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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 585

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 585 (sequence 11)
Language
German
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585 Sie sollten hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: „Ißt e möchlich" oder „es jinge wol, aber es jetzt nich." „Das gebildete Judenfräulein" war, nach dem Konterfei W. Hauffs, „graziös, das heißt geziert, sie war artig, ziemlich kokett, sie war naiv, Andere hätten es lüstern genannt." Und nun ihr Sprechen! „Ich liebe die Tiplomcrttiker," sagte sie zu einem Pseudodiplomaten mit seinem Lächeln und vielsagendem Blick. „Es ist so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Geschmack schon von ferne an, und wie angenehm riechen sie nach Lau äs?ortu§a1!" „Da haben Sie einen herrlichen Shawl angelegt, mein Fräulein, ist er wohl echt?" fragte sie der s. g. Diplomat. „Ah, sehen Sie doch," erwidert sie ihm, „meinen Sie. ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Shawl hat mir gekostet 800 Gulden, die ich in die Rothschildschen Loose gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hat gekostet 1600 Gulden und dieser Ring 2000. Ja. man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt Leute von dem juten Ton wie unser Eine." „Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?" „Finden Sie das ooch? Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf die Art meinen Jeist und mein Orkan aus." „Was lesen Sie, wenn man fragen darf?" „Nu, Belletres-Bücher von die schöne Jeister. I bin Abonnent j bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der weißen Schlange, und der verproviantirt mich mit Almanachs nnd Romancher." „Lesen Sie Goethe, Schiller. Tieck und dergleichen?" „Nee. das tu ich nich. Diese Herrn machen schlechte Jeschäfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu stndirt, nich natürlich jenung. Nee, den Jöthe les' ich nie wieder! Ich werde roth, wenn ich nur daran denke . . . Wer mein Liebling ist, das ist der Clauren. Nee. dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemnths, ach, es is was Herrliches! Und dabei so natürlich! Wenn mir die Anderen alle Vorkommen wie schwere vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit Triller,;, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, sowie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren accurat so vor wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hoppswalzer oder Galopp. Ach. das Tanzen kommt Eenem in die Beene, wenn man den liest. Es ist etwas Herrliches!" Wie schon erwähnt, hat W. Hauff die tragische Geschichte vom Glück und Ende des Juden Süß Oppenheimer, des unglücklichen württembergischen Finanzkünstlers, in einer höchst spannenden Novelle behandelt. Ich habe schon an einer anderen Stelle*) auf die vielen Schwächen dieser Erzählung, welche keineswegs 8ine ü-a et stuäio geschrieben ist, hingewiesen. Die in „Jud Süß" vielfach beliebte Verdrehung, Entstellung, ja sogar Fälschung der geschichtlichen Thatsachen ist um so beklagenswerther, als der Autor als Schwabe sehr wohl Gelegenheit gehabt hätte, ernste und gewissenhafte historische Forschungen anzustellen und statt eines Pasquills uns ein naturgetreues kulturgeschichtliches Bild aus dem Jahre 1737 zu liefern. Einigermaßen versöhnend wirkt in diesem Gewirr voll phantastischen Verleumdungen und Anklagen die vom Dichter geschaffene Figur der jungen, schönen Lea, der Schwester des Süß Oppenheimer, die mit rührender Liebe und Treue an dem unglücklichen Bruder hängt. Der Dichter hat sie mit dem ganzen Zauber und Liebreiz einer echten Tochter Zions ausgestattet. Er schildert ihr Aeußeres mit den Worten: „Man konnte ihr Gesicht die Vollendung ihrer orientalischen Vergleiche meine „Geschichte der deutschen Juden" und „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur" Jahrgang 1902. Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittetten Zügen, diese wundervollen dunklen Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern, diese kühngewölbten schwarzen Brauen und die dunklen Locken, dis in so allgenehmem Kontrast um die weiße Stirn und den schönen Hals fielen, und den Vereinigungs- Punkt dieser lieblichen Züge, zarte rothe Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben." Nur einmal, am Schluß seiner Erzählung, macht Wilhelm Hauff den Versuch, die entsetzlichen Greuel, die bei der Hinrichtung von „Jud Süß" stattfanden, gerecht und objektiv zu kennzeichnen. Diese Worte, welche einigermaßen versöhnend wirken, mögen auch diese Skizze versöhnend beschließen: „Sie hingen ihn — Jud Süß — an einem ungeheuren Galgen von Eisen in einem eisernen Käfig aus. Im Dekret des Herzog Administrator heißt es: „Ihme zu wohlverdienter Straff, jedermänniglich aber zum abscheulichen Exempel." Beides, die Art, wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und seine Strafe sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit, wo man schon längst die Anfänge der Civilisation und Ausklärung hinter sich gelassen, und die Blüthe der französischen Litteratur mit unwiderstehlicher Gewalt den gebildeten Theil Europas aufwärts riß. Man wäre versucht, das damalige Württemberg der schmählichsten Barbarei anzuklagen, wenn nicht ein Umstand einträte, den Männer, die zu jener Zeit gelebt haben, oft wiederholen und der. wenn er auch die That nicht rechtfertigt, doch ihre Nothwendigkeit darzuthun scheint. „Er z mutzte." sagen sie, „nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen, als für die Schandthaten nnd Pläne mächtiger Männer am Galgen sterben." Verwandtschaften, Ansehen, heimliche Versprechungen retteten die Anderen, den Juden — konnte und mochte Niemand retten, und so schrieb man, wie sich der alte Landschaftskonsulent Lanbeck ausdrückte, „was die Uebrigen verzehrt hatten, auf seine Zeche." Jssajka. Von K. S t a n j u k o w i c z. Aus dem Russischen vonAlexa » draRomm. IV. ssajka staunte unwillkürlich über die Wiederstandskraft und Tapferkeit, mit der viele Matrosen die Strafen ertrugen, die Jssajka solche Furcht einflößten. Besonders wunderte ihn einer seiner nahen Freunde, der einen scharfen Kontrast zu Jssajka bildete. Das war Iwan Rjaboj (der Pockennarbige), ein untersetzter, breitschulteriger und kräftiger Matrose von ungefähr 40 Jahren. Ein kühner, unerschrockener Mastwächter, der aufs Stockbindsel hinaufkletterte, d. h. die schwierigste und gefährlichste Arbeit auf der Nock (äußerstes Ende der Raa) ausübte. Zugleich ein Erzsäufer nnd liederlicher Mensch, von nicht sehr strengen Grundsätzen, der im trunkenen Zustande sehr streitsüchtig war. Man Prügelte Rjaboj oft genug, so daß er sich zuguterletzt dermaßen daran gewöhnte, daß er oft eine Wette darauf einging, bis zu 50 Schlägen mäuschenstill dazuliegen. Und thatsächlich stieß er keinen Laut von sich und lag da mit zusammengebissenen Lippen und verzerrtem Gesicht, ans dem große Schweißtropfen glänzten. Nachdem er sein Gläschen gewonnen hatte, fing er an leise zu schreien, da er dann, wie er behauptete, freier Atheui schöpfen konnte. Nach der Züchtigung, wobei er oft 100 Schläge bekam, stand Rjaboj ganz munter auf. zog sein Hemd wieder an und ging, ein Pfeifchen zu rauchen. Dann

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