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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 583 (sequence 9)
Language
German
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S8S Ehe zur Fahne des Christenthums schwört, weil er'sein Glück unter dem neuen Banner zu machen glaubt. Gerade so, wie rein jüdische Eltern heutzutage es über sich gewinnen, ihren Kindern den Taufschein in die Wiege zu legen, um es ihnen zu ermöglichen „mal was zu werden". — Außer diesen äußerlichen Momenten giebt es aber auch zweifelsohne innere Gründe, die den Kindern ans Mischehen das Christenthum nahelegen. Betrachten wir zunächst den jüdischen Vater in einer solchen Mischehe. Es ist leider bis in die jüngste Zeit hinein so gewesen, daß der größere Theil der Juden, weder was Abstammung noch Religion betraf, vom Judenthum etwas wußte oder überhaupt wissen wollte. Sowohl der Jude, der aus seinem Stamm die. Lebensgefährtin wählte, wie Derjenige, der die Mischehe einging, war darin gleich. Erst die neueste Zeit hat darin Wandel geschaffen. Selbstbewußtsein und Selbstachtung bei uns Juden sind Errungenschaften erst der allerletzten Jahre. So konnte bisher der Jude in einer Mischehe mit seinem Judenthum nicht prävaliren; er konnte unmöglich der jüdisch-christlichen Ehe den jüdischen Charakter aufprägen, den er selbst nicht besaß. Die zweite und hauptsächlichste Ursache aber, daß das Judenthum den Kindern aus Mischehen fernblieb, war und ist die gesellschaftliche Sperre, die von der jüdischen Anverwandtschaft über das jüdisch-christliche Ehepaar verhängt wird.') Mögen in manchen Fällen soziale Standesunterschiede dabei mitsprechen — es ist dennoch nicht zu leugnen, daß dem in die christliche Familie eintretenden Juden weit ^weniger Schwierigkeiten gemacht werden als der in das Judenthum eindringenden Christin. Die Kinder aus diesen Mischehen verfallen gewöhnlich demselben Boykott wie die Eltern. Was Wunder, wenn die Kinder den Haß lernen gegen die jüdischen Anverwandten, von denen sie zurückgestoben werden, und sich hiuneigen zu der christlichen Familie, die ihnen im Allgemeinen freundlich begegnet! Die Kinder aus solchen Mischehen identifiziren dann die jüdischen Verwandten mit dem Judenthum, die christlichen Vettern und Basen mit dem Christenthum. So erscheint ihnen von frühester Jugend an das Christenthum als das Symbol der Liebe, während sie dem Judenthum grollend den Rücken kehren. Wollen wir Juden also verhüten, daß das Judenthum durch Mischehen Abbruch erleide, so müssen wir unsere Herzen und den Kreis unserer Familien öffnen. Das Mädchen, dem sich unser Sohn in Liebe zuneigt, sie sei uns als Tochter willkommen! So wird auch die jüdisch-christliche Mischehe zur Größe des Jndenthums beitragen, nicht nur in numerischer und nationaler Beziehung, sondern auch in einem Punkte, den ich Eingangs bei Seite ließ: in religiöser Beziehung. Denn es liegt in der Art des edlen germanischen Weibes, dem Manne ihrer Wahl alles, was in ihr ist, auf dem Altar der Liebe darzubringen. Mit dem geliebten Manne wird sie, wenn jener im jüdischen Glauben, Denken und Handeln ein Charakter ist, auch das jüdische Religionsbekenntniß theilen: „Seine Wege sind ihre Wege, Sein Gott ist ihr Gott." y Nach unseren Erfahrungen ist diese Sperre auf Jiichtjüdischer Seite viel häufiger und viel schlimmer als aus jüdischer. Das Vorurtheil, das dem Inden in einer Mischehe von nichtjüdischen Verwandten entgegengebracht, ist sehr oft gar nicht zu überwinden und verursacht der jüdischen Frau viel Kummer und Herzleid. Die Red. Wilhelm Hauff. Bon Dr. Adolph Kohut. ^A8llas gemüthliche Land Schwaben hat in der Vergangenheit sowohl in politischer wie in konfessioneller Beziehung gar manches Ungemüthliche aufzuweisen; ich nenne nur die „Fürstengrust" auf Hohenasperg und die Hinrichtung des württembergischen Finanzministers Josef Süß Oppenheimer, genannt „Jud Süß". Auch die Dichtergrößen Schwabens haben hin und wieder einen merkwürdigen Judenhaß bekundet, der mit ihren sonstigen freiheitlichen Anschauungen in krassem Widerspruch stand. Sogar der herrliche Sänger der Freiheit und der Menschenwürde, der unsterbliche Dichterfürst Schiller, der doch wahrlich selbst unter der Zuchtruthe des Herzogs Karl Eugen von Württemberg so viel zu leiden hatte, war nicht ohne Vornrtheile gegen das Judenthum, und er hat in seinen Schriften und Briefen gar manches über Israel niedergeschrieben, was seines gewaltigen Genius nicht Werth war. Der Typus des Schwaben in Litteratur und Dichtung ist nach dieser Richtung hin der berühmte Erzähler Wilhelm Hauff, seit dessen Geburt am 29. November d. I. 100 Jahre verflossen waren. Obschon ihm nur eine kurze Lebensspanne hier auf Erden vergönnt war — er starb bereits am 18. November 1827, also noch nicht ganz 25 Jahre alt — hat er doch bereits die deutsche Nationallitteratnr mit einigen köstlichen Gaben seines Geistes bereichert. Seine Schöpfungen zeichnen sich durch Originalität, reiche und frische Erfindungsgabe, zündenden Humor, eine seltene Kunst des Erzählens und eine erstaunliche Mannigsaltigkeit aus. Als Novellist, Romanzier, Märchendichter, Satiriker, Kritiker und theilweise auch als Lyriker nimmt er einen Ehrenplatz ans unserem Parnaß ein. Gewiß hätte er noch Größeres und Bleibenderes geleistet, wenn der Sensenmann ihn nicht frühzeitig in der Blüthe seines Lebens gefällt hätte. Jung, wie er war, noch nicht zur volleil Reife des Genius gelangt, nicht gewohnt, an alte Traditionen und Vorurtheile die Sonde der Kritik anzulegen und seinem satirischen Grundcharakter die Zügel schießen lassend, betrachtete auch er das Judenthum als ein dankbares Objekt für Spott und Parodie. Sv machen wir denn die charakteristische Wahrnehmung, daß Wilhelm Hauff fast überall, wo er auf Juden nnd Jüdinnen, Bibel und Talmild, die Lehre, den Glauben und die Lebens¬ und Weltanschauung des jüdischen Glaubens zu sprechen kommt, einen Mangel an Objektivität bekundet, daß er da keine wahrheitsmäßigen Federzeichnungen, sondern nur Karikaturen zum Besten giebt. In der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts sind ja auch die Schwaben, die bekanntlich nach dem Vvlksjprichwort erst mit 40 Jahren Verstand bekommen, aufgeklärter geworden, und ihre Abneigung hat viel von seiner Schärfe verloren, wie wir dies ja bei David Friedrich Strauß und den Führern der Tübinger Schule sehen, die sich im Großen und Ganzen mit redlichem Eifer bemühten, auch dem Judenthum gerecht zu werden; aber noch in der ersten Hälfte des vorigen Säkulums war es in dieser Beziehung schlimm. Gewiß ist der Dichter in seinen poetischen Werken nicht an die strenge geschichtliche Wahrheit gebunden, und er kann um die Ereignisse der Vergangenheit und um die in die Begeben-

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