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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 584 (sequence 10)
Language
German
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-84 heiten mit mehr oder weniger Nachdruck eingreifenden Personen den Schleier der Maja, das heißt der Phantasie und der phantastischen Erfindung, hüllen, aber was Wilhelm Hanfs in Bezug auf Wahrheit und Dichtung geleistet hat, übersteigt hie und da die Grenzen des Erlaubten. Greifen wir aus der Fülle seiner Erzählungen nur einige markante Stellen heraus, welche für die ganze Art und Weise dieses Autors, Juden und Jndenthum zu behandeln, in hohem Grade charakteristisch ist. Wilhelm Hauff ist als Märchenerzähler mit Recht bekannt und gefeiert. Biele dieser Märchen spielen im Orient, speziell in der Türkei, und beschäftigen sich auch mit den Juden. Natürlich hat der Verfasser für die edlen und lichtvollen Seiten derselben weder Sinn noch Empfindung, vielmehr sind für ihn die dortigen Kailfleute nichts als Schwindler, Betrüger, Wucherer und Halsabschneider. So lautet eines seiner Märchen: „Abner, der Jude, der nichts gesehen hat." Dieser Abner lebte in Marokko unter der Herrschaft des Sultans Muley Jsmael. Er wird vom Dichter mit diesen Worten geschildert: „Pfiffig, mit Falkenaugen für den kleinsten Vortheil begabt, verschlagen wie sie alle, nnd desto verschlagener, je inehr sie mißhandelt werden, ihrer Verschlagenheit sich bewußt und sich etwas daraus einbildend." Es würde mich zu weit führen, wollte ich das Märchen selbst erzählen, dessen Tendenz darauf hinausläuft, zu zeigen, daß auch ein Jude zu Schaden kommen könne. Ich erwähne nur, daß der Verfasser mit sichtlichem Behagen all die abscheulicheil Brutalitäten einer zügellosen Soldateska und eines wahnwitzigen Despotismus erzählt, ohne auch nur im Geringsten seiner Entrüstung über die schändlichen Orgien Ausdruck zu verleihen. Ohne jedoch es selber zu wollen, spottet er der eigenen Engherzigkeit, denn er endet seine „Geschichte von Abner, der nichts gesehen hat", mit den Worten, welche indirekt das härteste Verdannnungsurtheil über die Verfolger Israels nicht allein in Fez und Marokko, sondern in allen Ländern und allen Zeiten enthalten: „Im Reiche Fez und Marokko liebt man schnelle Gerechtigkeit und so.wurde der arme Abner geprügelt und besteuert, ohne daß man ihn zuvor um seine Einwilligung befragt hätte. Er aber verfluchte sein Geschick, das ihn dazu verdammte, daß seine Sohlen und sein Beutel es hart empfinden sollten, so oft seine Majestät geruhten etwas zu verlieren. Als er aber brummend und seuszend unter dem Gelächter des rohen Hosvolks aus dem Saale hinkte, sprach zu ihm Schnuri, der Spaßmacher: „Gieb dich zufrieden Abner, undankbarer Abner, ist es nicht Ehre genug für dich, daß jeder Verlust, den unser gnädiger Kaiser, den Gott erhalte, erleidet, auch dir empfindlichen Kummer verursachen muß? Versprichst du mir aber ein gut Trinkgeld, so komme ich jedesmal eine Stunde, bevor der Herr des Westens etwas verliert,H an deine Bude in der Judengasse und spreche: „Gehe nicht aus deiner Hütte, Abner, du weißt schon warum, schließe dich ein in dein Kämmerlein bis zu Sonnenuntergang, beides unter Schloß und Riegel.' Wie in jener Zeit Jude und Reichthum identische Begriffe sind, so auch bei Wilhelm Hauff. Mari lese zu diesem Zwecke nur das Kapitel in seinen „Memoiren des Satan", betitelt: „Mein Besuch in Frankfurt", worin er über den Frankfurter Rothschild und die jüdischen Börsenmatadore eine ganze Schale voll Spott ausschüttet. In einer „pantomimischen Vorstellung mit Begleitung des Orchesters" läßt er die Geldmakler von London, Berlin und Frankfurt am Main «in pus 6« 6«ux tanzen nnd sagt dann wörtlich: „Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über. Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: Heil dem großen Klimakan ertönte. Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Acht Finanzminister be-- rühmter Könige und Kaiser trugen auf ihre Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente Inschrift: „Seid, umschlungen Millionen" trug. Ein Herr mit einer pikanten: morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen nnd stellte den Triumphator vor. Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg „Das ist Rothschild, es lebe Rothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte nnd ries Bravo, daß das Haus zitterte." Rothschild giebt in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den Frieden, und der erste Akt der großen Pantomine endigt mit einem brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem allerhöchste» eder cousin gemacht wurde .... „Während zur Zeit des Königs David alle Juden nur einen König hatten, haben jetzt — 1826 — alle Könige nur einen Juden." Aber in einzelnen seiner poetischen Schöpfungen, z. B. in deii „Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin", wird der Spötter trotz aller seiner Sarkasmen gewissermaßen von einem Strahl der Erleuchtung durchglüht, indem er dem ewigen Juden gar manche bittere Wahrheiten über lächerliche Thorheiten und Auswüchse jener Zeit in den Mund legt. Wie amüsant sind nicht z. B. die satirischen Bemerkungen des ewigen Juden über den damals in Deutschland herrschenden chinesischen Zopf. Nicht übel sind auch seine Karikaturen der Tochter reicher Emporkömmlinge, welche in den 20 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, um reiche Männer mit Titeln und Titeln heirathen zu können, in leichtherziger Weise den Glauben ihrer Väter „changirten" und statt wahrer Herzensbildung eine aus Büchern mühsam zusammengelesene, oberflächliche Bildung für die Bedürfnisse des Salons sich aneigneten, um damit bei jeder paffenden und unpassenden Gelegenheit Staat zu machen. Wie eine blutige Ironie auf die Kreise der Berliner Salonperiode klingt die nachstehende Schilderung der Tochter eines süddeutschen Börseumatadors — die natürlich „Rebeckchen" heißen muß — in den „Memoiren des Satan". Der Graf Rebs, ein alter Norm, und der junge Herr Zertarner aus Dessau, welcher um die Hand der reichen Erbin anhält, unterhalten sich über Rebeckchen Simon — ihr Vater wohnt in der neuen Judenstraße zu Frankfurt a. M., das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild und besitzt eine Million — in folgender geschmackvollen Weise: „Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen?" „Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wolle». Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau machen lassen, so ist es ihnen eben recht; hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt das den Adel zur Noth auf, weil derselbe gewöhnlich keines hat." . „Und haben Sie keinen sonstigen Rival." „O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles freier und nobler geht als bei ihrem Volk und schämt sich in guter Gesellschaft, für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht preußisch.

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