Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 587 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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587 Arrestantenhaus bringt und Dich noch vor Gericht ladet. Es hängt ganz davon ab, wie der Kommandeur diese Angelegenheit betrachtet. Es ist übrigens nicht zum ersten Mal, daß Du die Reichskasse spitzbübisch bestiehlst." Der alte Feldwebel und Bootsmann zugleich sprach allem Anschein nach streng und gleichgiltig, doch seine Augen drückten Mitleid aus für diesen gar zu geschickten und kühnen Matrosen. „Versuch' Du mal, Du Teufel, die Sachen wiederzubekommen! Ich werde es bis Abends nicht melden, doch länger darf ich es nicht verheimlichen, mein Dienst, wie Du weißt, gestattet es nicht," setzte der Alte fort, nicht ohne einen herzlichen Ton in der Stimme. „Habe Dank dafür, Awdej Trifonitsch, doch melde Du lieber es gleich dem Kommandeur.... Was wäre da wohl abzuwarten?" „Mach' Du Dich nur nicht so wichtig, denn es wird tüchtige Prügel geben! Ich sage es Dir doch: versuche die Sachen wieder zu bringen. Ich warte bis heut' Abend.". Jssajka der schon lange in seiner Ecke bei der Arbeit saß, erfuhr sofort das Unglück das dem Rjaboj drohte, und sein Gesicht drückte Theilnahme und zugleich einen inneren Kamps aus. So saß er eine zeitlang da, die Segelnadel heftig hin- und herbewegend, dann stand er entschlossen auf und ging zu Rjaboj, der mürrisch dastand. „Weißt Du, wohl, Brüderchen, was ich Dir sagen werde?" sagte Jssajka niit seinem feinen Stimmchen, das geheimnißvoll klang. Rjaboj richtete seine bösen Augen fragend auf Jssajka. „Weißt Du, was ich Dir sagen werde?" „Was langweilst Du mich mit Deinem „was ich Dir sagen werde," sag' es nun endlich!" „Für wie viel hast Du Deinen Mantel versetzt?" „Was geht Dich das an? Was kriechst Du zu mir?" „Sage es mir nur, ich muß es wissen!" sagte Jssajka, freundlich mit den Augen zwinkernd. „Weiß es der Teufel!" „Hm . . . Hast Du dafür nur getrunken und daares Geld nicht bekommen? Wie viel hast Du getrunken? Zwei Hoff?" „Kannst auch einen halben Eimer rechnen. Ich verstehe zu trinken, bin ja kein Jude, bin doch getauft!" „Ei, ei! Einen halben Eimer!" rief Jssajka entsetzt aus. „Doch sag' mir nur, was Du vorhast?" fragte Rjaboj, Jssajka etwas gutmüthiger ansehend und ganz über seinen ungewöhnlich theilnahmsvollen Gesichtsausdruck erstaunt. „Ich will Deinen Mantel holen!" versetzte Jssajka sanftmüthig. „Erkläre Du mir nur, in welcher Kneipe Du ihn gelassen hast." „Du?!" stammelte Rjaboj und konnte im ersten Augenblick nicht weiter sprechen, tief über diesen großmüthigen Vorschlag gerührt. „Ich werde es Dir ewig gedenken, Jssajka! Du hast mich aus meiner Noth befreit!" sagte endlich Rjaboj mit vor Aufregung bebender Stimme und fügte hinzu, um, wie es schien, seine Gefühle vollkommener zu schildern: Ein Jude und dabei so herzensgut! Jssajka lächelte bei diesem Kompliment ganz unbemerkt und fing an, recht ausführlich alles zu befragen. Rjaboj erklärte genau und fügte befangen hinzu: „Der Wirth wird sich wohl theuer dafür zahle«: lassen. Es kann auch sein, daß er fünf Rubel fordert!" Jssajkas Gesicht nahm den Ausdruck eines Geschäftsmannes an, der im Begriffe steht, einen Handel einzugehen, und wieder mit dem Ange verschmitzt zwinkernd, sagte er: „Hab' Du nur keine Angst! Jssajka wird schon handeln und keine übrigen Kopecken zahlen. (Schluß folgt.) Literarische Mittheilungen. Die von Karl Emil Franzos herausgegebene Halbmonatschrift „Deutsche Dichtung" (Concordia Deutsche Verlagsanstalt, Berlin) derzeit die älteste, aber auch die vornehmste derjenigen Zeitschriften, die sich zum Ziele setzen, gleichzeitig eine Heimstätte der künstlerischen Produktionen in Prosa und Vers und ein gut orientirendes Literaturblatt zu sein, beginnt ihren XXXIIl. Band mit einem Hefte <1. Oktober 1902) von ebenso reichem wie gediegenem Inhalt. An der Spitze steht eine Reihe italienischer Volksballaden in der Uebersetzung Paul Heyses, die neuerdings seine Meisterschaft auf diesem Gebiete bewähren. Ein frisches und humorvolles Reisebild hat Karl Emil Franzos beigesteuert. Auf dem Gebiete des Dramas bietet die Zeitschrift diesmal eine gedankenvolle dramatische Dichtung von Adolf Wilbrandt: „Die Tobten leben." Der Roman, der in diesem Hefte beginnt: „Arbeit" stammt aus der Feder einer jungen Dichterin, Maria Schade, die sich bereits durch ihre Novellen in unseren vornehmsten Revuen erfolgreich in die Litteratur eingeführt hat. Die Lyrik ist durch Gedichte von Ludwig Fulda. Karl Bleibtreu und eine Reihe jüngerer Talente vertreten, wie denn diese Zeitschrift überhaupt nicht nach dem Namen, sondern nach der Leistung frägt. Auch die Essays und die litterarischen Beiträge stehen auf gleicher Höhe. Einer von Karl Emil Franzos gestellten Anfrage entsprechend äußern sich in diesem Hefte eine Reihe unserer bedeutendsten Dichter und Schriftsteller in eingehenden Gutachten für und gegen den Plan der Gründung einer Deutschen Akademie nach Analogie der ^eaäenne trantzaise. Paul Heyse, Wilhelm Jensen, Adolf Wilbrandt, Eduard von Hartmann, Paul Lindau und Richard Dehmel sprechen sich gegen das Projekt aus. wogegen Ernst von Wildenbruch, Rudolf von Gottschall, Ferdinand von Saar, Professor Dr. Adolf Hausrath (Georg Taylor), Professor Dr. F.Kluge und Karl Busse für das Projekt eintreten. LitterarischeKritiken und eine Uebersicht neuer Bücher schließt das reichhaltige Heft der Halbmonatschrist, die bei relativ billigem Preise (M. 4.— für 6 starke Hefte vierteljährlich) Gutes und Bestes in vortrefflicher Ausstattung bietet. Sprechfaul. Sehr geehrter Herr! us Ihrer Nummer 46 ersehe ich Ihre wiederholte Stellungnahme zu der durch meinen Aussatz „Volker-Undank" veranlaßten Kontroverse über die Nassenfrage. Da Sie mir darin nicht völlig gerecht werden, bezw. meine diesbezügliche Stellung mißdeuten, bitte ich Sie höflichst, nachfolgender berichtigenden Ergänzung doch noch Aufnahme in Ihrem Organ gewähren zu wollen. Sie erklären, gegen eine Rassentheorie energisch Front machen zu wollen, die „in einer allen wissenschaftlichen Forschungen der modernen Anthropologie widersprechenden Weise und in der bewußten Absicht, das Judenthum herabzusetzen, geflissentlich verbreitet wird". Gleich darauf kommen Sie auf meine Zeitschrift „Ernstes Wollen" zu sprechen und rühmen die Entgegnung Dr. Oppenheimers auf meinen Aufsatz als ein „kräftiges und treffendes Wort", während Sie meine Bemerkungen zu der Entgegnung Dr. Riegers in Nummer 71 des „Ernstes Wollen" als „charakteristisch für jene — anfangs erwähnte — Auffassung der Rassentheorie" hinstellen. Sie beschuldigen mich danach also ganz unverkennbar, daß ich „in einer allen wissenschaftlichen Forschungen der modernen Anthropologie widersprechenden Weise und in bewußter Absicht das Judenthum herabsetze". Das ist eine schwere Anschuldigung, gegen die ich mich