Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Jahrgang. Ar. 49. Dk? ^».5.0^^1902 Weitage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8.. Berlin, 30. November. Die heutige Repräsentanten- Versammlung, welche durch die Anwesenheit von 13 Mitgliedern gerade beschlußfähig war, verfiel der Vertagung. Vor Eintritt in die Tagesordnung bat Professor Geiger, aus Rücksicht darauf, daß der Trauerfeier um den verstorbenen Herrn Leopold Minden viele Mitglieder beiwohnen wollen, in eine Vertagung zu willigen. Herr Louis Sachs,! welcher gern den Punkt der Gehaltsfrage der Religionslehrer berathen wissen wollte, konnte diesen Wunsch nicht durchführen, da Professor Geiger den Saal verließ und durch diese „Obstruktion" die Beschlußunfähigkeit der Versammlung herbeigeführt war. Die nächste Sitzung findet in acht Tagen statt. Berlin, 30. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Litte ratur sprach am 27. d. M. vor einem ebenso zahlreichen wie distinguirten Auditorium der Professor der evangelischen Theologie an der Wiener Universität Dr. Ernst Sellin über seine Ausgrabungen in Palästina. Da wir schon in nächster Zeit einen Aufsatz über dieses Thema aus der Feder dieses kühnen Forschers bringen werden, erübrigt sich wohl ein weiteres Eingehen an dieser Stelle auf den höchst interessanten und mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Vortrag, der auch durch Lichtbilder wirksam erläutert wurde. — Aus den auswärtigen Litteraturvereinen: In Potsdam sprach Dr. Kelter über „Die Poesie der Bibel"; in Königsberg Dr. Perles über Schreiners Werk: „Die jüngsten Urtheile über das Judenthum"; in Jnowrazlaw Dr. Kö nigsberg er-Pleschen über „Liebe und Freundschaft in Bibel und Talmud"; in Lis sa Dr. Bäck- Oppeln über „Maimonides und seine Zeit"; in Hamburg Dr. Lewinsky-Hildesheim über „Eine Religionsdisputation in Hannover zu Beginn des 18. Jahrhunderts"; in Lage Dr. Mannheimer-Oldenburg über „Der Talmud"; in Leipzig Dr. Simchowitz'Kölu über „Zangwills Ghettonovellen"; in Hörde Dr. A. Kahn-Bonn über „Die jüdische Frau und ihre Aufgaben"; in Barmen Dr. Grabowski über „Shylock und Nathan"; in Elberfeld Dr. G o ldschmi d t-Offenbach über „Die Poesie der Gebete Israels" und über „Zarathustra, Nietzsche und Moses"; in Essen Dr. Frank-Köln über „Der Kamps um den Talmud zu Anfang des 16. Jahrhunderts"; in Köln Dr. Adolph Kohut über „A. v. Humboldt und das Judenthum"; in Siegburg Lehrer Goldschmidt-Köln über „Raschi"; in Neuwied Dr. med. Lichtenstein über „Moses Mendelssohn"; in München Dr. Werner über „Weltschmerz und Judenthum"; in Augsburg Dr. Adolf Brüll über „Ein Gang durch einen talmudischen Traktat"; in Speyer Dr. Se lig mann-Frankfurt a. M. über „Der dramatische Höhepunkt in der Geschichte des Judenthums"; in Pirmasens Dr. Adolf Brüll über „Die Stellung des Judenthums zum Christenthum" und in Stuttgart über „Die Mischehe im Lichte der Geschichte". — Neue Litteraturvereine wurden begründet in Mülheim a. d. R. und in St. Johann, wo Dr. Frank-Köln den ersten Vortrag über „Eine Wanderung durch die jüdische Geschichte" gehalten hat. — In Schönlanke wurde die Jahresversammlung des Verbandes der jüdischen Litteraturvereine „Posen Nord" abgehalten, zu welchen! die Vereine aus Schneidemühl, Kolmar i. P., Rogasen, Tremessen. Filehne und Schönlanke gehören, und wurde der Vorstand wiedergewählt. Vorsitzender ist Herr Bankier Berliner in Schneidemühl. e. Berlin, 30. November. Im „Akademischen Verein für jüdische Geschichte nnd Litte ratur", welcher in diesem Semester sein 20jähriges Stiftungsfest feiert, hielt am Dienstag den 25. d. M. das Ehrenmitglied des Vereins. Herr Professor Dr. Philippsou. einen überaus interessanten Vortrag über „Die Juden im mittelalterlichen England". Der Redner führte an, in welch ruhigen Verhältnissen die Juden anfangs in England lebten, wie sich ihre Lage aber durch das Scheitern der Kreuzznge verschlechterte. Fortan waren die Juden ein Spielball in der Hand ihres Königs. Den Schutz, welchen die Regierung ihnen scheinbar gewährte, mußten sie durch große Summen Geldes erkaufen. Als die Juden schließlich die schweren Geldopfer nicht mehr zu bringen im Stande waren, wurden sie gänzlich des Landes verwiesen. Der Redner betonte ausdrücklich, daß nur die Verarmung der Juden der eigentliche Grund zu ihrer Vertreibung gewesen ist, nicht wie vielfach behauptet wird, daß religiöse Gründe die Veranlassung dazu gegeben hätten. Ueber 300 Jahre mußten die Juden England meiden, erst Oliver Cromwell gestattete ihnen die Rückkehr. Reicher Beifall seitens der Mitglieder, alten Herren und zahlreich erschienenen Gäste lohnte den Vortragenden. In dem sich daran anschließenden gemächlichen Theil gedachte besonders a. H. Dr. Kettermann der großen Verdienste des geschätzten Ehrenmitgliedes. Er stellte Herrn Professor Dr. PhiliPPson als Vorbild hin, dem nachznstreben Aufgabe eines jeden Studenten sein müsse. Professor PhiliPPson dankte dem Redner und ermahnte die studirende Jugend, die leider so sehr vernachlässigte jüdische Geschichte und Lilteratur zu Pflegen und diesen Verein zu unterstützen, welcher sich die hohe Aufgabe gestellt hat, die Wissenschaft des Judenthums zu fördern. 22 Berlin, 28. November. Der Bericht über das Reichen hei rusche Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde, Weinbergsweg Ile, für 1901/1902 ist soeben erschienen. In der Anstalt wurden 75 Waisen erzogen, und zwar 42 Knaben und 30 Mädchen. Die Gesammtausgaben betrugen im Berichtsjahr 48,703 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einen Gemeindezuschuß von 22,690 Mark aufgebracht wurden. Für je einen Zögling betrugen die Gesammtausgaben 786 Mark, die Ausgaben für die Beköstigung auf den Tag 0.46Mark. Die an der Anstalt bestehenden Stiftungen sind durch eine Oswald Berliner-Stiftung vermehrt worden. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, doch wird ihnen in der Anstalt noch Unterricht in Gesang, Turnen und Kerbschnitzen ertheilt. Das Waisenhaus steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums, dessen Vorsitzender Dr. med. Julius Stern ist, und unter der segensreichen Leitung des Direktors Dr. Moritz Jutrosinski. L w Berlin. 1. Dezember. Die Bibliothek der jüdischen Gemeinde, Oranieuburgerstraße 60—63, ist im Wintersemester geöffnet: Sonntag. Mittwoch und Freitag von 10 bis 2 Uhr; Montag, Dienstag. Donnerstag und Sonnabend von 6 bis 9 Uhr Abends. 22 Berlin, 1. Dezember. Der Verein für jüdi s che Krankenpflegerinnen zählt 53 Schwestern und Schülerinnen, und liegt eine so große Zahl von Anmeldungen neuer Schülerinnen vor, daß der Vorstand in der glücklichen Lage ist, eine Auswahl der Besten treffen zu können. Die Schwestern, welche zum Theil in festen Stellungen im hiesigen Krankenhaus und auch in auswärtigen Gemeinden Dienst thun, sind in weitesten Kreisen so gesucht, daß sie nur selten Ruhetage haben, und eine Vermehrung ihrer Zahl dringend erwünscht ist. Anmeldungen sowie jede weitere Auskunft wird von der Oberin Fräulein Rose Blau im Schwffternheim, Auguststraße 17, gern ertheilt. Berlin, 30. November. Unsere Gemeinde hat einen tiefschmerzlichen Verlust erlitten. Einer ihrer Besten und Edelsten, das Ehrenmitglied der jüdischen Reformgemeinde Leopold I. Minden ist am 27. d. hier im Alter von 81 Jahren gestorben. Vor einigen Tagen kam er im Zimmer zu Fall, zog sich dabei einen Oberschenkelbruch zu und kränkelte infolge dessen. Der Verstorbene hat sich durch seine Bestrebungen auf humanitärem Gebiete wohlverdient gemacht. Er gehörte viele Jahre lang dem Vorstande der jüdischen Reformgemeinde an. Wir haben schon bei verschiedenen Anlässen das Leben upd Wirken des vortrefflichen Mannes geschildert, so daß uns heute fast nichts Neues mehr zu sagen übrig bleibt. Nehmt Alles nur in Allem, Ihr werdet seinesgleichen nimmer wieder sehen! — Ein stummberedtes Zeugnis; für die Bedeutung des Verblichenen und für seine Beliebtheit war die Leichenfeier, die heute in dem Gotteshause der Reformgemeiude stattfand und die daran sich schließende