal den Befangenen die Augen öffnen über die Moralbegriffe von Dentsch-Volklichen-Alldentschen-und Antis im Allgemeinen! — An: 25. v. M. Morgens sind abermals mehr als 170 rumänische Emigranten in Wien eingetroffen, die nach erfolgter Intervention der „Israelitischen Allianz und nach wenigen Stunden der Nutze weiterbesördert wurden, nachdem sie bereits zwei Tage unterwegs waren. In den Gruppen befanden sich 35 Männer, 48 Weiber und der Nest waren Kinder. — Hier ist Herr Simon Waldstein, Hosoptiker des deutschen Kaisers, desKönigs vonJtalieu und Spanien Hoflieferant, im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Verblichene gehörte einer alte" angesehenen jüdischen Familie an, die aus Bayern hierher kam, sich hier ansiedelte und ein blühendes Unternehmen leitete. — Der Privatdozent Dr. Julius Landsberger wurde zum außerordentlichen Uuiversitätsprofessor ernannt. Großbritannien. O. London, 20. November. In den ersten Tagen des November hat Mr. Herbert Samuel, ein Neffe des bekannten Sir Samuel Montagu, im Uorkshirer Wahlkreise Cleveland seinen konservativen Gegenkandidaten Geoffrey Drage mit einer Majorität von 2056 Stimmen geschlagen und ist mit 5854 Stimmen als Liberaler ins Unterhaus gewählt worden. Da er als ein hervorragender Organisator der liberalen Partei gilt, wurde er sowohl bei den Hauptwahlen im Jahre 1895 als auch bei einer Nachwahl im Jahre 1900 von seiner Partei als Kandidat, jedesmal aber ohne Erfolg, aufgestellt. Diesmal ist es ihm aber gelungen, seinen konservativen Gegenkandidaten zu schlagen und als zehnter Jude in das englische Unterhaus einzuziehen. Bezeichnend für die Stellung der Juden in England ist, daß diese als Mitglieder des Unterhauses in beiden Lagern vertreten sind, und daß entsprechend der zur Zeit in England herrschenden Stimmung von den zehn jüdischen Mitgliedern des Unterhauses sich sieben im konservativ-unionistischen und drei im liberalen Lager befinden. Die Gleichberechtigung der Juden wird in England eben von keiner Partei mehr angefochten, und so haben die Inden es nicht mehr nöthig, sich speziell einer bestimmten Partei anzuschließen. — Bei den in der letzten Zeit in ganz England stattgehabten Bürgermeisterwahlen sind nebst Sir Marcus Samuel, der zum Lordmayor von London gewählt worden ist, noch zwei weitere Juden zu Bürgermeistern englischer Städte gewählt worden. In Gr ave send ist der jüdische Stadtverordnete H. E. Davis, ein Mann, der sich um die Organisation der Feuerwehr in England große Verdienste erworben hat, mit überwiegender Majorität zum Bürgermeister gewählt worden. Wichtiger als die Wahl in Gravesend ist die Wahl des Unterhausmitgliedes Kapitän H. M. Jessel zum Bürgermeister von Westrninster. Damit ist nebst der City of London auch die City os Westminster, der Sitz der englischen Negierung und des englischen Parlaments, jüdischen Händen anvertraut. Kapitän Jessel, der bereits mit der Mayorskette geschmückt zum Lordmayor-Banket in der Guildshall erschienen war, ist der Sohn des Sir Georgös Jessel und. Schwiegersohn des Sir- Julian Goldsmid, Kapitän bei den 17. Lancers und der Royäl- Berkshire-Aeomanry; er steht jetzt in feinem 47. Lebensjahre und ist Mitglied des Unterhauses sür South St. Pancras. Als solches hat er bei allen Verhandlungen über Kommunalangelegenheiten lebhaften Antheil genommen und wurde wegen seiner Verdienste auf dem Gebiete der kommunalen Gesetzgebung vom Lord Onslow zürn Bürgermeister von Westminster vorgeschlagen und dann einstimmig gewählt. Von Nah und Fern. ---- Dem Verlagsbuchhändler SiegmundG erstmann. Vorsteher der 18. Armenkommission, wurde am 22. d. M. zu feinem 25 jährigen Jubiläum als unbesoldeter Gemeindebeamter im Aufträge des Magistrats eine Glückwunschadresse durch Stadtrath Dr. Münsterberg überreicht. — Das Landgericht I zu Berlin hat am 7. Juni d. I. den Herausgeber der „Israelitischen Wochenschrift", HerrnM. A. Klausner, wegen Beleidigung des antisemitischen Schriftstellers Dr. Giese zu 100 Mark Geldstrafe vernrtheilt, weil er bei der Verhandlung eines von Giese gegen ihn angestrengten Prozesses die inkriminirten Aeußerungen wiederholt hatte, daß Jeder, der die „Nitualmord"- Anklage erhebt, ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus gehöre. Auf die eingelegte Revision hat das Reichsgericht in Leipzig in Uebereinstimmung mit dem Reichsanwalt entschieden, daß dasUrtheil aufzuheben und die Sache an das Landgericht zurückznverweisen sei. — Am 20. v. M. feierte der älteste Beamte der jüdischen Gemeinde, der Kassenbote Herrmann Rieß, Kl.Hamburgerftrabe 7, sein 25jähriges Jubiläum als Beamter der jüdischen Gemeinde. — Frau Salome Ginsberg geb. Seidenmann hat gelegentlich ihres vor einigen Tagen stattgehabten 70. Geburtstages einer größeren Zahl hiesiger jüdischer Wohlthätigkeitsaustalten den Betrag von 10 000 Mark überwiesen, unter welchen die Armenkommission und das Krankenhaus mit namhaften Beträgen bedacht worden sind. — Der Justizrath Sigmund Loewy, Rechtsanwalt und Notvr a. D., ist hier im 81. Lebensjahre am 30. v. M. gestorben. — Der in dem Prozeß gegen den Grafen Pückl er-K l.-T schirn e vor der nennten Strafkammer des Landgerichts I angesitzt gewesene Termin ist aufgehoben und ein neuer Termin aus Donnerstag, den 4. Dezember, Vormittags 9V2 Ubr, angesetzt worden. In diesem Termin soll die noch unerledigt gebliebene Anklage wegen Beleidigung der Richter der zweiten Strafkammer von Anfang an noch einmal verhandelt werden. — Der Kaufmann Martin Ephraim hat anläßlich der Einweihung der Nuhmeshalle in Görlitz den Kronenorden IV. Klasse erhallen. — In Halle ist am 30. v. M. der Justizrath und Notar a. D. Samuel Hoeniger im 74. Lebeusjahre gestorben. — In Stargard i. P. sollte sich wegen Beleidigung gegen Gerichtspersonen am 29. v. M. vor der Strafkammer der Pastor Krösell aus Kloxin verantworten; zu diesem Termin waren auch zwei Berliner Rechtsanwälte geladen. Aber weder sie noch der Angeklagte erschienen. Der Gerichtshof beschloß, nach der N. Stett. Ztg., Vertagung der Sache und Vorführung des Angeklagten zu einem neuen Termin.—Gegenüber der Behauptung, daß kein Jude in Lippe-Detmold ein Ehrenamt bekleide, wird uns mitgetheilt, daß Herr Js aa k H ochfel d in Lemgo seit langen Jahren Stadtverordneter daselbst ist und als solcher allgemein beliebt ist. — Der Rabbiner Dr. Heilbronn in Weikersheim, O.-A. Mergentheim, ist seinem Ansuchen gemäß in den Ruhestand versetzt worden. — Dr. Sigmund D6csey in Budapest ist als der erste Jude Ungarns, der zu dieser Würde gelangt, zum Senats- Präsidenten der königlichen Kurie, des höchsten Gerichtshofes, ernannt worden. — „Adeverul" veröffentlicht einen geheimen Ausruf des großen Antisemitenkomitees, durch welchen die Mitglieder der rumänischen antisemitischen Allianz zum 7. Kongresse eingeladen werden, der am 8./21. November unter Betheiligung des Sektionspräsidenten und Delegirten aus der Provinz stattfinden wird. — Die Pariser ^eaäemie äes 1u8eiiption8 et Keiles keltros hat dem Rabbiner Israel Lävi in Paris sür seine Ausgabe des Buches Sirach den Preis bewilligt, der sür die beste Arbeit des Jahres auf dem Gebiete der orientalischen Wissenschaft ausgesetzt ist. — An der Meldung des Petersburger Korrespondenten der „Köln. Ztg.", der Oberprokurator Pobjed on oszew habe sein Abschiedsgesuch eingereicht und der Zar dasselbe angenommen, ist leider kein Wort wahr. — In Charkow wurde Dr. Kohan - Bernstei n zum Krönrabbiner gewählt. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.