Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 586 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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586 ließ er sich in den Schiffsraum hinunter, wo Jffajka Segel flickte und sagte: „Weißt Du, Jffajka. hundert Hiebe habe» mir die niederträchtigen Kerle gegeben." „Hundert? Ei, ei, ei!!" rief Jffajka erschrocken aus, doch traute er wenig der Rechnung seines Freundes, da das muntere Aussehen desselben sowie der Klang seiner Stimme bei weitem der Anzahl der erhaltenen Schläge nicht entsprachen. „Anch muß ich Dir gestehe», daß sie mich schrecklich gehauen haben. Besonders dieser Teufel Jschekuschkin . . . Weil ich mich gestern betrunken habe. Man sagt, daß ich grob gegen den wachthabenden Offizier war. . . . Und dabei kamt ich mich dessen beim bestell Willen nicht entsinnen. Bereite mir nur, Brüderchen, Deine Salbe vor. Auch werde ich Dich bitten, mir den Rücken einzureiben." Jffajka verstand es, eine Art Salbe vvrzubereiten, die, wie es die Matrosen behaupteten, den Schmerz im Rücken nach der Züchtigung stillte. „Ich werde es Abends, gleich nach Beendigung der Arbeit thun. Der Feldscher wird mir wohl das Nöthige dazu hergeben," antwortete Jffajka und fragte ängstlich: „Schmerzt es Dich sehr?" Das Gesicht Jssajkas trug einen solchen qualvollen Ausdruck, daß man glauben konnte, daß er der Gezüchtigte wäre. „Dazu wird man ja eigentlich geprügelt, daß es einem weh thut!" antwortete Rjaboj lächelnd. „Doch ich werde diesem gemeinen Kerl das Gesicht blutig schlagen, wenn wir erst wieder am Lande sind. Sei ganz ruhig. Schadet nicht, daß er Unteroffizier ist. In einen Brei will ich seinen Körper verwandeln!" fügte der Matrose hinzu, und sein sonst sehr gutmüthiger Blick drückte jetzt Schadenfreude aus. „Ei, ei, Jwanitsch! Wofür denn eigentlich?" „Weil er, Schinder der er ist, sich zu sehr bemüht hat beim Prügeln. Schlage nur zu, wenn es nun mal Dein Hundeamt ist, doch werde nicht grausam dabei." „Es wird nur schlechter dadurch werde», Jwanitsch! er wird es Dir nachtragen und wird sich an Dir rächen, wenn es wieder ..." Jffajka beendigte den Satz zartfühlend nicht, und seufzend setzte er hinzu: „Die ganze Schuld liegt am Branntwein." „Das ist es ja eben, Jffajka. Du bist doch ein kluger Mensch und willst es dennoch nicht verstehen, daß ein Matrose trinken muß. . . . Ohne Branntwein, Brüderchen, wäre unser Dienst zu trostlos. . . Begreife es doch, Jffajka." „Du bist ein Tollkopf, Jwanitsch! . . . Fürchtest Dich vor nichts. 100 Schläge? Ei, ei! Wie konntest Du das nur ertragen?" „Meine Haut ist schon dran gewöhnt. Habe ich ja auch, Gott sei Dank, nicht nur so eine Portion überstanden!" sagte Rjaboj, nicht ohne dabei zu prahlen. „Doch werde ich mich vor diesem Schurken nicht erniedrigen, wenn sie Dir, Bewußtlosem, den Rücken blau schlagen! Ich würde nichts dagegen einwenden, wenn ich nüchtern ihn angefahren, doch einen Betrunken darf man nicht zur Verantwortung ziehen! Ist es denn gewissenhaft?" „Ans Gewissen, Jwanitsch, denken die Menschen leider längst nicht mehr," sagte Jffajka nachdenklich. „Das ist es auch. Die Menschen haben ihr Gewissen vergessen und deshalb trink' ich ja. Schlage mich, wenn Dn willst, doch werde dabei nicht zum Thier! Ich werde auch 300 Schläge ertragen und doch nicht ins Krankenhaus gehen!" „Sieh' mal den nur an!" flüsterte Jffajka und blickte Rjaboj mit ehrerbietigem Staunen an. „Und Du, Jffajka, würdest wohl keine 50 ertragen? Selbst von so einer Kleinigkeit würdest Du Deinen Geist aufgeben. Dn bist gar zu schwach!" lachte Rjaboj, die hagere Gestalt Jsiajka's mit dem nachsichtigen Mitleid eines gesunden und kräftigen Menschen betrachend. Jffajka schloß bei diesen Worten vor lauter Schreckerl die Augen und erwiederte mit einem ungewöhnlichen Ernst in der Stimme: „Und die Schande dabei? An der Schande allein kann man schon sterben . . ." „Schande? Was für Schande? Das quatscht Du nur zusammen vor lauter dummer Angst. Wenn sich jemand dabei wirklich zu schämen hat, so ist es nur Derjenige, der den Menschen nicht bedauert und ihn für jede Kleinigkeit Prügeln läßt... Doch für den Matrosen ist es keine Schande, und weil er so viel erlitten hat. wird ihm Gott vielmehr auf jener Welt alle seine Sünden verzeihen." Doch aus diesem Standpunkte stimmten die Beiden nie überein und verstanden einander nicht im Geringsten. Sie näherten sich vor sieben Jahren ganz unerwartet und durch einen ganz besonderen Zufall. Zwar befanden sich beide in ein und derselben Soldatenkompagnie des Kriegsschiffes „Pospeschnij", doch waren ihre gegenseitigen Beziehungen im Anfänge kühl und wenig freundschaftlich. Und wenngleich der stille, friedliche Jffajka ganz von ehrerbietiger Achtung gegen diesen tollkühnen, geschickteil Matrosen erfüllt war, dennoch konnten seine groben Ausschweifungen und Gelage am Lande, sowie seine nicht allzu feinfühlenden Begriffe über den Gelderwerb zum Zechen und die Gerüchte, daß Rjaboj nicht selten an finsteren Herbstabenden in öden Seitengassen verspätete Offiziere ausplündere, Jffajka wenig zu Gunsten Rjabojs stimmen. Letzterer seinerseits betrachtete Jffajka verachtungsvoll als einen „ekelhaften Juden" und zugleich einen schrecklichen Hasenfuß. Doch suchte er nie mit ihm Händel, da er es unter seiner Würde fand. An einem Sonntag, spät in der Nacht, wurde Rjaboj in die Kaserne in bewußtlosem Zustande und fast nackend gebracht. Er hatte seine Stiefel und den Mantel, die der Krone angehörten, versetzt. In der Rotte erfuhren es sofort All«, und man wußte genau, daß, weil der Mantel ganz neu war, Rjaboj nicht minder als 500 Schläge bekommen würde. Selbst er, der sonst so Unerschrockene, verlor den Muth, als er am anderen Morgen erwachte und das Geschehene erfuhr. Der Feldwebel gab ihm einige Ohrfeigen, doch mehr zur Wahrung seines Ansehens als zur Belehrung eines solchen unverbesserlichen Menschen und versprach es dem Kompagniekommandeur bis zum Abend zu verheimlichen, wenn Rjaboj den Mantel wiederbringe. Doch Rjaboj wußte nicht einmal für wie vidl er denselben in einer bekannten Kneipe, wo er immer zechte, gelassen hatte. Und wie wird er sich auch den Mantel verschaffen? Woher das nöthige Geld dazu nehmen? „Ich werde wohl schon mit meiner Haut dafür zahlen (büßen) müssen!" erklärte er ungezwungen, indem er versuchte, dem Feldwebel seine Herzensangst zu verbergen. „Sei Du darüber gar nicht im Zweisel! Du Hund, Du Trunkenbold! Man wird Dir schon Dein Fell schön durchgerben! Auch ist es leicht möglich, daß man Dich ins