Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 588 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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588 wehren muß; und es wird dann Ihre Pflicht sein, wenn Sie, Ihrer Litelankündigung gemäß, ein „unparteiische- Organ" sein wollen, Ihren Vorwurf zu begründen. Denn unparteiisch sein heißt doch wohl. Jedermann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auch wenn er nicht gleichen Stammes und gleicher Denkweise ist — unterschiedslos. Wenn Sie sich vorher einigermaßen hätten über meine Denkweise orientiren wollen, hätten Sie in meinen Schriften leicht finden können, daß ich die Nassenfrage in durchaus objektiver Weise behandelt habe. Das ist mir u. a. von dem „Wiener Jüdischen Volksblatt" unumwunden zugestanden worden, das gleichfalls zu der Auseinandersetzung Stellung nahm und noch ganz kürzlich von Dr. Sokal bei Besprechung meines jüngst erschienenen Buches „Nasse und Milieu". Sie kennen aber meine einschlägigen Arbeiten nicht, so muß ich annehmen, und dennoch bringen Sie. eine so schwere Anschuldigung, die sich danach allein auf die von Ihnen in Nummer 46 citirte Stelle aus meiner Entgegnung aus Dr. Rieger gründen kann. Diese Stelle besagte aber weiter nichts, als daß die heutigen Juden „typische N asseu Merkmale" aufweisen, so gut wie die anderen Nationalitäten ihre typischen Merkmale und Charaktere haben. In dieser Aeußerung nun eine mit bewußter Absicht betriebene Herabsetzung des Judenthums zu finden, das ist — nehmen Sie mir das nicht übel — eine solche Ungeheuerlichkeit, daß ich wirklich keine Worte dafür habe. Wollen Sie wirklich behaupten, daß Ihre heutigen Stammesgeuossen keine typische Gesichts- und Schädelbildung aufweisen? Das schlüge doch — selbst ohne irgend welche anthropologische Kunde — der einfachsten Wahrnehmung direkt ins Gesicht. Und wenn Sie darin wirklich eine „Beleidigung" erblicken zu sollen glauben, daß man Ihren Stammesgenossen solche charakteristischen Merkmale zuschreibt, dann beweisen Sie damit nur, daß Ihnen sowohl wie Herrn Dr. Rieger, der zuerst daran Anstoß genommen. die „wissenschaftlichen Forschungen der modernen Anthropologie", die Sie gegen mich, der ich seit Jahren in denselben stehe, ins Feld führen, gänzlich fremd sind. Denn wenn Sie damit nur ein wenig vertraut wären, daun würden Sie sich nicht gegen die „typischen Merkmale" Ihrer Nasse wehren und diese abzuleugnen suchen, sondern diese vielmehr erst recht betonen und herausheben. Mit einem Wort, Sie würden stolz daraus sein, überhaupt typische Merkmale zu besitzen und den Stolz Ihrer Rasse in solchen finden. Denn gerade in seiner rassenhaften Eigenart, von der die Merkmale äußeres Zeugnist ablegen. hebt ein Volk, ein Stamm sich aus der großen Masse, aus dem allgemeinen Völkerbrei heraus. Die typischen Merkmale sind das, was der Anthropologe den aristokratischen Zug eines Volkes nennt. Sie bekunden, daß ein solches noch Eigenart und schöpferischen Werth in sich hat und noch nicht vollständig abgestorben und ausgeglichen ist. Fragen Sie welchen Anthropologen Sie wollen, er wird Ihnen dieselbe Antwort geben, und fragen Sie Ihre gesunde Vernunft, ob die Ihnen etwa anders sagt. Ihre Ablehnung der typischen Merkmale besagt also nichts anderes als: wir Juden wollen keine Eigenart mehr sein, wir wollen keinen Rassencharakter haben, kurz, wir wollen zum allgemeinen Völkerbrei gehören bezw. darin verschwinden. Während Sie meinen, ich beleidige Ihr Volk, thun Sie ihm damit also die ärgste Beleidigung und Herabsetzung an, die es für ein Volk giebt. Wenigstens würde ich es z. B. für eine solche des deutschen Volkes halten, wenn mall ihm die typischen Nassencharaktere abspräche; gerade worin dieses sich überlegen zeigt und reicher als etwa die romanischen Nationen, das ist seine individualisirende Kraft, die sich nicht allein in seinen ausgeprägten Rassenmerkmalen, sondern in der weiteren Ausprägung von Stammestypen und Charakteren bekundet gegenüber den ausgeglicheneren Romanen, denen solche abhanden gekommen sind. Ein Volk, das in diesem Sinne keine Eigenart mehr zeigen will, das giebt sich selbst auf. und wenn die Juden ihre „Merkmale" verleugnen wollen, dann wollen sie ganz einfach nichts mehr sein, daun wollen sie nicht mehr sein. Uns Deutschen könnte das ja nur lieb sein, und wer hierein wenig schärfer sieht, dem dürfte nicht entgehen, daß ich bei dieser Gelegenheit — unbeabsichtigt, aus reinem, objektiven wissenschaftlichen Interesse — den wahren Vortheil des Judenthums, vertheidige, während mein unbekannter Gegner, sein Stammesgenosse, sich als dessen Feind erweist. Jedenfalls, wenn er solchermaßen die Konsequenzen aus seiner Ablehnung und Verleugnung der „typischen Rassen- Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Merkmale" zöge, dann müßte er über seine eigenen Worte nach« denklich werden. Im Uebrigen bin ich überzeugt, daß auch Herr Dr. Oppenheimer in allen hier berührten Punkten mir und nicht dem Artikelschreiber der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Recht geben würde, und ich wünschte, der Letztere ließe es einmal auf die Probe ankommen! Seine Entgegnung Fluf meinen „Völker-Undank" hat dem nirgends widersprochen; sie betraf ganz andere Gesichtspunkte des Rassenproblems. In der Erwartung, daß diese meine ergänzenden Aeußerungen nicht nur zur Richtigstellung meines Standpunkts, sondern zur Klärung der einschlägigen Fragen überhaupt beitragen werden, empfehle ich mich Ihnen Hochachtungsvoll ergeben Heinrich Driesmans. 4 Sehr geehrter Herr Doktor! er in der vorigen Nummer S. 561 veröffentlichte Brief Herz Hombergs an Nicolai vom 28. November 1783 schließt mit den Worten: „Uebrigens sind zu den Begünstigungen des bekannten Edikts keine weiteren hinzukoinnien, allster daß der Kaiser den Juden eine Stadt in Ungarn Namens Thoren, zum Handel auf Jahr* markten erösfuete, die ihnen immer verschlossen gewesen und der Beitritt zu derselben unter keinem Zoll erlaubt war." Der Satz ist unverständlich, selbst wenn man statt „Zoll", was übrigens richtig ist, „Fall" liest. Eine Stadt Thoren existirt in Ungarn nicht. Statt Thoren ist zu lesen Thirna u-Tyrnau. Die Juden wurden im Jahre 1494 aus Tyrnau verbannt, der Jude durfte das Weichbild der Stadt unter keinem Zoll, d. h. selbst wenn er den Eintrittszoll erlegen wollte, betreten. Erst im Jahre 1783 wurde auf Befehl Kaiser Josef II. den Juden der Eintritt in die Stadt wieder gestattet. Der erste Jude, der nach nahezu zweihundert und neunzig Jahren sich 1783 innerhalb der Ringmauern Tyrnaus wieder niederliest, war Josef Löb Wolf; derselbe errichtete, da die Juden die Jahrmärkte in Tyrnau besuchten, dort eine jüdische Garküche. Hochachtungsvoll Dr. Kayserling. Budapest, den 12. November 1902. Sehr geehrter Herr Redakteur! s ist ohne Zweifel für Ihren Leserkreis von Interesse, daß die erste P r i v a t st e r n w a r t e in Berlin von einem Juden begründet wurde. Sie stand hinter dem Krollschen Lokal aus der Beerschen Villa, die dem Vater Meyerbeers, Jacob Herz Beer, der auch hier eine Synagoge gebaut hat. gehörte. Die Decke des Musiksaales schmückten Gemälde, welche die zwölf Zeichen des Thierkreises darstellten. In dem großen Garten erhob sich ein Belvedere in Gestalt eines dorischen Tempels, dessen Plattform ebenfalls zn Himrnelsbeobacbtungen diente. Dasselbe trug die Inschrift: »Introite nam et die vn sunt" (tretet ein, denn auch hier wohnen die Götter). Auf dieser Sternwarte arbeiteten Wilhelm Beer und sein Sohn, der bekannte Astronom Johann Mädler, Schreiblehrer am Seminar für Stadtschulen, der es später zum Direktor der Sternwarte Dorpat und zur Exzellenz brachte. Auf der Beerschen Sternwarte entstand seine berühmte Karte der Mondoberfläche mit ihren Kratern und Ringwällen. Berlin, im November. Hl. O. 4 Berichtigungen. Geehrter Herr Redakteur! In meiner Notiz (S. 576) ist vor „geistig" der und vor der Klammer e5. ausgefallen, was ich zu beachten bitte. Gothenborg, 30. November. Wolfs. 4. In dem Artikel über den Genremaler Hirschfelder in Nr. 46 und 47 dieses Blattes ist durch ein Versehen der Vorname des Künstlers falsch wiedergegeben worden. Derselbeheißt Salom on, nicht Samuel Hirschselder. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.